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Vor 70 Jahren schleppten sich KZ-Häftlinge durch Lauterhofen

Todesmarsch von Hersbruck nach Dachau zog durch den Kreis Neumarkt - 13.04.2015 10:34 Uhr

 

Mörderisches Leben im Konzentrationslager Flossenbürg: Die KZ-Häftlinge in Sträflingskleidung unterbrechen die schwere Arbeit im Steinbruch, um kärgliche Essensrationen entgegenzunehmen. © KZ-Gedenkstätte


Manchmal konserviert das menschliche Gehirn auch extreme Gerüche für das restliche Leben. So ist Josef Gruner der Gestank des Entlausungspulvers im Gedächtnis haften geblieben: "Ganz Lauterhofen hat danach gerochen, als die durchliefen, das roch so wie ein Fliegenspray", erinnerte sich der Lauterhofener im Gespräch mit den Neumarkter Nachrichten vor zehn Jahren.

Gruner hatte 1945 eine jener Kolonnen aus nächster Nähe beobachtet. Der zwölfjährige Josef kam gerade vom Milchhof, war mit der Milch auf dem Heimweg. Mitten im Markt wurde er von SS-Männern zurückgescheucht. Hinter einer Hausecke versteckt ließ er den Konvoi der Unglücklichen passieren. "Die Wachleute hatten Hunde dabei. Einen Häftling haben sie zusammengedroschen, haben ihn dann auf einen Wagen geschmissen." Außerhalb der Ortschaft wäre der Mann sicher sofort erschossen worden.

In mehreren Kolonnen

Insgesamt seien es wohl drei oder vier Kolonnen mit KZ-Häftlingen gewesen, die in jenen Tagen kurz vor Kriegsende von Alfeld kommend mitten durch Lauterhofen gezogen waren.

Dort sei so einiges durchgekommen auf dem Rückzug vor den nahenden Amis: Arbeitsdienst, Wehrmacht, russische Gefangene; unvergessen auch die Tiefflieger-Angriffe. Am 20. April kamen dann die Amerikaner. Denen sollten die KZ-Häftlinge, lebende Zeugnisse für die systematische Ermordung durch Arbeit im Dritten Reich, nicht in die Hände fallen. Deshalb räumte die SS die Lager in Hersbruck und am Doggerwerk in Happurg, beides Außenlager des KZ Flossenbürg. Als erstes wurden 1600 kranke Häftlinge am 7. April in Güterwaggons ins KZ Dachau transportiert.

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Der Rest, rund 3000 Personen, musste zu Fuß marschieren. Unter erbärmlichsten Bedingungen: Die Verpflegung war völlig unzureichend, wer schwächelte wurde ohne Wimpernzucken liquidiert. "Überall am Feldweg lagen Decken, Essgeschirre, Holzschuhe, die Häftlinge aus totaler Schwäche weggeworfen hatten. Gruppe 1 meldete an diesem Tag zahlreiche Tote. Welches Elend!", schreibt ein Mitarbeiter der Lagerverwaltung, der spätere Pfarrer Lenz, ein wichtiger Zeitzeuge für das KZ Hersbruck.

Bis zum 26. April erreichten vier Kolonnen mit 2103 Menschen das KZ Dachau. Die Zahl der Opfer, die buchstäblich auf der Strecke blieben, ist unbekannt. Auch gelang vielen Häftlingen die Flucht. So zum Beispiel Alfred Nerlich, der bis ins hohe Alter in Hersbruck lebte. Er hat seine Flucht vom Habsberg, der heute ein bekannter Wallfahrtsort ist, bis ins kleinste Detail dokumentiert. Die fünfte Kolonne gelangte über Lauterhofen und Kastl nach Schmidmühlen, wo sie von den Amerikanern befreit wurde.

Ort des Schreckens für viele tausend ehemalige KZ-Häftlinge: das sogenannte Doggerwerk in der Houbirg bei Happurg. © dpa


Die Berichte einiger bereits verstorbener Zeitzeugen über die Wirren zum Kriegsende hat der Lauterhofener Michael Meyer schon ab den 70er Jahren gesammelt. So erzählten ihm Einheimische, die am 8. April 1945, ihre Erstkommunion gefeiert hatten: "Die Kinder zogen damals den Kalvarienberg hinauf, da sahen sie unten einen Häftlingszug auf Lauterhofen zukommen. Am Ortseingang tranken die Gefangenen aus dem Bach."

Exekution beobachtet

Eine der Kolonnen hat laut Augenzeugenbericht auch im Ort übernachtet. Dicht gedrängt, halb in der Hocke, mussten die Häftlinge schlafen. Auch sei beobachtet worden, wie einer weggeführt wurde und sein eigenes Grab habe schaufeln müssen, dann der Kopfschuss. »Eine Bäuerin hat mir erzählt, wie sie schnell Kartoffeln gekocht hat. Die hat sie an die Häftlinge verteilt, konnte aber längst nicht allen zu essen geben«, sagt Heimatforscher Michael Meyer. »Die gute Frau hat noch beim Erzählen geweint, so elendig waren die Leute beieinander gewesen.« 

NICOLAS DAMM

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