Montag, 30.11.2020

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Zweiter Lockdown: "Betriebe auf der Schlachtbank"

Ein Eilantrag will die Schließung von Geschäften, Einrichtungen und Gaststätten verhin - 30.10.2020 10:17 Uhr

Ab 2. November bleiben die Tische in den Wirtshäusern leer. Nicht nur die Gastronomen befürchten, dass sie einen zweiten Lockdown wirtschaftlich nicht überleben.

29.10.2020 © Foto: André De Geare


Nach dem Lockdown-Beschluss von Bund und Ländern hat gestern auch das Bayerische Kabinett genau diese Maßnahmen verabschiedet.

Jürgen Helmes, Hauptgeschäftsführer der IHK Regensburg für Oberpfalz, fürchtet, dass diese "einige Branchen sehr hart treffen" werden. Auch wenn ausbleibende Umsätze vom Staat teilweise kompensiert werden, stünden viele Betriebe vor dem Aus. Er begrüße es jedoch, dass der Schul- und Kindergartenbetrieb aufrechterhalten werde. Denn nur so können die Unternehmen der Region weiterhin auf ihre Mitarbeiter zählen.

Reserven sind aufgebraucht

Ein Leidtragender wird die Gastronomie sein. "Die ganze Branche ist entsetzt", sagt Arwed Arndt, Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes.

Er ist Geschäftsführer des ,Maiers Hotel‘ in Parsberg und wird im November keine Gäste bewirten oder beherbergen dürfen. Nach dem ersten Lockdown und der Dürreperiode danach seien die finanziellen Reserven aufgebraucht, "die Betriebe liegen auf der Schlachtbank", sagt er.

 

Die staatlichen Hilfen, die oft schwer zugänglich seien, sind in seinen Augen nicht mehr als der Tropf, der die Betriebe künstlich am Leben erhalte.

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Kampf gegen Corona: Diese Regelungen gelten ab 2. November deutschlandweit

Die Infektionszahlen schossen in den letzten Tagen unermüdlich in die Höhe - auch in Franken und der Region. Um die Pandemie im Winter eindämmen zu können, beschloss die Bundesregierung heute weitreichende Einschränkungen für ganz Deutschland. Hier erhalten Sie einen Überblick der Maßnahmen.


Arndt findet, die Politik schieße auf die falschen. Monatelang hätten die Gastronomen bewiesen, dass sie mit durchdachten Hygienekonzepten die Sicherheit ihrer Gäste gewährleisten können. "Die Hotspots entstehen bei Privatfeiern, nicht am Mittagstisch mit der Familie", so Arndt.

Dass gerade jetzt, in der "düsteren Jahreszeit", das gesellschaftliche Leben in Restaurants und Wirtshäusern, "eine deutsche Urkultur" (Arndt), eingeschläfert wird, werde weitreichende Folgen haben.

Ein Eilantrag, den Freystadts Bürgermeister Alexander Dorr im Namen der Bürgermeister des Landkreises und CSU-Kreisfraktionsvorsitzender Alois Schwerer gestern auf den Weg gebracht haben, könnte diesen "Irrsinn" (Scherer) beenden. Sie lehnen die Schließung der Gastronomie-Betriebe ab und fordern, dass Freizeit- und Kultureinrichtungen offen bleiben dürfen.

Freystadts Bürgermeister Alexander Dorr (links) und CSU-Kreisratsvorsitzender Alois Scherer setzen sich für die Öffnung der Gastronomie und anderer Einrichtungen ein.

29.10.2020 © Foto: Philip Hauck


Die nun verhängten Maßnahmen seien zu pauschal für ganz Deutschland verordnet worden, Dorr und Scherer wollen eine "landkreisscharfe" Begutachtung der jeweiligen Situation. Beide CSU-Politikern betonen mehrfach, dass sie die anderen Maßnahmen wie reduzierte Kontakte im privaten Bereich und eingeschränkte Besuchsmöglichkeiten in Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen mittragen.

Gerade in den Bereichen Gastronomie, Kultur-, Sport- und Freizeitangebote, in denen es zwischenzeitlich durchdachte Hygienekonzepte gebe, seien die Schließungen aber schwer nachvollziehbar. Die meisten Infektionen seien durch private Kontakte und "im Seniorenbereich" passiert, schreiben sie in ihrem Antrag. Ferner setzen sie sich dafür ein, dass auch nach den Herbstferien die Maskenpflicht für Grundschüler fällt.

Mit dem Eilantrag wollen Dorr und Scherer ein Signal "nach oben" senden. Die Initiatoren hoffen auf eine schnelle Entscheidung, wissend, dass das Landratsamt in dieser Angelegenheit wohl nicht die Entscheidungsgewalt innehat.

"Wir werden den Eilantrag ans Ministerium weitergeben", erklärt Michael Gottschalk auf Nachfrage. Der Sprecher des Landratsamtes glaubt, dass eine Kreisverwaltungsbehörde nicht von der bayernweiten Verordnung abweichen dürfe. Genaueres könne er erst sagen, wenn die neue Verordnung bei ihm und den Juristen auf dem Tisch liege.

22. Todesfall im Landkreis

Gottschalk gab am Donnerstag die aktuellen Coronazahlen des Landkreises bekannt. Demnach sind 38 weitere Personen positiv auf das Virus getestet worden, ein 82-jähriger Mann mit Vorerkrankungen verstarb am Mittwoch. Aktuell sind 171 Corona-Positive bestätigt. Davon befinden sich fünf in stationärer Behandlung, einer auf der Intensivstation. Am Freitag wurden 3 weitere Personen mit einem positiven Corona-Test gemeldet.


Der Corona-Ticker


Die Gerüchte, in Rengersricht und Röckersbühl habe sich ein Hotspot entwickelt, dementierte Gottschalk: "Die Positiven verteilen sich auf den ganzen Landkreis, ein Hotspot ist das Berchinger Altenheim." Laut den aktuellen Zahlen des Gesundheitsamtes liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei 87,7, nach denen Landesamtes für Gesundheit zeitverzögert bei 89,17. Die Ampel bleibt damit auf Rot (Stand Freitag).

PHILIP HAUCK

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