Vor dem Berg nahm der «Bockl» Anlauf

3.10.2007, 00:00 Uhr
FREYSTADT (as) - Viele Besucher des Michaelimarktes in Freystadt kamen in den Spitalstadl und erfuhren viel über die Geschichte Freystadts. In der Ausstellung ging es unter anderem um die «Lerzerbahn», im Volksmund bekannt als «Freystädter Bockl»...

FREYSTADT (as) - Viele Besucher des Michaelimarktes in Freystadt kamen in den Spitalstadl und erfuhren viel über die Geschichte Freystadts. In der Ausstellung ging es unter anderem um die «Lerzerbahn», im Volksmund bekannt als «Freystädter Bockl»...

Gerade mal 90 Jahre währte der Bestand dieser Eisenbahn, die auf zehn Kilometer Länge von Freystadt über Thannhausen und Rocksdorf mit Bahnhof Sulzbürg nach Greißelbach als Abzweigung der Nebenbahn Neumarkt-Beilngries im Juni 1888 mit Beginn des Sommerfahrplans offiziell in Betrieb ging.

Der Kosename «Freystädter Bockl» entstand durch den Einsatz der Dampflokomotiven der Baureihen 98.3, die auch «Glaskasten» genannt wurden. Etwas später ging er auf die gesamte Strecke über. 19 Mal zwischen Start und Ziel überquerten die Schienen Straßen und Wege - Unfälle blieben nicht aus. Erwähnenswert ist zudem die Bewältigung der Steigung Freystadt-Thannhausen, bei der es sich zeigte, ob der Lokomotivführer sein Handwerk beherrschte.

War zu wenig Dampf im Kessel, musste der Zug zurückrollen und einen zweiten Anlauf nehmen. Schwere Güterwägen zog die Lokomotive einzeln oder paarweise auf die Anhöhe, wo sie zur Weiterfahrt zusammengekoppelt wurden. 1960 fuhr der letzte Personenzug. 1977 wurden die Güterbeförderung eingestellt und die Gleise abgebaut.

Die Junge Union Freystadt hatte sich in Zusammenarbeit mit Archivpfleger Wolfgang Zellner eine Menge Arbeit gemacht, allerlei Wissenswertes aufbereitet und die Ausstellung damit bestückt.

Neben der Eisenbahn galt das Interesse auch dem gebürtigen Freystädter Ernst Schweninger, an den im Schwarzachstädtchen eine Straße erinnert.

Er kam im Juni 1850 als viertes Kind des Freystädter Landarztes Dr. Franz Schweninger und seiner Gattin Fanny, geborene Freiin von Schacky, zur Welt. Schweninger besuchte das Gymnasium in Regensburg, studierte Medizin in München, Straßburg und Wien, promovierte als 22-Jähriger und habilitierte zum Thema «Transplantation und Implantation von Haaren». Er stand der Schulmedizin kritisch gegenüber, riet vielmehr zu maßvollem Essen und Trinken.

Mit dieser Therapie heilte er Graf Wilhelm von Bismarck von Fettleibigkeit und Gicht. Als Wilhelms Vater, der Reichskanzler Otto von Bismarck, 1872 körperlichem Zusammenbruch nahe war, verordnetet Schweninger ein streng geregeltes Leben. Der Bismarck hatte zuvor wahllos zahlreiche Speisen mit mehreren Flaschen Wein genossen. Er wurde nicht nur immer dicker, sondern litt auch unter schmerzhaften Gesichtsneuralgien, rheumatischen Beschwerden, Venenentzündungen im linken Bein, Verdauungsstörungen, Hämorrhoiden und Schlaflosigkeit.

Gegen Völlerei

Schweninger setzte der Völlerei ein Ende. Bismarck genas und ernannte Schweninger zu seinem Leibarzt. 1884 erhielt er eine Professorenstelle an der Universität Berlin und wurde Leiter der Klinik für Hautkrankheiten der Charité. 1908 eröffnete er in München eine Privatpraxis, wo er 1924 73-jährig starb.

Im 17. Jahrhundert blühte das Handwerk des Leonischen Drahtzugs in Freystadt und bescherte den Bürgern erheblichen Wohlstand. Als die Freystädter Drahtzieherstochter Sibylla Maurer 1692 den Allersberger Drahtzieher Johann Georg Heckel heiratete, brachte sie in die Ehe viel Wissen über die Freystädter Techniken des Drahtzugs ein.

Dieser Geheimnisverrat wog so schwer, dass eine Rückkehr nach Freystadt für sie unmöglich wurde. Warum sie dieses tat, ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Es ist überliefert, dass sie «gewissen Bedrückungen zu entfliehen» versuchte. Heckel baute sein Unternehmen in Allersberg zielstrebig aus, starb aber im Jahr 1707.

Den Betrieb übernahm der Mailänder Goldschmiedesohn Giovanni Giacomo Gilardi, der sich nun Johann Jakob Gilardi nannte und die Witwe Sybilla Heckel 1708 heiratete. Der Drahtzug fand in Allersberg zur fast industriellen Produktion, während er in Freystadt, eher handwerklich geprägt, an Bedeutung verlor.