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NSU: Zeugin aus Nürnberg erkannte Terroristen schon 2006

Video zeigte Zusammenhang zwischen Morden in Köln und Nürnberg - 06.09.2013 16:25 Uhr

Wenige Tage nach dem Mord zeigten Menschen ihre Trauer mit Blumen und Zettel mit kurzen Botschaften. Eine Zeugin des Mordes an dem Kurden Ismail Yasar hat schon 2006 die mutmaßlichen Täter auf Videoaufnahmen vom Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße wiedererkannt. Doch der Spur ging niemand nach.

06.08.2013 © Bomhard


Eine Zeugin des NSU-Mordes an Ismail Yasar hat bereits 2006 die mutmaßlichen Täter auf Videoaufnahmen vom Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße wiedererkannt. Das berichtete die Nürnbergerin am Freitag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München.

Sie hatte am 9. Juni 2005 an dem von Yasar betriebenen Döner-Imbiss in Nürnberg zwei Männer in Fahrradkleidung beobachtet. Der eine habe dem anderen einen Gegenstand in den Rucksack gesteckt, berichtete sie. 2006 wurden der Zeugin dann die Aufnahmen einer Überwachungskamera in Köln vorgespielt, die aller Wahrscheinlichkeit nach die Neonazi-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kurz vor dem Bombenanschlag in der Keupstraße zeigten. Sie sei damals „sehr sicher“ gewesen, dass es sich um dieselben Männer handele, sagte die Frau.

Polizisten haben Aussage abgeschwächt

Die Polizeibeamten hätten die Aussage jedoch bei der Protokollierung etwas abgeschwächt und ein „ziemlich sicher“ daraus gemacht. „Es hieß vonseiten der Polizei: Wenn Sie nicht zu 150 Prozent sicher sind, dann können wir das nicht so schreiben.“ Der NSU-Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags hatte sich schon im Juni mit der Aussage der Frau befasst. Ein Ermittlungsbeamter aus der damaligen Sonderkommission „Bosporus“ hatte damals gesagt, die Zeugin sei sich sicher gewesen, er habe die Formulierung „ziemlich sicher“ im Protokoll aber als ausreichend angesehen.

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Später wurde beschlossen, die Video-Spur nicht mehr weiterzuverfolgen. Zur Begründung hatte der Beamte im Untersuchungsausschuss gesagt, es sei auch nur diese eine Zeugenaussage gewesen, die in Richtung Köln gewiesen habe. Zudem habe die dortige Tat – ein von Radfahrern verübter Bombenanschlag – nicht zu den anderen Taten der Mordserie gepasst. „Was man nicht sehen wollte, hat man nicht gesehen“, kommentierte Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimagüler nach der Verhandlung in München.

Erst nachdem die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) 2011 aufflog, wurde klar, dass es sich um dieselben Täter handelte. Wie die Zeugin vor Gericht sagte, hatte sie die beiden Radfahrer am Tatmorgen zwei Mal gesehen. Auf dem Weg zu einem Termin habe sie die Radfahrer mit

einem Stadtplan gesehen. „Ich hatte den Eindruck: Die kannten sich nicht aus.“ Auf dem Rückweg habe sie die beiden dann an der Dönerbude gesehen. Der eine habe dem anderen einen Gegenstand in den Rucksack gesteckt, der in eine gelbe Plastiktüte gewickelt war. Sie hätten eine helle Hautfarbe gehabt, hätten jedenfalls nicht südländisch ausgesehen.

"Die Mörder sollen bestraft werden"

Dennoch habe man ihr später Fotos von südländischen Verdächtigen vorgelegt. Sie sei gefragt worden, „ob ich mir vorstellen könnte, dass die türkische Mafia oder Waffenschieber dahinterstecken“. Die 82 Jahre alte Mutter Yasars und sein 54-jähriger Bruder waren eigens für die Verhandlung aus Urfa im Südosten der Türkei angereist. Beide waren zum ersten Mal in Deutschland. Ein Dolmetscher übersetzte für sie ins Kurdische. Ihr Eindruck von der Verhandlung? „Was soll man sagen...“, sagte die alte Frau. Beate Zschäpe habe sich unverschämt benommen, sie habe zwischendurch gelacht. Was sie sich von dem Prozess erwarte? „Die Mörder sollen bestraft werden. Sie haben einen Unschuldigen umgebracht.“

Der Terrorgruppe NSU werden die Morde an neun türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern sowie einer Polizistin, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle vorgeworfen. Böhnhardt und Mundlos sind tot. Beate Zschäpe ist als Mittäterin an allen Taten angeklagt. Sie soll für die legale Fassade des Trios gesorgt haben.

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dpa

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