11. April 1967: Alle drei Wochen auf der Schulbank

11.4.2017, 07:00 Uhr
Der jüngste und der älteste einer Kolleg-Gruppe in der Berufsschule VI: vorne Lehrling Klaus-Bernd Vogt (15) und dahinter Josef Kleemann, der im Juni 53 Jahre alt wird.

Der jüngste und der älteste einer Kolleg-Gruppe in der Berufsschule VI: vorne Lehrling Klaus-Bernd Vogt (15) und dahinter Josef Kleemann, der im Juni 53 Jahre alt wird. © Ulrich

Das erste Semester der Fernseh-Telekollegs aus München läuft nun schon länger als ein Vierteljahr. Männer und Frauen aus den verschiedensten Berufen meldeten sich, teils der in Aussicht gestellten Fachschulreife wegen, teils aus ganz privaten Gründen, um ihr Allgemeinwissen aufzufrischen und ein bißchen dazu zu lernen.

Allein aus Nürnberg ließen sich 704 Personen die Arbeitsunterlagen zuschicken. 455 kamen zum ersten Kolleg-Samstag. Und wie schaut es jetzt, nach einem Vierteljahr, mit der Begeisterung aus?

„Es ging alles etwas schnell“, meint Oberstudiendirektor Dr. Otto Kotschenreuther von der Berufsschule VI, dessen Anstalt die Berufsaufbauschule angegliedert ist. Ursprünglich glaubte man, den Samstag-Unterricht für alle Tele-Studenten in der Anstalt an der Schnieglinger Straße halten zu können, aber dann mußte man die Lernbegeisterten auf sämtliche Berufsschulen der Stadt verteilen. Zum Glück fanden sich genügend Lehrkräfte, die den Lernenden mit Rat und Tat zur Seite stehen und ihre Hausaufgaben korrigieren.

Selbstverständlich ist das Häuflein inzwischen schon merklich kleiner geworden. Etwa die Hälfte derer, die mitmachen wollten, erscheint noch zum Unterricht. Oberstudiendirektor Kotschenreuther und seine Kollegen glauben, daß sich die Spreu damit schon vom Weizen gesondert hat und die meisten nun ausharren werden. „Wenn andere so ernsthaft arbeiten würden wie die Tele-Kollegleute...“ bekennen die Pädagogen, die es ja wissen müssen.

„Ich mache mit, weil ich Ingenieur werden will“, erklärt ein 17jähriger Mechanikerlehrling. Neben ihm sitzt ein 28jähriger kaufmännischer Angestellter mit Volksschulbildung: „Ich will mein Allgemeinwissen erweitern und meinen Kindern helfen können, wenn sie einmal in weiterführende Schulen gehen.“ Der Uhrmacher daneben: „Ich hab halt Spaß dran und möchte mich vor meinen Kindern einmal nicht genieren.“ Eine Angestellte: „Ich habe schon Kurse bei der Volkshochschule belegt, aber beim Tele-Kolleg kommt man weiter, man muß dem Unterricht nicht nachlaufen, er kommt ins Haus!“

„Kurse der Volkshochschule werden nicht staatlich anerkannt“, erklärt ein 29 Jahre alter Betriebstechniker und Industriemeister, der, wenn es klappt, gern Offizier bei der Bundeswehr werden möchte. Eine junge Verwaltungsangestellte: „Ich mache mit zur Wiederholung.“ Ein Betriebstechniker (26) will mit der Tele-Fachschulreife auf die Ingenieurschule.

Einig sind sich alle, daß ohne Fleiß auch der Fernsehunterricht nicht zu Preisen und Lorbeeren führt. Man brauche viel Zeit und Energie, um das Gesehene und Gehörte zu vertiefen. Die Lehrbriefe seien jedoch gut ausgearbeitet, „viel besser als Fernlehrbriefe“, bestätigt ein Schüler, der auch auf diesem Gebiet Erfahrungen hat. Auf einen Nenner gebracht, empfinden die Tele-Studenten das Wagnis des Bayerischen Rundfunks sehr gut, weil man Lehrer hat, sei es auf der Mattscheibe, sei es alle drei Wochen beim Kolleg-Tag. Nur mit der englischen Aussprache hapert es, da die Lehrbriefe keine phonetische Schreibweise enthalten und die Gelegenheit zur Kontrolle fehlt.

Fast genauso positiv sind die bisherigen Erfahrungen der Pädagogen. Sie begrüßen das Tele-Kolleg ganz allgemein, weil das Interesse an der Weiter- und Erwachsenenbildung geweckt wird. Das Lehrprogramm sei ausgezeichnet ausgearbeitet, wenn man auch im einen oder anderen Fall anderer Meinung sein könnte. Immerhin stecken hinter jeder 25-Minuten-Sendung 100 Stunden Vorbereitungsarbeit.

Mit wachen Augen verfolgt schließlich auch das Bayerische Kultusministerium die Schulstunden der Fernsehleute. Nach jedem zweiten Kollegtag muß nach München berichtet werden, wieviele Zuschauer noch mitmachen. Wer dreimal unentschuldigt dem Unterricht fernbleibt, wird ausgeschlossen und hat die Chance auf die Fachschulreife vertan. Im Herbst findet, so hat das Ministerium weiter angeordnet, eine Prüfung in strenger Klausur über den Stoff des ersten halben Jahres statt. Auf das Ergebnis dieses Examens ist man heute schon gespannt.

Die erste Hürde werden noch viele überspringen, vermuten die Pädagogen. Aber ob sie das letzte Jahr nach der Methode „Beruf – Tele-Unterricht – Kollegtag alle drei Wochen“ schaffen werden, scheint zweifelhaft. Diesen strebsamen und begabten Menschen sollte man Gelegenheit bieten, für eine bestimmte Zeit an einem ganztägigen Unterricht teilzunehmen.

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