Bürgermeister im Gespräch

"Das ist keine PR-Sache des Bürgermeisters"

Stefan Blank

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2.10.2021, 06:00 Uhr
Bürgermeister Jürgen Heckel an seinem Schreibtisch im Bad Windsheimer Ratahaus.

© Stefan Blank, NN Bürgermeister Jürgen Heckel an seinem Schreibtisch im Bad Windsheimer Ratahaus.

Hallo Herr Heckel, Sie haben das Amt des Bürgermeisters immer ihren persönlichen „Traumjob“ genannt, wie sieht ihre persönliche Bilanz nach eineinhalb Jahren aus?
Jürgen Heckel: Das war mein Traumjob seit dem ersten Tag und ist es noch. Ich bin ein Mensch, der gerne Dinge in die Hand genommen hat, etwas für die Gemeinschaft getan hat. Ich habe die Fähigkeit Leute zusammenzubringen, ich bin Manager, ich bin Mensch. Was hat sich verbessert? Es ist für mich nicht richtig, wenn sich derjenige, um den es geht, selbst beurteilt, da bin ich nicht der Typ dafür, das sollen andere machen. Es steht mir nicht zu, mich als Sonnenkönig darstellen zu wollen.

Was macht Ihnen an ihrem Job am meisten Spaß?
Das Verbindende, das liegt mir am meisten. Der Bürgermeisterposten ist sehr vielfältig und vielseitig, Gespräche mit Menschen, mit Entscheidungsträgern, Behörden, Verwaltungsmitarbeitern, Mitarbeitern von Tochterunternehmen der Stadt zu führen. Das Miteinander ist wichtig, nicht alleine Fakten schaffen. Nur gemeinsam können wir weiter etwas bewegen.

Sie gelten als sehr umtriebig, eminent fleißig und haben immer ein offenes Ohr für jedes kleine Problem der Bürger. Ist dieses Pensum auf Dauer durchhaltbar?
Gute Frage. Ich habe mein Leben lang sehr viel gearbeitet und sofern ich kann und der liebe Gott mir die Kraft gibt, ich gesund bleibe und das Umfeld passt, werde ich mich weiter so einsetzen, wie aus meiner Sicht der Job es erfordert.

Jürgen Heckel in Action beim Kickerspielen anlässlich eines Termins im Bad Windsheimer Freibad.

Jürgen Heckel in Action beim Kickerspielen anlässlich eines Termins im Bad Windsheimer Freibad. © Hans-Bernd Glanz, NN

Ordnungsamtsleiter weg, einer der wichtigsten Bauamtsmitarbeiter weg, Stadtbetriebechef weg, Kurdirektor weg – wie erklären Sie sich diese Entwicklungen in Sachen Personal bei der Stadt?
Ich hatte mit keinem irgendwo ein Streitgespräch oder eine Auseinandersetzung, die ins persönliche ging. Es gab immer ein gutes Miteinander. Ich erwarte viel von mir und jedem meiner Mitarbeiter, weil ich ein innovativer, triebiger Mensch bin. Ich will, dass Sachen bearbeitet werden. Wenn aber einer einen wesentlich besser dotierten Job haben kann, er wechselt, so ist die Arbeitswelt, das kann ich nicht ändern. So sicher wie das Amen in der Kirche ist aber: Mit mir wird es niemals ein lautes Gespräch geben – vielleicht gab es mal eines – aber ich bin immer besonnen und ruhig.

Im Wahlkampf haben Sie die Ortsteile als wichtigstes Thema genannt und wollten eine Kommunale Wohnungsbaugesellschaft gründen, die „Schrottimmobilien zu marktgerechten Preisen aufkauft und nach den Bedürfnissen der späteren Nutzer aufbauen könnte“. Wie ist bei diesen Aspekten der aktuelle Stand?
Für mich sind die Ortsteile Teil des Ganzen, die in den letzten Jahren etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Ich setze mich intensiv mit ihnen auseinander. Zur Wohnungsbaugesellschaft: Wir müssen uns nach der Decke strecken, das muss auch ein Bürgermeister lernen und der Stadtrat. Wie müssen viel abarbeiten. Über eine Wohnungsbaugesellschaft sollte man sich Gedanken machen, die heutige Situation nach Corona und das, was vor uns liegt, bringen unglaubliche Arbeitsfelder. Wir können uns das nicht antun, auch in Bezug auf die Mittel, das ist leider derzeit wirtschaftlich nicht darstellbar, wir wollen das aber im Auge behalten.

Auf welche Projekte können die Bad Windsheimer sich in den nächsten Jahren besonders freuen?
Geht es immer um Einzelprojekte? Mir geht es ums Ganze. Die Stimmung in der Bevölkerung, bei Gewerbebetreibenden, der Industrie, Nachbargemeinden, die muss generell gut sein, um eine Aufbruchstimmung in der Stadt zu haben. Alle müssen Projekte einbringen. Mein Teil ist, alle wichtige Entscheidungsträger positiv zu stimmen, damit wir insgesamt – die Stadt Bad Windsheim und die Region – dann wesentlich besser dastehen als vorher.

Entschuldigung, es ging um Projekte?
Ganz klar die Innenstadt, das ist ein großes Betätigungsfeld. Aber das geht nicht alleine. Landesgartenschau, Stellerweg, Erkenbrechtallee, Hospitalstiftung, Kurgebiet-Ausrichtung, aber alles ist ganzheitlich zu sehen, mit Bahnhof, Klosterbibliothek – das müssen wir abarbeiten.

Noch ist der Bahnhof ziemlich unansehnlich, wann passiert da endlich mal was?
Wir waren vor meinem Urlaub draußen. Ich musste auch erst lernen, dass es Unterschiede zwischen freier Wirtschaft und Verwaltung gibt. Wenn wir was voranbringen wollen, bedarf es ganz vieler Absprachen mit den Fördergebern. Das dauert länger aufgrund der Formalitäten, das ist unglaublich, was da dahintersteht. Bald gibt es einen neuen Termin mit den Beteiligten, es wird besprochen, wie es aussehen könnte.

Bei der Landesgartenschau sagen Kritiker, dass nicht mehr passiert ist, als die Gründung der Gesellschaft und die Besichtigung in Ingolstadt. Wie sieht es um die Landesgartenschau wirklich aus?
Das ist richtig, für die Bürgerschaft sieht es tatsächlich so aus. Aber: Das ist ein ganz normaler Verfahrensschritt. Das ist nicht nur bei uns so, sondern bei jeder Landesgartenschau. Es müssen Regularien erledigt werden. Was sollte eine Geschäftsführerin oder ein Stadtrat derzeit vorstellen? Wir haben nur das fortgeschriebene Konzept, nun muss ein Realisierungswettbewerb ausgeschrieben werden. Danach sehen wir, was die vorschlagen, und können die Bevölkerung aktiv miteinbinden.

Die Franken-Therme boomt seit der Wiedereröffnung. Nördlich soll noch ein Hotel gebaut werden, es heißt, da sei man schon ziemlich weit. Wie sind die Pläne, auch in Bezug auf den Reisemobilhafen?
Zum Grundstück an der Erkenbrechtallee: Da habe ich das letzte Eineinvierteljahr, auch mit Kurdirektor Bernasco, rund zehn Termine gehabt. Es braucht ja Investor und Betreiber. Ich habe viele Kommen und Gehen sehen. Es scheint so zu sein, dass sich da tatsächlich was tut.

Gibt es also nun einen Investor und einen Betreiber oder nicht?
Doch, scheinbar. Aber da bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Ich persönlich gehe davon aus – das ist mein Kenntnisstand –, es steht alles fest.

Und zum Reisemobilhafen?
Das muss man in den Planungen zur Landesgartenschau sehen, was sich da verändern kann. Ich bin froh und dankbar, dass ich maßgeblich die Landesgartenschaufläche verändern konnte. Das waren intensive Gespräche, unter anderem mit Umweltminister Glauber. Ich bin gegen viele Wände gerannt, auch intern. Mit meiner Hartnäckigkeit und meinem Verhandlungsgeschick ist es mir aber gelungen, andere zu überzeugen, denke ich vielleicht.

Die Innenstadt-Entwicklung war Ihnen immer besonders wichtig. Wie soll diese belebt werden? Ist ein komplettes Umdenken nötig, damit vielleicht Wohnen und Gastronomie einen wichtigeren Stellenwert dort haben?
Es war schon zu meiner Zeit als Werbegemeinschafts-Vorsitzender ein Problem. Gewerbegebiete außen sind ein Kernproblem, kleinere Geschäftsflächen in der Innenstadt, ohne Parkplätze, sind nicht konkurrenzfähig, haben enorme Nachteile. Wir brauchen in Bad Windsheims Altstadt vor allem Aufenthaltsflächen. Jeder geht gerne im Urlaub in Innenstädte, wenn das Gesamtheitliche sie auszeichnet. Das fehlt hier. Wir haben schöne Häuser, schöne Plätze, es passt vieles. Es fehlt aber das Grüne, die Bänke, es fehlen so viele kleine Dinge, was für Fahrräder, vielleicht Elektroskooter, oder was mit Wasser. Wir müssen Voraussetzungen schaffen, damit Leute hier investieren wollen. Innenstadt ist vielschichtig, ist Arbeitgeber und attraktives Wohnen. Wir brauchen auch ein besseres Konzept auch für Autos. Ohne Stellplätze keine Wohnungen. Da müssen wir sehen, wie wir das lösen können, mit mehr als nur Anwohnerparkausweisen.

Müsste man Innenentwicklung vor neuen Bauplätzen Größer schreiben und was bedeutet das für Sie in Bezug auf weitere Neubaugebiete?
Meine klare Meinung ist, und das gilt nicht nur für Bad Windsheim, sondern Land auf Land ab: Die Gesellschaft muss sich überlegen, ob wir uns das alles leisten können. Am Stadtrand zu bauen ist attraktiver, leichter, schöner, aber so werden wir die Innenstädte nicht beleben können. Die Frage ist, was wollen wir den nächsten Generationen aufbürden? Alleine was in Bad Windsheim die letzten 30 Jahre neu gebaut worden ist, was an Infrastruktur entstanden ist und wie die ganzen Straßen heute aussehen – wer soll das alles unterhalten? Mit dem städtischen Haushalt werden wir das irgendwann nicht mehr leisten können.

Also mutig sein und keine neuen Baugebiete ausweisen?
Das wird nicht der Fall sein, das geht leider nicht, das ist Wunschdenken. Wir stehen in Konkurrenz mit anderen Gemeinden und leider bin ich da auf einer Ebene viel zu weit unten, da muss oben was verändert werden. Kein Bürgermeister kann sich leisten, keine neues Bauland erschließen zu wollen, den Druck nicht zu befriedigen. Wir wollen das ja auch.

Die Kirchweih fand heuer in der Altstadt statt. Was würden Sie sich für die Kerwa der Zukunft in der Kurstadt wünschen?
Die Idee war schon länger im Raum gestanden. Doch jeder ist immer wieder abgebügelt worden. Die Situation hat diese einmalige Chance mit sich gebracht, wir mussten was anderes machen. Fürth ist natürlich das strahlende Beispiel. Vom Bürgermeister gibt es ein klares Ja zur Kirchweih in der Altstadt, aber nur, wenn das alle gemeinsam wollen.

Der heutige Bürgermeister war über sechs Jahre hinweg der verlässlichste Kritiker seines Vorgängers im Amt, Bernhard Kisch. Nicht zuletzt Unpünktlichkeit bei Terminen wurde ihm ein ums andere Mal angelastet, es fielen Vokabeln wie „ungehörig“, „respektlos“ oder „das macht man nicht“. Mittlerweile ist Unpünktlichkeit beinahe zum Markenzeichen von Bürgermeister Heckel geworden. Hat hier die Realität des Amtes den ewigen Kritiker eingeholt?
Meinen Vorgänger habe ich niemals kritisiert wegen Unpünktlichkeit, nur, wenn er nicht gekommen ist. Ich mute mir viel zu viele Termine zu, 12, 13 am Tag. Ich habe in eineinhalb Jahren keine Mittagspause gemacht, bin früh da und um Zehne, Elfe, nach 14 Stunden, erst wieder daheim.

„Die Schranken am KKC kommen weg, das wird das Erste sein, das ich veranlasse“. So lautete sinngemäß eine Ankündigung Jürgen Heckels für den Fall seiner Wahl zum Bürgermeister. Heckel ist seit über 16 Monaten im Amt, die Schranken stehen immer noch. Wie ist das zu erklären?
Ich habe es probiert, aber das ist Thema des Aufsichtstrats und da gibt es keine Mehrheit dafür. Ich sehe die Schranken weiter als abweisend, als falsch, als negativ.

Nun wollen Sie sich zu Bürgern aufs Sofa setzen, persönlich vorbeikommen. Was erwarten Sie sich von solchen Treffen?
Ich stelle fest, dass wichtigste im Job eines Bürgermeisters ist, dass er beim Volk bleibt, nicht eine andere Ebene einnimmt, dem Volk fränkisch gesagt weiter aufs Maul schaut und zuhört. Ich will nicht den Bezug zum Wähler verlieren. Bei der Sofa-Aktion kam schon einer der größten Arbeitgeber der Stadt zu mir. Das ist keine PR-Sache des Bürgermeisters, es bringt der Stadt was. Das ist meine Aufgabe. Ich höre da Dinge, die ich sonst nicht mitkriegen würde, und nehme viel positive Energie mit. Zudem macht es wahnsinnig Spaß.

Wenn Sie einen Wunsch für Bad Windsheim frei hätten, egal was, was wäre das?
(überlegt lange) Nur ein Wunsch ist ungerecht, aber okay. Das Zusammenwachsen unserer drei herausragenden Themenbereiche, Kurbereich, Altstadt, Freilandmuseum. Dass alle gut aufgestellt sind, jeder glücklich ist.

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