Von der Rolle: Wenn das Reiskorn angeblich zur Made wird

27.2.2017, 12:10 Uhr
Eine Frühlingsrolle wurde zum Thema auf Facebook.

© Symbolfoto: Rüther/dpa Eine Frühlingsrolle wurde zum Thema auf Facebook.

Es begann mit einem Kommentar in einer Regensburger Facebook-Gruppe: Maden auf einer Frühlingsrolle will ein Mann in einem Regensburger Asia-Imbiss angeboten bekommen haben.

In einem langen Text lässt er sich über den ach so unverschämten Imbiss-Betreiber aus. Zum "Beweis" gibt es noch ein Foto, das die besagte Frühlingsrolle zeigen soll. Der Beschwerdeführer schreibt zwar nicht den Namen des Asia-Imbisses, dafür aber straßengenau, wo er zu finden ist.

Verbal eingedroschen

Viele Nutzer haben den Post kopiert, weitergeschickt und an Freunden weitergegeben. Auch die Kommentare dazu häuften sich: Die meisten Leser teilten den Ekel des Mannes. Dieser geht den Betreiber nicht nur mit dem Vorwurf, sondern auch mit seiner Tonwahl scharf an.

So ist dann auch der Tenor derer, die die Meldung mit kommentieren: Wild wird auf den Betreiber des Asia-Imbisses verbal eingedroschen. Nur wenige gingen auf den Part ein, wonach der Betreiber gegenüber dem Beschwerdeführer beteuert habe, dass es sich nicht um Maden, sondern um gekochten Reis handle – und sie geben dem Asiaten sogar Recht.

Kein Facebook-Nutzer schickt den Urheber der Meldung zur Lebensmittelaufsicht oder der Polizei – die wären viel eher erste Ansprechpartner für solch einen Fall als das World Wide Web. Kaum einer zeigt sich kritisch gegenüber dem Beschwerdeführer. Wo ist der gesunde Menschenverstand derer, die solch einen Post lesen? Wo ist die Skepsis, die einer solchen harten Attacke erst einmal entgegenzubringen wäre?

Fehler eingeräumt

Erst Stunden später, als die Meldung längst auf Facebook die Runde gemacht hat, zeigt sich der Auslöser der Attacke reumütig: "Wer A sagt, muss auch B sagen", überschreibt er seine Korrektur und räumt ein, dass ihm mittlerweile von offizieller Stelle mitgeteilt worden sei, dass es sich tatsächlich um gekochten Reis und nicht um Maden gehandelt habe. Seine erste Meldung habe er deshalb schon gelöscht.

Zum Glück äußern sich wenigstens jetzt einige Facebook-Nutzer kritisch: "Glaubst Du, dass damit die Nachricht aus der Welt ist?", fragt einer. Vom Urheber dieser Fakenews ist nichts mehr zu hören. Ob er die ursprüngliche, geschäftsschädigende Behauptung – aus welchem Grund auch immer – trotz besseren Wissens ins Netz gestellt hat, bleibt offen. Am Schaden, den er angerichtet hat, ändert das nichts.

Wo bleibt die Skepsis?

Doch auch alle stillen Mitleser, die sich vor seinen Karren spannen ließen, tragen eine Mitschuld. Ihnen sollte der schnelle, unbedachte Klick eine Lehre sein.

Der Spruch "Ein böses Wort hebt man nicht mehr auf" galt, als es noch kein Facebook gab, und gilt noch heute. Nur, dass durch die sozialen Netzwerke mittlerweile eine ganz andere Dynamik dahinter steckt.

Als Medienunternehmen sind wir, die Redakteure der Neumarkter Nachrichten und des zugehörigen Internetauftritts www.nordbayern.de tagtäglich bei Dutzenden Meldungen, die uns erreichen, gefragt. Wir müssen prüfen, wer hinter welcher Quelle steckt, und ob das, was uns erzählt wird, plausibel ist – ja, mittlerweile sogar, ob der, der uns die Meldung schickt, derjenige ist, der er angibt, zu sein.

Weitreichende Konsequenzen

Durch Facebook und Co. wird diese Aufgabe des Prüfens und Verifizieren nun auch jedem Einzelnen zuteil. Der Klick auf "Teilen" oder "Gefällt mir" geht in weniger als einer Sekunde. Doch zuvor sollte sich jeder (schon aus reinem Selbstschutz) überlegen: Kann das überhaupt sein, was der-/diejenige mir da erzählt? Macht das Sinn? Welche Absicht hat er/sie vielleicht?

Die verleumderische Nachricht von der vermeintlichen Ekel-Rolle haben viel zu viele Menschen unüberlegt weiterverbreitet – mit nur einem schnellen Klick.

Über die Konsequenzen haben sich wohl die wenigsten einen Kopf gemacht: In diesem Fall haben sie dem Asia-Imbiss das Geschäft ruiniert und im schlimmsten Fall sogar dessen Existenz zerstört – das nächste Mal könnte es um die Demokratie gehen.

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