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11. August 1970: In Langwasser fehlen die kurzen Wege

Untersuchung des Städtebau-Instituts Nürnberg (SIN) über Wohnviertel - 11.08.2020 07:00 Uhr

Die Reinerzer Straße — eine der langen Stichstraßen im Zentralbereich Langwassers. Der Weg vom unteren Stra ßenende zur Bushaltestelle ist zu lang. Ein Ring mit kurzen Stichstraßen könnte ohne allzu hohe Kosten mit Bussen bedient werden.

© Fischer


Nach den Feststellungen von SIN sind die für den Pkw-Verkehr vorgesehenen Flächen nicht auf den wirklichen Bedarf abgestimmt. Der fließende Verkehr wird gehemmt, die vorgesehenen Parkflächen reichen nicht aus.

Die Straßen der neuen Siedlung sind ferner nicht richtig auf das Verkehrssystem der Gesamtstadt bezogen. Die kürzeste Verbindung nach Langwasser würde von der Münchener Straße über die Oppelner Straße führen. Obwohl die ersten Nachbarschaften bereits vor einem Jahrzehnt bezogen wurden, haben die Verkehrsverbindungen noch heute den Charakter eines Provisoriums. Wenn man über die Straßenzüge Zollhaus- und Breslauer bzw. Gleiwitzer und Breslauer Straße nach Langwasser fährt, wird dies deutlich.

Nur Fuß- und Radweg verbinden das Ende der Reinerzer Straße mit den Gebäuden dahinter. Trotz der geringen Entfernung müssen die Autos kilometerweite Umwege zurücklegen – vor allem für Krankenwagen, Feuerwehr und Müllabfuhr.

© Fischer


In beiden Fällen biegt man fast rechtwinkelig über die geknickte Vorfahrt in die Breslauer Straße ein. Dipl.-Ing. Bernd-Dieter Land (SIN): „Eine fast rechtwinkelig abgeknickte Vorfahrt ist in der Regel ein Zeichen dafür, daß die Straße nicht für diesen Verkehr konzipiert wurde. Hier zeigt sich besonders deutlich der provisorische Charakter einer Straßenplanung.“

Die Straßen innerhalb Langwassers sind – wie in anderen Siedlungen auch – vorn Prinzip der Stichstraßen bestimmt. Als Sackgassen halten diese Straßen den Durchgangsverkehr fern. Die Bewohner können deshalb weitgehend lärmfrei wohnen und schlafen.

Entsprechend positiv fällt das Urteil der Bewohner über diese Straßen aus: Im Gesamtdurchschnitt der untersuchten 16 Siedlungen im ganzen Bundesgebiet antworteten 44, in Nürnberg-Langwasser sogar 51 Prozent auf die Frage „Werden Sie des öfteren durch Lärm gestört?“ mit Nein. 

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In Langwasser wie im Gesamtdurchschnitt ist der Verkehr für den offenbar besonders lärmempfindlichen Rest die unwichtigste Lärmquelle. Weit häufiger wurden die Hellhörigkeit der Wohnung und das Lärmen spielender Kinder angegeben. Die überwiegende Mehrzahl der Siedlungsbewohner bezeichnete es zudem als Vorteil, an einer solchen Stichstraße zu wohnen.

Dem Vorteil lärmfreien Wohnens stehen nach der SIN-Untersuchung jedoch auch in Langwasser gewichtige Nachteile gegenüber.

1. Trotz der kürzlich erfolgten Erweiterung der Buslinien wird ein großer Teil der Wohnungen vom öffentlichen Nahverkehr nicht erfaßt. Lange Stichstraßen machen das Befahren mit Bussen so aufwendig, daß an die Einrichtung solcher Linien kaum zu denken ist. Folge: Fußmärsche auf dem Weg zur Arbeitsstätte und zum Einkaufen bis zur nächsten Bushaltestelle für viele Bewohner und ihre Kinder. 

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2. Krankenwagen, Feuerwehr und Müllabfuhr müssen infolge der Stichstraßen zeitraubende Umwege fahren. Zwischen der Reinerzer und Hirschberger, sowie der Görlitzer und Jauerstraße gibt es z. B. keine Verbindungsstraßen für Pkw. Folge: Obwohl die Straßenenden nur einige hundert Meter voneinander entfernt liegen, müssen Kraftfahrer kilometerlange Wege zurücklegen, um von einem Siedlungsteil in den anderen zu kommen. 

3. Wegen des unübersichtlichen Stichstraßensystems fällt Langwasserbesuchern die Orientierung schwer. Folge: Ohne Stadtplan oder mehrmaliges Befragen Vorübergehender kommt man nicht in die gesuchte Straße. Die Langwasser-Planer haben inzwischen gelernt, daß diese Nachteile des Stichstraßensystems vermeidbar sind: Mit der Wetterstein- und Zugspitzstraße wurde im nördlichen Teil der Siedlung ein Ring geschaffen, von dem leicht erreichbare kleine Seitenringe und kurze Stichstraßen abgehen.

Im Hauptbereich der Siedlung jedoch und vor allem im Zentrum hat die Planung Folgen, die – wie die meisten Planungen im Bereich des Bauens – nicht, oder nur schwer korrigierbar sind. 

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