Sonntag, 17.11.2019

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Suchtprävention in der Berufsschule Neustadt

Wie aus dem Genussmittel Alkohol ein tödliches Gift werden kann - 09.11.2019 12:56 Uhr

Eigene Erfahrungen ließ der Suchtberater Dirk Höllerhage (r.) vom Blauen Kreuz Deutschland den Schreinernachwuchs mit der "Promillebrille" machen. © Harald Munzinger


Begeisterung und Betroffenheit gleichermaßen machte der stellvertretende Schulleiter Michael Görs bei den Jugendlichen aus, die der Referent mit der harten Realität von Suchtkarrieren in seinen Bann zu ziehen versteht. So auch in der Schreinerklasse, in der die "Woche der Suchtprävention" endete. Zunächst respektvoll zurückhaltend, fast scheu auf die sehr persönlichen Anreden von Dirk Höllerhage reagierend, weiß dieser mit überzeugenden und rasch Barrieren abbauenden Schilderungen aus seiner Arbeit als Suchtberater des Blauen Kreuzes Deutschland die Runde zunehmend für die interaktive Auseinandersetzung mit den Gefahren illegaler Rauschgifte und die gefährlichste legale Droge Alkohol zu gewinnen.

Dies belegt er mit der nüchternen Statistik von jährlich 1276 Todesopfern illegaler Drogen und laut Drogenbericht 74.000 Alkoholtoten, um diese Zahl mit dem alle zwei Monate gänzlich ausgestorbenen Neustadt/Aisch von einem abstrakten zum plastischen Begriff zu machen. Oder mit der schockierenden offiziellen Erfassung von 1,8 Millionen Alkoholikern im Land, die für damit befasste Verbände eher bei drei Millionen liegen dürften, 9,5 der 12 Millionen dem Alkohol zugeneigten Menschen an der Schwelle zur Sucht stehen.

Alkohol als Volkskrankheit ignoriert

Zahlen, die auch in den Medien wahr- aber offensichtlich zu wenig ernst genommen werden. Und ebenso wenig die mit ihnen verbundene Tragik nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern noch drei- bis fünfmal so vielen Menschen in ihrem Umfeld. Die Frage, warum die Volkskrankheit Alkohol ignoriert wird, bleibt unbeantwortet, löst nur Erklärungsversuche aus, dass diese Droge überall und jederzeit verfügbar ist. Wenn dann auch noch die Bundeskanzlerin Alkohol nicht als akutes Problem, sondern als Kulturgut definiert, ist das für Dirk Höllerhage das Adrenalin für seine leidenschaftliche Aufklärungstour.

Diese führt den Pastor und Suchtberater quer durch die Nation, nun von Neustadt nach Cuxhafen. An 130 Tagen im Jahr "predigt" er Prävention, wie mit viel positiver Resonanz in der Berufsschule. Im Landkreis gilt er bereits als "fester Bestandteil der Suchtprävention an Schulen". Berufsschulleiterin Bettina Scheckel griff die Empfehlung der Präventionswoche vom Gesundheitsamt, gefördert über das "Schulpräventionsprojekt "HaLT" (Hart am Limit) auf und koordinierte diese mit der Jugendsozialarbeiterin Renate Böhm.

"Passt auf Euch auf"

Den Spaß am Feierabendbierchen wollte Höllerhage nicht vermiesen, mahnte aber eindringlich, diesen in Grenzen zu halten: "Passt, auf Euch auf!" Zumal man in der Jugend nicht über Suchtgefahren nachdenke. Welche Folgen diese haben können, schilderte er an so erschütternden Beispielen eines Martyriums mit Todesfolge aus dem Verwandtschaftskreis, die ihn veranlasst hatten, sich in der Prävention zu engagieren, vor allem die Jugend informieren.

Er wolle nicht nur deren Sinne für die Suchtproblematik schärfen – wozu auch eine "Rauschbrille" und manch anderer praktischer Schlüssel der Erkenntnis dienten - sondern auch deren Herzen erreichen, ist es Höllerhages Anliegen. Dieses versteht er dabei mit einer ausgewogenen Mischung von launig- unterhaltsamer Plauderei und knallharten Fakten zu vermitteln. Nur zu gerne würde er von der Volkskrankheit Alkohol auch die Schaltzentralen von Politik und Wirtschaft überzeugen, lässt der Suchtberater aus Leidenschaft wissen.

Wäre Alkohol nicht immer und überall zu haben und dazu meist auch noch verführerisch präsentiert, sondern - wie in andern Staaten - nur in separaten Räumen mit Ausweis erhältlich, wäre ein großer Schritt der Prävention gerade auch im Hinblick auf den Einstieg in die Abhängigkeit schon in sehr jungen Jahren getan, so Höllerhages Wunsch am Rande der ganz speziellen Unterrichtseinheit für den sehr aufgeschlossenen Schreinernachwuchs mit der Mahnung, dass tragisch enden kann, was ganz harmlos begann. Berufsschullehrer berichteten von durchweg positiver Resonanz auf die lebensnahe Suchtberatung.

Harald J. Munzinger

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