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Montag, 16.09.2019

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Mahnkreuze auf den Feldern

"Agrarpaket" ließ bei Bauern das berühmte Fass überlaufen - 13.09.2019 14:37 Uhr

Die grünen Kreuze sollen als Mahnung an die Gesellschaft verstanden werden, sich dem Wert der heimischen Landwirtschaft bewusst zu werden. © privat


Ausgelöst haben diese das neue "Agrarpaket" von Bundeslandwirtschafts- und -umweltmimistrium. Dieses habe das sprichwörtliche "Fass zum Überlaufen" gebracht, da es sehr viele Maßnahmen beinhalte, "die in letzter Konsequenz dazu führen werden, dass die bisherige praktizierte Form der traditionellen Landwirtschaft massiv erschwert und in Einzelfällen unmöglich gemacht wird", wird von dieser beklagt. Seitdem gehe in vielen landwirtschaftlichen Betrieben die Angst um, dass damit jegliche Produktion auf dem Acker und im Stall erschwert und in Einzelfällen nahezu unmöglich gemacht werde. Die Maßnahmen griffen massiv in die Eigentumswerte der Landwirte ein. Einzelne Flächen würden wertlos und könnten nicht mehr der für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden. Die Folge: Lebensmittel würden aus dem Ausland importiert, ohne Rücksicht darauf, wie sie dort erzeugt wurden. "Das kann nicht im Sinne des Verbrauchers sein", ist auch er mit den Mahnkreuzen angesprochen.

Schließlich mit den in der Folge zahlreicher Verbote sinkenden Erträge, die Versorgung der heimischen Bevölkerung mit regionalen Produkten ist gefährdet. Zunehmend versuchten traditionelle Landwirte, dieser Entwicklung durch Umstellung auf biologische Landwirtschaft zu begegnen. Dies führe durch ein zunehmendes Überangebot auch in diesem Markt zu einem gewaltigen Preisdruck.

Appell an die Gesellschaft

Die grünen Kreuze sollten als Mahnung an die Gesellschaft verstanden werden, sich dem Wert der heimischen Landwirtschaft bewusst zu werden. Noch sei Zeit zu handeln, weil die Beschlüsse noch den Bundestag passieren müssten und damit auch den regionalen Abgeordneten anzusprechen, so der Rat an Landwirte und Verbraucher zugleich.

Nun sei es nicht so, dass sich die Bauern einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise verweigerten. In einem gemeinsamen Workshop von Landwirten und Naturschützern des (staatlichen!) Bundesamtes für Naturschutz (BfN) seien gemeinsam praktikable Lösungen erarbeitet worden, die den Forderungen der Gesellschaft nach mehr Naturschutz (Ökologie), aber auch dem verständlichen Wunsch der Landwirtschaft nach einer langfristigen und wirtschaftlichen Perspektive (Ökonomie) nachkommen würden, wird zur aktuellen Protestaktion erklärt, die auch vom Bayerischen Bauernverband unterstützt wird.

Zwei Dachlatten, ein paar Schrauben…

Die habe bereits gewirkt und sei in Berlin angekommen, wo sie nach Mitteilung von Kreisbäuerin Ixmeier in Redebeiträgen im Bundestag erwähnt worden sei. Sie regt die Landwirte an, mitzumachen. Es sei "schnell gemacht: zwei Dachlatten, ein paar Schrauben und ein bisschen grüne Farbe". Überall in Deutschland wurde oder werde eifrig an den "Mahnkreuzen" gezimmert, um sich an diesem stillen Protest zu beteiligen. Sie habe drei Kreuze aufgestellt und dazu immer einen erklärenden Text hingehängt, ließ Renate Ixmeier wissen.

Landwirte würden gerne mehr Naturschutz machen, wenn er langfristig planbar sei und auch zum Einkommen beitrage, wird erklärt und darauf verwiesen, dass es "übrigens auch Prof. Weiger vom BUND und andere Naturschutz-Organisationen so sehen". Mit deren klarer Aussage, dass Natur- und Artenschutz nicht zum Nulltarif gehe, bestehe Einigkeit. Seit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht hätten sich die Landwirte den immer wieder neuen Problemen gestellt und Lösungen gefunden. Man befinde sich in einer permanenten Agrarwende.

Luft zum Atmen genommen

Es sei nicht alleine das "Agrarpaket", das den Bauern zu schaffen mache. Die mehrfache reformierte Düngeverordnung - "was ist eigentlich der letzte Stand? Wird sie eventuell nochmals reformiert?" - die Diskussionen in der Tierhaltung um Kastenstand, Kastration und Kupierverzicht, die immer noch keine praktikablen Lösungen erkennen ließen, sowie immer neue Verordnungen und Auflagen machten immer mehr Bauern mutlos. Das Dilemma der Essensmacher bestehe darin, dass das Erfüllen aller gesellschaftlicher Wünsche nur machbar sei, wenn der dafür notwendige Preis auch bezahlt werde. Und da spiele der Lebensmitteleinzelhandel die entscheidende Rolle. Solange er immer weiter die Erzeugerpreise drücke oder billigere Lebensmittel importiere, werde den Landwirten hier die buchstäbliche "Luft zum Atmen" genommen.

Kein Wunder also, dass sich viele junge Menschen gegen die Landwirtschaft entschieden. Die Folge werde sein, "dass wir in einigen Jahren in Deutschland tatsächliche eine ‚industrielle Landwirtschaft‘ haben, die angeblich keiner will und der ländliche Raum weiter an Attraktivität verliert". So sollen denn die "Mahn-Kreuze" auch bewusst machen, dass man gerade auf dem besten Weg ist, "die familiengeführte, bäuerliche Landwirtschaft zu Grabe zu tragen". Wer wolle, dass wesentliche Lebensmittel auch in Zukunft noch aus Deutschland kommen, müsse der Landwirtschaft helfen, ist der Hilferuf auch an die Verbraucher gerichtet und an Friedrich Wilhelm Raiffeisen erinnert: "Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele". 

nb

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