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100 Tage im Amt: Die ersten Herzen hat OB König erobert

Anpackend und uneitel hat er sich einen Namen gemacht - 08.08.2020 05:43 Uhr

Beide Karstadt-Filialen werden vorerst in Nürnberg erhalten bleiben: Das ist auch ein Erfolg des neuen Oberbürgermeisters. Marcus König hat sich persönlich in die Aktivitäten zur Rettung eingeschaltet — und am Ende Sympathien gewonnen.

© Foto: Stefan Hippel


Zupackend. Das ist eine Vokabel, die häufig fällt, wenn es um eine Beschreibung des neuen Stils im Rathaus geht. Marcus König hat sich in seinen ersten 100 Tagen das Image eines Machers erarbeitet. Zudem gilt der 39-Jährige als uneitel. Gänzlich unprätentiös ist er ins Amtszimmer seines Vorgängers Ulrich Maly eingezogen. Die Wände frisch gestrichen, das war’s. Keine neuen Möbel, keine schicken Accessoires.

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Und er legt keinen großen Wert auf die Anrede OB: "Ich bin der Marcus König", stellt der CSU-Politiker sich gerne vor. Und wundert sich immer noch, wenn er in der Stadt als "Herr Oberbürgermeister" angesprochen wird.

König griff selbst zum Hörer

Die mit dem Amt verbundene Gefahr der schleichenden Abgehobenheit — König weiß um sie. Noch ist sie bei ihm nicht ansatzweise zu beobachten. Im Gegenteil: Der Mann hat seine Handynummer behalten, ist also für einen großen Kreis unmittelbar ansprechbar. Und er spricht andere auch direkt ohne Umwege über sein Vorzimmer an: Als es um die Karstadt-Rettung ging, war es König, der unbedingt die Durchwahl des in den USA lebenden Eigentümers der Innenstadt-Immobilie haben wollte. Dann griff er zum Hörer.

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Am Ende war das einstige Weltstadt-Warenhaus gerettet. Vorübergehend zumindest. Für König war diese Aktion gleichermaßen erfolg- wie lehrreich, denn in seiner ersten Reaktion auf das drohende Aus des Kaufhauses gab er sich (zu) gelassen. Wir werden notfalls schon eine andere Nutzung finden, so seine Botschaft, die gar nicht gut ankam.

Der neue OB will wissen, wo der Schuh drückt

Das war einer seiner wenigen Anfängerfehler. Kritik hervorgerufen hat das Eintreten Königs für die Nürnberger Sommertage. Punkten konnte der OB hingegen mit seiner Kritik am Vorgehen der Polizei gegen einzelne Teilnehmer der monatlichen Radfahrerdemo "Critical Mass". Die Beamten ließen die Luft aus einigen Rädern. Ansonsten hatte das neue Stadtoberhaupt dank der durch Corona sehr eingeengten öffentlichen Terminflut vor allem eines: Zeit. Die nutzte König für Besuche in diversen Ämtern der Stadt. Auch hier ist die Botschaft, die der Neue aussenden möchte, klar: Ich bin einer von euch, ich will wissen, wo der Schuh drückt. Und ich kümmere mich persönlich. Die Rechnung geht bislang auf: Trifft König auf städtische Mitarbeiter, fällt die Begrüßung beiderseits betont freundlich aus.

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Die Verwaltung hat König jedenfalls relativ schnell aus der durchaus vorhandenen Schockstarre herausgeholt. Nicht wenige konnten oder wollten zunächst den Ausgang der OB-Wahl nicht fassen, einige hatten es sich in der 18 Jahre währenden Ära Maly auch bequem eingerichtet.

Ob König tatsächlich auch seine Rolle als oberster Chef der Verwaltung im engeren Sinn ausüben will, bleibt noch offen. Zuzutrauen ist es ihm. Wie dem Mann mit dem Hauptschulabschluss ohnehin deutlich mehr zugetraut werden muss, als dies viele anfangs getan haben. König hat seine Karriere vor allem dank seines Willens vorangetrieben, er hat Stufe um Stufe, erst schulisch dann beruflich, erklommen. Nichts war ihm in die Wiege gelegt.

Das 365-Euro-Ticket war sein größter Coup

Anders als mancher der sonst in Politik und Rathäusern anzutreffenden Mainstream- Juristen fällt König auch unkonventionelle Entscheidungen: Das 365-Euro-Ticket war die wohl spektakulärste seiner noch jungen Amtszeit. Mutig und mit der nötigen Chuzpe des Neulings hat er eine drohende Niederlage bei einem Bürgerentscheids in einen persönlichen Triumph umgewandelt.

In etlichen Nachbar-Rathäusern haben seine Kollegen zunächst mehr oder weniger offen darüber geflucht, was der "Neue" sich da herausnimmt. Auch in der bayerischen Staatsregierung hielt und hält sich die Begeisterung in engsten Grenzen. Denn jetzt müssen den Worten von der großen ÖPNV-Offensive auch kostspielige Taten folgen.

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König wird genüsslich mitansehen, wie eine Kommune nach der anderen auf seinen Kurs umschwenkt. Der Weg zum 365-Euro-Ticket war zweifelsohne sein bislang größter Coup. Auch wenn das einige Landräte aus der Region noch nicht erkennen wollen.

König blickt nach vorne

Ob die Berufung des höchst umstrittenen neuen Stadtrechtsdirektors Olaf Kuch auch als geschickter Schachzug eingeordnet werden kann, muss sich erst noch zeigen. Eines hat König damit schon erreicht: die eigenen Reihen befriedet. Denn der wertkonservative Flügel innerhalb der Nürnberger Christsozialen, eine nicht zu unterschätzende Gruppierung, feiert die Beförderung Kuchs, weil dieser als Hardliner in der Ausländerpolitik gilt.

Dass unter anderem an der Person Kuchs die geplante Rathaus-Allianz mit den Grünen gescheitert ist — geschenkt. König betont zwar immer wieder, wie gerne er die Öko-Partei im Bündnis gehabt hätte, doch er weiß längst die Vorzüge einer Kooperation mit der SPD zu schätzen. Die Sozialdemokraten sind bis auf Weiteres mit sich selbst und der Aufarbeitung ihres desaströsen Wahlergebnisses beschäftigt.

König blickt dagegen nach vorne. Er lässt sich zeitgemäß von seinem eigenen Social-Media-Experten auf allen Kanälen vermarkten, führt ein Antrittsgespräch nach dem anderen und lässt all diejenigen, die analog zur nur sechs Jahre dauernden Amtszeit Ludwig Scholz’ auf eine Wachablösung im Jahr 2026 setzen, alt aussehen. Im Moment zumindest.

Kritik für den "Sommer in der Stadt"

Dieser OB ist nicht nur privat ein Dauerläufer, er ist auch ins Rathaus gekommen, um seine Ausdauer unter Beweis zu stellen. Für seine politischen Widersacher, das zeigen die ersten 100 Tage im Amt, wird es alles andere als einfach, auf sich aufmerksam zu machen. In der Nürnberger SPD, in deren Reihen nicht wenige der Meinung waren, sie müsse den OB für immer und ewig stellen, setzt sich die Erkenntnis durch, dass es verdammt schwer werden könnte, König aus dem Amt zu verdrängen. Inwieweit ein Bündnis mit der CSU die richtige Strategie ist, muss sich erst zeigen.

Im Moment können die Sozialdemokraten nicht einfach so die im Rathaus getroffenen Entscheidungen kritisieren. An den verhaltenen Reaktionen auf den "Sommer in der Stadt", dem an vielen Orten verteilten Mini-Volksfest, das König zugelassen hat, ist dies derzeit sehr gut nachvollziehbar.

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Es gibt vor allem in den sozialen Netzwerken teils heftige Kritik daran, in Coronazeiten, eine solche Veranstaltung zuzulassen. Königs Vorgänger im Amt, Ulrich Maly, hätte sich dem Druck der Schaustellerlobby jedenfalls nicht gebeugt. Um die Ohren wird König auch diese Entscheidung nicht fliegen. Er hat zugepackt — und entschieden. In fünf Jahren, wenn der OB-Wahlkampf eingeläutet wird, spricht wohl keiner mehr vom Corona-Sommer.

Für den neuen OB steht die erste Nagelprobe unmittelbar bevor. Denn angesichts schwindender Einnahmen muss er in den kommenden Jahren vor allem eines tun: Etliche Vorhaben auf die lange Bank schieben. Vor dem Erstellen einer Streichliste und der Weichenstellung für den Verschiebebahnhof muss König unangenehme Fragen beantworten: Schiebt er den Neubau des Konzertsaals, die Opernhausanierung, das geplante Volksbad oder die Sanierung der maroden Hafenbrücken? Lange können der Stadtrat und der OB mit den Antworten nicht warten.


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