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Lücke der Stadtgeschichte geschlossen

Dr. Wolfgang Mück dokumentiert Neustadt in der Nachkriegszeit - 11.12.2019 19:17 Uhr

Die Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins, Carola Kabelitz, und ihr Stellvertreter Peter Wagner beglückwünschten Dr. Wolfgang Mück ebenso zur Dokumentation von Neustadts Nachkriegsgeschichte wie der Verleger Hans Karl Friedrich Schmidt. (v. l.) © Harald Munzinger


So neugierig, wie der Verleger Hans Karl Friedrich Schmidt auf dieses Kapitel war und sich dem Neustädter ehemaligen Bürgermeister Dr. Mück sofort als Partner für dessen Publikation anbot, so viel Interesse weckte auch die Vorstellung des Buches "Auf den Weg in bessere Zeiten". Das große Schlossgewölbe, in dem der Autor im Zeitraffer die Epoche vom Elend zur neuen Blüte mit zahlreichen Dokumenten und bildhafter Schilderung darstellte, war bis auf den allerletzten Platz auch auf der Treppe besetzt.

Der Verleger Schmidt hatte mit einem guten Besuch gerechnet und sah sich mit dessen Steigerung bestätigt, dass Mück nach gut 20 Publikationen zur Heimatgeschichte mit dem neuen Werk "ein wichtiges zeitgeschichtliches Thema" aufbereitete, das bislang verdrängt und gerne auch verschwiegen worden war. Schließlich verbinden sich gerade im Anschluss an Mücks 2016 erschienene Beschreibung der "NS-Hochburg" manch unrühmliche lokale Geschichten mit bekannten Namen, werden Erinnerungen an grauenvolles Geschehen geweckt.

Dass auch dieses Kapitel nicht "überschlagen", sondern gerade in Zeiten bewusst gemacht werden sollte, "in denen das Gift des Nationalismus in Europa wieder einsickert (Bundespräsident Steinmeyer), teilten viele Sponsoren die Meinung von Autor und Verleger, die das umfangreiche Werk realisieren ließen, das auf jahrzehntelanger akribischer Forschungsarbeit basiert. Hans Karl Friedrich Schmidt stellte es als "das beste Buch aus der Feder von Dr. Mück" vor und die Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins sah mit diesem "seine Werke gekrönt".

"Auch was weh tut gehört zur Geschichte!"

Neustadts Erster Bürgermeister Klaus Meier freut sich, "dass unser Ehrenbürger und Altbürgermeister Dr. Wolfgang Mück einen erneuten und sehr umfangreichen Beitrag zur Aufarbeitung der neueren Geschichte und Vergangenheit unserer Stadt geleistet hat". Nach dem Buch über die NS-Zeit in Neustadt als eine der Hochburgen der nationalsozialistischen Bewegung werde auch hier eine Zeitepoche beleuchtet, in der manches wohlwissend totgeschwiegen und "unter den Teppich gekehrt" worden sei. "Doch auch diese Aspekte, dort wo es weh tut, gehören zur Geschichte unserer Stadt".

Buch der starken Mutter gewidmet

Dr. Mück nimmt sie schonungslos unter die Lupe, nennt "Ross und Reiter", belegt mit Recherchen in Archiven in Berlin, Hamburg, München, Nürnberg und Neustadt sowie mit sehr persönlichen Aufzeichnungen in Tagebüchen und authentischen Schilderungen in Briefen "als fantastische Quellen" ebenso wie mit Zeitzeugeninterviews. Auch eigenes Erleben als eines von drei Kindern einer Kriegswitwe, die nach der Vertreibung in Neustadt eine neue Heimat fanden, fließt mit ein. Seiner Mutter hat Dr. Wolfgang Mück dieses Buch gewidmet, die mit vielen anderen Frauen und Männern "beherzt mithalfen, dieses im Krieg zerstörte Land wieder aufzubauen, um uns eine bessere Zukunft zu schaffen".

Mit Bildern aus Archiven und insbesondre aus privaten Alben konnte Dr. Mück "den Weg in bessere Zeiten" aufschlussreich illustrieren. © Harald Munzinger


Aus vielen kleinen Puzzleteilen setzt der Autor tief berührende Bilder zusammen. Ergänzt mit zahlreichen Fotos vermittelt er in zehn Kapiteln "finstere und auch lichte Kapitel der Stadtgeschichte" wie Verleger Schmidt den Weg in bessere Zeiten beschrieb. Angefangen mit den Luftangriffen ohne schwerwiegende Folgen sowie der kampflosen Übergabe der Stadt und der Zeit der Militärregierung bis zum Aufbruch in neue Welten. Dazwischen beschreibt Dr. Mück mit den Internierungslagern zur Entnazifizierung, Vermissten und Heimkehrern "ein Bild entsetzlichen Jammers" und die äußerst mangelhafte juristische Aufarbeitung sowie die veränderte Wahrnehmung der Aktivisten sowie das Gedenken an die Kriegsopfer.

Parallelen der Flüchtlingsschicksale

Das Kapitel über den Zustrom von Evakuierten, von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen trägt autobiografische Züge und bedrückt mit Parallelen zur Gegenwart mit der Ablehnung der Aufnahme von Flüchtlingen. Damals verdoppelte sich Neustadts Einwohnerzahl nahezu, "verbunden mit der ungeheuren Aufgabe, die Menschen unterzubringen und zu versorgen", wie Dr. Mück bei der Buchvorstellung plastische Situationsbilder auch von Spannungen und Solidarität sowie der Integration der Heimatvertriebenen in die heimische Gesellschaft zeichnete.

Es schließt sich der demokratische Neuanfang mit der Einsetzung von Bürgermeistern und Landrat, Vorbehalten gegenüber der Politik und ersten zarten Trieben des kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Lebens an. Wenn auch in einem anderen Bezug – dem Wiederaufbau des zerstörten Landes – entlarvt Dr. Mück ein Plagiat. Denn das mutmaßlich Merkel‘sche "wir schaffen das" hatte schon der Ansbacher Verleger Wilhelm Wiedfeld, "ein unerschrockener Kämpfer für die Demokratie" zur Maxime für den Wiederaufbau des zerstörten Landes gemacht. Für vorgelegte Demokratie sollte Dr. Werner Dollinger stehen.

Zentrum bayerischer Industrie geplant

In jene Zeit fällt die wirtschaftliche Belebung insbesondere durch die von Heimatvertriebenen aufgebaute Reißzeug- und Textilindustrie sowie des Instrumentenbaues mit dem Plan, Neustadt zu einem bayerischen Industriezentrum zu machen. Eine Chance, die allerdings verpasst werden sollte, aber doch eine Ära an der Schwelle zu besseren Lebensverhältnissen und neuer Lebensfreude, für die 1950 das Heimatfest mit dem erstmals aufgeführten Geißbocktanz das Symbol sein sollte: "Jetzt geht es bergauf".

Was Dr. Wolfgang Mück als "historisches Zeitgemälde" in der umfangreichen Dokumente verfasste, ließ er das bisher ausgelassene Kapitel der Stadtgeschichte bei der Buchvorstellung in einem lebhaften Vortrag nicht nur mit der Bilderrückblende zu einer ebenso spannenden wie bewegenden Zeitreise werden. Angefangen auch in seelischen Trümmern "Auf dem Weg in bessere Zeiten". Das Kaleidoskop der Nachkriegsgeschichte Neustadts, das als Sonderband der "Streiflichter" aufgelegt, jetzt im Buchhandel ist. Für Verleger Hans Karl Friedrich Schmidt ein Muss für alle "die Neustadt kennen und lieben".

Harald J. Munzinger

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