Verbrechen

Vergewaltiger muss mit neun Jahren Haft rechnen

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Ulrike Löw

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20.5.2021, 16:48 Uhr
Nach der versuchten Vergewaltigung am 5. August war die Spurensicherung am Ludwigskanal in Neumarkt.

© Andy Eberlein Nach der versuchten Vergewaltigung am 5. August war die Spurensicherung am Ludwigskanal in Neumarkt.

Es war etwa 18.30 Uhr, als die Joggerin am 5. August 2020 am Ludwigskanal in Neumarkt in der Oberpfalz eine Runde drehte. Ein fremder Mann grüßte sie, sie ignorierte ihn, doch ihre Zurückweisung ließ er nicht gelten. Er stellte ihr nach, packte sie und stieß sie vom Weg hinab in ein Gebüsch - der Albtraum einer jeden Frau. "Sie hatte Todesangst", schildert der federführende Ermittler der Kripo Regensburg nun im Zeugenstand vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth.

Und doch setzte sich die Sportlerin couragiert zur Wehr und ermöglichte, dass die Polizei nur vier Stunden später einen Serientäter schnappte.

An dem Abend hielt ihr der Angreifer ein Küchenmesser (20 Zentimeter Klingenlänge) an die Kehle. Er packte sie am Hosenbund. Er befahl ihr, still zu sein. Doch sie tat das Gegenteil: Sie schrie um Hilfe, griff in die Klinge.

"Sie hat schwere Verletzungen erlitten", sagt der Kriminalhauptkommissar. Doch damals gelang es der Frau, das Messer von ihrer Kehle wegzudrücken, sie schrie aus Leibeskräften. Der Mann würgte sie - und doch gelang es ihr, vor ihm zu flüchten. Sie kletterte die Böschung wieder hoch. Oben, am Weg, hatte unter anderem eine Frau, die gerade ihren Hund Gassi führte, bereits die Hilferufe gehört.

Am 27. Juli 2020 wurde eine junge Frau im Ludwigshain vergewaltigt.

Am 27. Juli 2020 wurde eine junge Frau im Ludwigshain vergewaltigt. © Alle Fotos: André De Geare

Und dann ging es an jenem Abend ganz schnell: Mehrere Spaziergänger alarmierten die Rettungskräfte, die Polizei startete eine großangelegte Fahndung mit Hubschraubern und Spürhunden. Die Joggerin konnte den Angreifer und das Geschehen gut beschreiben, und noch am selben Abend wurde der mutmaßliche Täter Ugwu I. gegen 22 Uhr in einer Asylbewerberunterkunft festgenommen. Am nächsten Tag wurde er dem Ermittlungsrichter vorgeführt, seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Serientäter: Er drohte mit einem langen Küchenmesser

Eine DNA-Analyse folgte und der Verdacht erhärtete sich: Dieser Mann hatte nur wenige Tage vorher bereits zwei weitere Frauen überfallen.

Die Serie begann am Abend des 25. Juli 2020. Damals bedrohte Ugwu I. (Name geändert) eine Frau am Schlossweiher mit einem langen Küchenmesser - und auch an jenem Abend stieß er auf Widerstand.

Die Frau trat ihm in den Unterleib, doch er attackierte sie mit dem Messer, brachte ihr eine Schnittverletzung am linken Zeigefinger bei, biss ihr in den rechten Oberarm, entriss ihr ein Mobiltelefon und knöpfte ihr 70 Euro Bargeld ab.

Nur zwei Tage später schlug er erneut zu. Am 27. Juli 2020 stellte er sich kurz vor Mitternacht im Ludwigshain einer 18-Jährigen in den Weg, sprach sie in englischer Sprache an. Sie wies ihn ab, sagte, sie sei auf dem Heimweg. Er drohte mit dem Küchenmesser, dirigierte sie in ein Gebüsch und fesselte ihre Hände auf ihrem Rücken.

Die Fesseln fühlten sich an wie ein Handykabel, gab die Frau später zu Protokoll. Er setzte seinen Willen brutal durch. Danach nahm er auch ihr das Handy ab. Die Frau schaffte es, in einem nahegelegenen Lokal die Polizei zu rufen.

Ein dunkelhäutiger Täter, der gebrochen Englisch und gebrochen Deutsch sprach und mit einem Küchenmesser drohte - für die Kripo Regensburg waren die Parallelen der beiden Überfälle unverkennbar.

Polizei schaltete Telefonüberwachung

Die beiden gestohlenen Handys wurden überwacht, um den Mann zu finden, eines der Geräte konnte geortet werden. Der Verdacht, dass er im Asylbewerberheim lebte, wurde stärker. Die Standorte des Handys wechselten zwischen Neumarkt, Regensburg und Nürnberg.

Doch damals lebten, aufgrund von Corona, mehrere Asylbewerber zeitweise in Quarantäne in Regensburg, und so geriet zunächst ein anderer Mann, auch auf ihn passte die Beschreibung, ins Visier der Ermittler. Heute ist klar: Dieser erste Verdächtige - er gab freiwillig eine DNA-Probe ab - ist unschuldig. Es war nur ein unglücklicher Zufall, dass auch er in der Tatnacht nicht in der Unterkunft war.

Rechtsmedizin lieferte Bissgutachten

Nun sitzt Ugwu I. vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth und über seinen Strafverteidiger Philipp Schulz-Merkel räumt er alle Vorwürfe, die Vergewaltigung, die versuchte Vergewaltigung und auch die Raubüberfälle, ein. Ohnehin lasten die Beweise schwer auf ihm: In der Unterkunft wurde eines der gestohlenen Handys sicher gestellt, Ugwu I. hatte in dem Gerät bereits eigene Fotos gespeichert. Nach den Taten hatte er DNA-Spuren hinterlassen und die Staatsanwaltschaft hatte ein Bissgutachten, dass zu seinem Zahnbild passt, bei der Rechtsmedizin eingeholt.

Er lege sein Geständnis auch deshalb ab, so Ugwu I. über seinen Rechtsanwalt, weil er heute hoffe, dass die Frauen auf diese Weise das Geschehen besser verarbeiten können, seine Taten wolle er nicht herunterspielen.

Als Asylbewerber habe er kaum Geld gehabt, Frauen lernte er nicht kennen. Doch seine sexuellen Bedürfnisse habe er nicht mehr unterdrücken können. Vor allem nach der Vergewaltigung der Schülerin im Ludwigshain am 27. Juli habe ihn sein Gewissen gequält, daher habe er sich unmittelbar nach der Tat bei der Frau entschuldigt. Heute sei er froh, dass sich die Joggerin am 5. August am Ludwigskanal so erfolgreich gewehrt habe.

Suizid-Versuch in der U-Haft

Rechtsanwalt Schulz-Merkel ergänzt: "Sechs Tage nach der Festnahme versuchte der Mann, sich in der U-Haft mit dem Anstaltsgürtel zu strangulieren und sich das Leben zu nehmen."

Bereits zu Prozessbeginn werden die Strafvorstellungen der Beteiligten bekannt: Während Staatsanwalt Markus Pinzer eine Freiheitsstrafe von mindestens zehn Jahren in den Raum stellt, denken die Richter der 2. Strafkammer an einen Strafrahmen von neun bis zehn Jahren.

Ugwu I., so beschreibt Timucin Türker, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, leide weder an einer seelischen Störung noch unter einer Suchterkrankung. In der U-Haft habe der Beschuldigte depressiv gewirkt, doch dies rühre wohl daher, dass er ahne, was ihn erwartet.

Ugwu I. sei in Nigeria in geordneten Familienverhältnissen aufgewachsen. Er habe zwar im Alter von fünf Jahren seinen Vater und eine Schwester verloren, beide wurden bei einem Raubüberfall getötet, doch er wurde regulär eingeschult. Da er aus einem armen Elternhaus stammt, die Mutter heiratete erneut, verließ er die Schule früh. Er absolvierte keine Ausbildung, sondern begann früh zu arbeiten.

Im Alter von 24 Jahren flüchtete er von Nigeria nach Libyen, mit Hilfe von Schleppern und Schleusern gelangte er auf die Insel Lampedusa im Mittelmeer. Zwei Jahre wurde er dort geduldet. Im November 2016 reiste er in Deutschland ein und beantragte erneut Asyl. Er wurde abgelehnt und ist seit April 2019 ausreisepflichtig. Ein Versuch, ihn abzuschieben, scheiterte, er hatte sich in die Niederlande abgesetzt. Ein zweiter Versuch ihn abzuschieben, wurde aufgrund der Corona-Pandemie nicht durchgeführt. Zuletzt lebte er in einem Asylbewerberheim in Neumarkt und erhielt 316 Euro vom Staat.

Die Schulbildung des Angeklagten, so stellt Psychiater Türker fest, sei zwar gering, doch dessen Intelligenz sei nicht gemindert. Die Hauptverhandlung wird im Juni fortgesetzt, derzeit kalkuliert die Strafkammer mit vier weiteren Prozesstagen.

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