Wer soll noch massieren?

Physiotherapeuten: Darum haben sie massive Bedenken gegen eine Vollakademisierung

Claudia Lehner

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23.7.2021, 08:30 Uhr
Derzeit wird diskutiert, den Beruf des Physiotherapeuten zu akademisieren. Praktiker fürchten, dass dies den Fachkräftemangel noch deutlich verschärft. 

© Privat, NN Derzeit wird diskutiert, den Beruf des Physiotherapeuten zu akademisieren. Praktiker fürchten, dass dies den Fachkräftemangel noch deutlich verschärft. 

Massage und Physiotherapie leben von der Berührung. Das ist für Oliver Zauritz, Leiter der Kybalion-Schule, ganz klar. Gerade das aber soll in der Corona-Pandemie vermieden werden. Durch die Krise ist die Schule aber bisher ganz gut gekommen, derzeit droht anderes Unheil: Eine Vollakademisierung der Ausbildung wird diskutiert. Darin sehen Schulleitung, Lehrer und Schüler große Probleme. Deren Meinung wollte sich Uwe Kekeritz anhören. Der Bundestagsabgeordnete der Grünen hat mit den beiden Abschlussklassen diskutiert.

Gut durch die Corona-Zeit gekommen

Die Schüler und einige Lehrer sitzen immer zu zweit an blauen Massageliegen, wie an einem Tisch im Halbkreis um Kekeritz, Zauritz und den stellvertretenden Schulleiter Dirk Soiderer. An solchen Liegen dürfen sie seit Pfingsten nun wieder lernen, in festen Zweier-Teams, sich aber nur gegenseitig massieren. Zwei Mal gab es für längere Zeit nur Online-Unterricht, wie Zauritz erklärt. Man habe die theoretischen Inhalte der Ausbildung vorgezogen. Sehr froh ist er aber, dass nun wieder relativ normaler Unterricht möglich ist – mit entsprechenden Hygienekonzepten.

Uwe Kekeritz und Kybalion-Leiter Oliver Zauritz (von rechts) beim Gespräch mit den Schülern. 

Uwe Kekeritz und Kybalion-Leiter Oliver Zauritz (von rechts) beim Gespräch mit den Schülern.  © Claudia Lehner, NN

Abmeldungen habe es keine gegeben, aber mit Anmeldungen für das nächste Schuljahr, zumindest in der Massage, hapert es. Auch das ist für Zauritz eine Folge der Pandemie, die sich in vielen Ausbildungsberufen auswirke. Schülern fehle die Orientierung durch entsprechende Messen.

Nachdem die Probleme der vergangenen Jahre mittlerweile ausgeräumt sind – das Schulgeld wird vom Freistaat übernommen und die Gehälter sind um 30 Prozent gestiegen –, hatte die Ausbildung wieder an Attraktivität gewonnen. Diesen Erfolg sieht Zauritz durch die Ideen für eine Vollakademisierung gefährdet. Gegen eine akademische Ausbildung ist er keineswegs, wie er gegenüber Kekeritz betonte. Nur dagegen, dass Physiotherapeuten ausschließlich akademisch ausgebildet werden sollen.

Im Widerspruch zu den Berufsverbänden

Berufsverbände sehen darin aber einen Vorteil, wie Kekeritz angesichts der in der Diskussion geäußerten Meinungen verwundert feststellte. Ziel sei wohl, mit dem Ausland gleichzuziehen, wo die Akademisierung teilweise bereits vollzogen sei, und auch an Status zu gewinnen, wie Lehrer Johann Theisler vermutet.

Mehr auf Augenhöhe mit Ärzten arbeiten zu können, das war auch für die Anwesenden ein Ziel, doch sehen sie das mit einer rein akademischen Ausbildung für alle nicht erreicht. Derzeit dürfen nur Ärzte Rezepte ausstellen. Die Praktiker stellt das nicht selten vor Probleme, wie ein Schüler erzählt. Immerhin lerne man sehr intensiv Diagnostik, wenn aber das Rezept auf Rückenschmerzen laute, sei keine andere Behandlung möglich, auch wenn sich durch die genaue Untersuchung herausstelle, dass die Ursache der Schmerzen in einem anderen Bereich liege. Dr. Cordula Flechtner, Ärztin und Lehrerin an der Kybalion-Schule, gibt ihm Recht. Der Physiotherapeut habe mehr Zeit und könne sehr genau diagnostizieren. Sie hebt das hohe Niveau der Ausbildung und die wertvolle Verzahnung mit der Praxis hervor. Das solle erhalten bleiben.

Der Weg zum Arbeiten auf Augenhöhe liegt für Zauritz nicht in der kompletten Akademisierung, sondern in einer Aufwertung der Ausbildung. Bereits jetzt ist es möglich, Physiotherapie zu studieren, auch in einem dualen Studium, also zunächst an einer Fach-, dann verkürzt an der Hochschule mit dem Ziel Bachelor oder Master. Doch sei das derzeit nicht sehr attraktiv, betont er. Die Arbeitsmöglichkeiten seien kaum andere als nach der Ausbildung. Auch mit Uniabschluss könne man keine Anwendung verschreiben, dazu bedürfe es der Anerkennung durch die Krankenkassen. Derzeit sei das nur über den Umweg einer Zertifizierung als Heilpraktiker möglich.

Bisher ohne Abitur möglich

60 Prozent der Auszubildenden in Massage und Physiotherapie hätten kein Abitur. Angesichts eines bereits bestehenden Personalmangels in diesem Bereich würde eine Akademisierung laut Soiderer nur zu noch weniger Bewerbern führen.

Einen Mittelweg halten die Anwesenden für am besten, der würde auch die Schule in Bad Windsheim erhalten. Die Ausbildung attraktiver machen, formale Kompetenzen erhöhen und unterstützende Angebote für das duale Studium machen. Den Akademiker-Anteil von aktuell drei auf 20 Prozent zu erhöhen, fände Zauritz gut. Für Kekeritz muss eine Akademisierung das gute Ausbildungsniveau erhalten, darf nicht zu einer Reduzierung der Bewerber führen und die Vielfalt der Ausbildungsstätten nicht gefährden. Für Bad Windsheim sei die Kybalion-Schule wichtig. „Engagiert Euch in den Berufsverbänden“, mahnt Theisler an. Derzeit seien es überwiegend Akademiker, die diese Gruppen leiteten, und man müsse sich Gehör verschaffen.

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