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Gelungene Integration: Aus dem Sudetenland nach Neustadt

Ewald Schmidt: "froh, dass ich Neustädter Bürger geworden bin" - 23.11.2018 15:41 Uhr

Unter zahlreichen Gratulanten freute sich Ewald Schmidt (Mitte) besonders über die Glückwünsche von Bürgermeister Klaus Meier und Neustadts Erster Karpfenkönigin Katrin Uano. © Harald Munzinger


Schöner konnte schließlich Migration und gelungene Integration nicht beschrieben werden, über die der vitale Jubilar, bei dem man versucht ist, an den 90 Jahren ganz erheblich zu zweifeln, ein Buch schreiben könnte und es tatsächlich auch tat. Es liest sich so packend, wie er über die Zeit erzählt, in der er Heimat und Familie verlor, in amerikanischer Gefangenschaft bei Altheim an der Enz wochenlang auf freiem Feld verbrachte und nach der Verlegung nach Traunsee wenigstens ein Barackendach über dem Kopf hatte. Mit dem angeblichen Wohnsitz in Neustadt/Aisch, über das ein Mitgefangener erzählt hatte, gelang ihm und einem Freund die Entlassung. Über Nürnberg kamen beide in das unbekannte Neustadt, wo sie ein Lastwagenfahrer an der beschädigten Aischbrücke absetzte, unwissend dass sie ein paar Schritte weiter beim "Hubers Bäck" bereits in Riedfeld waren, wo sie eine Adresse hatten.

Hätte man Ewald Schmidt damals erzählt, dass eben dieses Riedfeld zum Zentrum seines Lebens werden sollte, hätte der "Schlorcher", wie ihn der erste Dienstherr Zehgruber nannte, so schallend gelacht, wie man die Frohnatur in Neustadt kennenlernen sollte. Das versuchte er zwar noch einmal zu verlassen, als es ihn zu der in die damalige DDR verschlagenen Familie zog, er aber rasch zurückkehrte, als ihn die Russen dort in ein Uranbergwerk stecken wollten. Da verrichtete des "Bübla" lieber die einfachen Dienste in Haus und Landwirtschaft der Zehgrubers, bei denen schließlich auch seine Karriere als Kellner begann, als der er mit Eleganz und stilvollem Service – später im Gasthaus "Zur Sonne" – zu einer Institution in Neustadt werden sollte, wie sich unter seinen Gästen auch Bürgermeister Meier gerne an jene Zeit erinnert. 

Auch wenn ihm die neue Heimat ein nicht ganz einfaches sprachliches Eingewöhnen abverlangte, er noch heute über manche ungewöhnliche Begriffe wie etwa die "Burzelküh" (Fichtenzapfen) lacht, war Ewald Schmidt schnell mittendrin im Neustädter Leben, fühlte sich bei der Landjugend wohl und zögerte keinen Moment, als es ihm diese auftrug, beim Heimatfest 1950 ein Kuhgespann durch die Stadt zu steuern. An der aktiven Teilnahme an weiteren Heimatfesten hinderten Ewald Schmidt, der sein Lebensglück auf dem Tanzboden kennengelernt hatte und bei allen Vorurteilen gegen den "Flüchtling" mit ihm und der Familie jetzt beim 90. Geburtstag erfüllte Ehejahrzehnte feiern konnte, der Kellnerjob.

Jetzt aber vertrat er bei den Vorbereitungen auf das Heimatfest 2020 mit der Bildung der Arbeitskreise in der Rathaus-Ehrenhalle die "Concordia", die beim Festzug mit dabei sein will und sich dann mit Neustadts Erster Karpfenkönigin Katrin Uano schmücken kann, die unter Ewald Schmidts Gratulanten nicht fehlen durfte. Und gespannt wie amüsiert zugleich mit dessen Lebens- auch ein Stück Neustädter (Vertriebenen-)Geschichte mit dem Happyend gelungener Integration und dem Bekenntnis eines Mannes lauschte, der sich 74 Jahre später glücklich schätzt, dass es den Buben fern der Heimat und einem ungewissen Schicksal ausgesetzt, damals nach Neustadt verschlagen hatte, wo sich Ewald Schmidt "immer gut aufgehoben" fühlte. Und heute gerne mal bei zufälligen Begegnungen Fremden stolz die Schönheiten seines Neustadt zeigt.

Harald J. Munzinger

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