Mittwoch, 14.04.2021

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Gelebte Völkerverständigung unter Namensvettern in Europa

Weiteres Neustadt-Treffen wurde pandemiebedingt abgesagt - 08.04.2021 13:40 Uhr

Auch in der südlichen Provinz von Ontario findet sich ein „Neustadt“. Als Geburtsort von John George Diefenbaker, von 1957 bis 1963 der 13. Premierminister Kanadas erlangte es nationale Bedeutung. Foto: Harald Munzinger

08.04.2021 © Harald Munzinger


Den Grundstein für diese Begegnungen hatte1954 Neustadt an der Weinstraße mit der Einladung der Bürgermeister von Städten namens "Neustadt" gelegt. Der nächste Gastgeber sollte 1955 Neustadt/Holstein sein, doch der Plan jährlicher Treffen zunächst ein Wunschtraum bleiben. Einen zweiten Anlauf startete Bad Neustadt an der Saale 1979 mit der Einladung zu einem zu einem "Neustadt-Treffen", der Delegationen aus 16 "Neustädten" folgten. Ein Jahr später sollte sich in Neustadt/Aisch der Plan jährlicher Begegnungen festigen und sich mit "Neustadt in Europa" die größte Städtefreundschaft in Europa, wenn nicht weltweit bilden.

Für das zweite Neustadt-Treffen, das 1980 mit dem Heimatfest in Neustadt/Aisch stattfand, malte Willi Trump die Wappen der teilnehmenden Namensvettern. Foto: Harald Munzinger

08.04.2021 © Harald Munzinger


Sie umfasst nach Angaben der 1982 mit dem Ziel "die Neustadt-Bewegung auf eine breite Basis auch in der Einwohnerschaft zu stellen", gegründeten Arbeitsgemeinschaft, 37 Städte, Gemeinden und Ortsteile mit dem Namen "Neustadt" in acht mitteleuropäischen Ländern, davon 27 in Deutschland, zwei in Österreich, eine in Ungarn, drei in der Tschechischen Republik, eine in Polen, eine in den Niederlanden, eine in der Slowakischen Republik und eine in Rumänien.

Lehrer machte über 600 Namenvettern aus

Auf "50 Orte Neustadt und 22 ähnlich lautende Orte wie Neustädt, Neustedts, Neustädtles, Neustädtlein, Neustädtel…..in West- und Ostdeutschland" war ein Hauptlehrer aus Neustadt in Württemberg gekommen, der sich die Mühe gemacht hatte, "in Deutschland, in Europa, ja in der ganzen Welt nach Orten zu forschen, die den Namen Neustadt führen". Dass er im Laufe eines Jahres "über 600 Orte Neustadt oder ähnlich lautende Namen im In- und Ausland feststellen konnte", findet sich in der Schatzkammer des Zeitungsarchivs der Verlagsdruckerei Schmidt ein Artikel mit dem Titel "Ortschaften Neustadt in der ganzen Welt".

In dem geht der Pädagoge Julius Fischer davon aus, dass gerade in Süd- und Nordamerika sowie Kanada Auswanderer deutschen Kolonien den Namen Neustadt gegeben hatten. Dieser sei vor dem ersten Weltkrieg auch "vielfach in Ost- und Südostländern zu finden gewesen", wie etwa in Polen, besonders in Böhmen, in Mähren sowie der Slowakei, in Rumänien und in der Ukraine, "jetzt aber meistens verschwunden". Heute tauchten in vielen Ländern Mischnamen wie Newtown, Newville, Newtownville oder Neuville auf, ebenso wie Villeneuve oder Neuveville, Nowgorod, Novigrad oder Nysted und Nystad.

Neues Mitglied aus Rumänien

Die Arbeitsgemeinschaft "Neustadt in Europa", ein freundschaftlicher Verbund ohne Satzung oder Vereinsstatus, hat als jüngstes Mitglied der Städtefreundschaft "Christian-Neustadt" in Siebenbürgen/Rumänien aufgenommen. Die wunderschön liegende Kommune im "Burzenland" habe sich nach Auskunft von Hans Schreyegg (Ehrenvorsitzender des Bündnisses) zehn Jahre um die Aufnahme als Mitglied im Städtebund bemüht. Der versteht sich als "gelebte Völkerverständigung" in den Städten in Deutschland, den Niederlanden, Tschechien, der Slowakei, Polen und Rumänien.

Als Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist "die Förderung des Fremdenverkehrs und von Handel und Gastronomie in den Städten und Gemeinden Neustadt sowie vor allem die Förderung zwischenmenschlicher Beziehungen unter allen Neustädtern über die Ländergrenzen hinweg" definiert. Zu den jährliche an wechselnden Orten veranstalteten dreitägigen Neustadt-Treffen finden sich bis zu 1000 offizielle Teilnehmer ein. Darüber hinaus zieht das jeweilige Programmangebot zieht Tausende Besuchern an.

"Neustädter Brieffreundschaft"

So war es bis 2019. Um auch in Pandemiezeiten die Städte-Freundschaft aufrecht zu erhalten, regt Neustadt in Holstein nach der Absage des 42. Neustadt-Treffens alle Neustädter an "sich durch einen postalischen Briefwechsel untereinander zu vernetzen, auszutauschen und vielleicht neue Freunde zu finden". "Wir verteilen alle teilnehmenden Kontakte untereinander und geben dem Stein den Anstoß. Für den Rest sind Sie dann selbst zuständig. Also ab die Post!", so das Neustadt im hohen Norden, das die "Neustädter-Brieffreundschaft" ausgerufen hat.

Die ersten Postsendungen hätten sich bereits von Neustadt in Holstein aus auf den Weg gemacht, um herzliche Grüße von der Ostsee bundesweit in andere Neustadts zu bringen. "Dies ist der Anfang eines persönlichen Austausches, bei dem die Städtefreundschaft von Mensch zu Mensch vertieft werden soll", heißt es dazu. Alle Neustädterinnen und Neustädter könnten sich ganz unkompliziert beteiligen. Auf der Website der Tourismus-Agentur Lübecker Bucht (TALB), gebe es hierfür ein Anmeldeformular. Dieses werde online ausgefüllt und abgesendet. Folgend erhält der Teilnehmer automatisch von der TALB eine E-Mail zugeschickt, die die Adresse eines Brieffreundes / einer Brieffreundin beinhaltet. Und dann kann es auch schon losgehen.

Wer sich an der bundesweiten Neustadt-Brieffreundschaft beteiligen möchte, findet unter folgendem Online-Link alle nötigen Informationen, einen Kontakt für eventuelle Rückfragen und das Anmeldeformular: www.luebecker-bucht-ostsee.de/brieffreunde.

Straße verriet das Bestimmungsland

Apropos Post. Wie im Artikel über die Neustadt-Forschung von Hauptlehrer Fischer beschrieben, sollte trotz der Vielzahl von Neustadts in aller Welt einen in Buenos Aires/Brasilien abgesandter Brief den Empfänger in "Neustadt/aich" erreichen, obwohl der Hinweis auf das Bestimmungsland fehlte und auch der Name falsch geschrieben war. Sollte also das liebliche Aischtal Weltruf genießen, wurde gerätselt, die Lösung aber eher darin vermutet, dass das deutsche Wort Goethe Straße "für die argentinische Post den Ausschlag gegeben hatte, den Brief unmittelbar nach Deutschland zu schicken". nb

Harald Munzinger

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