Langer Weg nach erster Euphorie

Polizeichef von „Radarpistole“ der US-Army begeistert

19.11.2021, 09:19 Uhr
Vor 45 Jahren entdeckte der damalige mittelfränkische Polizeichef Helmut Kraus bei der US-Army die „Wunderwaffe Radarpistole“. Auf die „Brust gesetzt“ wurde sie allerdings erst viel später mit moderner Lasertechnik den Rasern.  Foto: o.n.

Vor 45 Jahren entdeckte der damalige mittelfränkische Polizeichef Helmut Kraus bei der US-Army die „Wunderwaffe Radarpistole“. Auf die „Brust gesetzt“ wurde sie allerdings erst viel später mit moderner Lasertechnik den Rasern. Foto: o.n. © o.n.

Angeregt durch das von der US-Army in ihren westmittelfränkischen Kasernen- und Wohnbereichen eingesetzte Messgerät sah Oberpolizeidirektor Kraus eine neue Chance eröffnet, den Geschwindigkeitssündern – auch 1976 auf dem Spitzenplatz der Verkehrsstatistiken – buchstäblich „die Pistole auf die Brust zu setzen“. Und das mit verblüffend einfacher Handhabung.

Denn mit der einer Amateur-Schmalfilmkamera ähnelnden Radarpistole kann das zu messende Objekt auf völlig freier Strecke bis zu einer Distanz von zwei Kilometern erfasst, die Tempoanzeige auf einem kleinen Digitalbildschirm fixiert und dem Temposünder vorgehalten. Eine 12-Volt-Atobatterie ermöglicht den flexiblen Einsatz. Und diesen zudem mit einem Bruchteil der Kosten eines damals mit 50.000 Mark berechneten Radarwagens, so die damals dokumentierten Vorzüge.

Übereinstimmende Messungen mit Pistole und Radarwagen brachten den Polizeichef zur Erkenntnis: „Einfacher geht es nicht“. Kraus schilderte dem bayerischen Innenministerium mit der Bitte die „überzeugenden Vorteile“, die in den USA bewährten und von der Army demonstrierten Geräte auch hier einzusetzen.

Zumal man mit dem Radarwagen „nicht mehr auf dem Präsentierteller steht und meist nur die kleinen Geschwindigkeitssünder erwischt“. Die echten Raser seien nach Feststellung von Oberpolizeidirektor Helmut Kraus „so gewieft, dass sie die Fahrzeuge rechtzeitig ausmachen und brav durch den Messebereich fahren“.

München versprach die Prüfung. Doch die technisch verbesserte Radarpistole sollte erst sehr viel später zur „Waffe“ gegen die Temposünder werden. Die Raserei mit vielfach schwerwiegenden Folgen führt auch 45 Jahre nach der Entdeckung der mutmaßlichen „Wunderwaffe Radarpistole“ die Verkehrsstatistiken an.

1988 erste „Speed Control“ in Mittelfranken

Ende 1988 wurden im Bereich des Polizeipräsidiums Mittelfranken vier Radarpistolen „Speed-Control“ angeschafft, hat Polizeihauptkommissar Dieter Schrödel vom Sachgebiet Polizeiliche Verkehrsaufgaben auf NN-Online-Anfrage beim „Archivstudium“ festgestellt. Diese seien allerdings nicht geeicht gewesen und hätten somit nicht im Rahmen der Verkehrsüberwachung zur Verfolgung von Geschwindigkeitsverstöße eingesetzt werden können. So sollte sich ihr argwöhnisch beurteilter Einsatz lediglich darauf beschränken, etwa bei Bürgerbeschwerden „das Geschwindigkeitsverhalten von Verkehrsteilnehmern zunächst vor Ort überprüfen zu können“.

Auch mit der späteren Einführung der Laser-Handmessgeräte (LHMG) sei die umgangssprachliche Bezeichnung „Radarpistole“ weiterhin im Umlauf geblieben und das neue Messverfahren ebenso auf eine ablehnende Haltung stieß, ließ der Pressesprecher des Präsidiums, Robert Sandmann, wissen. Es habe einige Jahre fachlich fundierter „Überzeugungsarbeit“ auch bei Gericht bedurft, bis das Messverfahren insgesamt akzeptiert wurde. Anfang 1993 wurden die ersten LHMG beim Polizeipräsidium Mittelfranken eingesetzt. Aufgrund der Technik (Lasermessung) konnten die Geräte geeicht werden und es war möglich, gerichtsverwertbare Messungen durchzuführen.

Äußerst flexibel einsetzbar

Die von der Polizei verwendeten Geräte erwiesen sich als sehr zuverlässig, so dass sie bis heute eingesetzt werden. Das Ziel, jede Polizeiinspektion in Mittelfranken mit einem Messgerät auszustatten konnte im Jahr 2008 erreicht werden, so Sandmann mit dem Hinweis auf die äußerst flexiblen Einsatzmöglichkeiten der Lasermessgeräte. Sie seien nicht an fest vorgegebene Messstellen gebunden. Ein zeitaufwändiger Aufbau, wie bei den Großgeräten zur Geschwindigkeitsmessung, entfalle, wie auch einst Oberpolizeidirektor Kraus den Vorzug der „Radarpistole“ geschätzt hatte.

Heute weist die Polizei auf einen weiteren Vorteil der Laser-Handmessgeräte hin: „Sämtliche Kraftfahrzeugführende müssen vor Ort angehalten werden, um sie mit dem gemessen Geschwindigkeitsverstoß zu konfrontieren“. Wenn die Strafe quasi „auf den Fuß“ folge, sei nach Mitteilung von Preissprecher Sandmann „der verkehrserzieherische und der Nachhaltigkeitseffekt von Verwarnungen beziehungsweise Anzeigen erheblich besser“. In Bayern dürfe das „LHMG“ nur von umfangreich ausgebildeten Polizeibediensteten - nach bestandener Prüfung - eingesetzt werden.

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