11. Mai 1969: Jets bringen Blumen zum Muttertag!

11.5.2019, 08:17 Uhr
Hier sind duftende blaßlila Rosen 'Mainzer Faßnacht

Hier sind duftende blaßlila Rosen 'Mainzer Faßnacht" an der Reihe. Als es noch ein Strauß Feldblumen tat, war dieses Problem unbekannt © Ulrich

Hiesige Floristen waren es, die die Idee der Amerikanerin Anna M. Jarvis aus dem Jahre 1907 aufgriffen und über Nürnbergs Grenzen hinaus volkstümlich machten. Freilich, die Gaben zum Ehrentag der Mutter sind kostspieliger geworden. Das Düsenalter hat auch exotische Schnittpflanzen für den deutschen Markt erschlossen. Die einschlägige Branche erkannte die Chance. Hundert Tonnen „blühende Grüße“, die in dieser Woche nach Nürnberg geflogen wurden, beweisen es.

„0 Mutter, was kann ich dir bringen Für all deine Liebe und Treue?“ fragt Friedrich von Strauß und Torney in den Gedichten: „Meine Mutter“. Die Gärtner und Blumenimporteure liefern die Antwort frei Haus. Bezahlt muß nur die Ware werden, die Orchidee aus Singapur, die Nelke aus Südafrika, die Rose aus Teneriffa und die Tulpe aus Holland. Weitere Bezugsländer sind Spanien, Frankreich, Italien und Rumänien.

Vor den Freuden im trauten Familienkreis steht die harte Arbeit und das noch härtere Geschäft. Propeller- und Düsenflugzeuge bringen die blühende Fracht bis aus Südostasien nach Nürnberg.

Vor den Freuden im trauten Familienkreis steht die harte Arbeit und das noch härtere Geschäft. Propeller- und Düsenflugzeuge bringen die blühende Fracht bis aus Südostasien nach Nürnberg. © Ulrich

Die Einfuhrfirmen lassen sich zwar nicht gern in die Karten schauen – die böse Konkurrenz könnte ja schließlich erfahren, wo man günstige Verträge abschließt –, aber es steht auch so selbst für den Nichteingeweihten fest: solange die Blumen blühen, blüht auch der Handel.

Zehn Tonnen Fracht werden normalerweise in der Woche auf dem Nürnberger Flughafen gelöscht. Vor dem Muttertag verzehnfachte sich diese Zahl. Sie zwang den Zoll zu Überstunden, denn: früher hatten die Firmen ihre eigenen Sachverständigen, heute fällt dieser Teil des Pflanzenschutzes in den Hoheitsbereich der Zollbeamten.

Sie mußten noch einmal die Schulbank drücken, als die Einfuhrbestimmungen verschärft wurden. An der Amtlichen Pflanzenbeschau, einer Abteilung der Anstalt für Boden- und Pflanzenbeschau München, erhielten sie die nötigen Kenntnisse vermittelt – die theoretischen am Mikroskop, die praktischen früh ab 6 Uhr am Viktualienmarkt.

In Nürnberg werden Chrysanthemen, Rosen und Nelken besonders unter die Lupe genommen, Orchideen und Gladiolen, wenn sie aus den USA kommen. So mischten sich in die Zuversicht („Unsere Blumen sind mit Sicherheit einwandfrei!“) doch immer bange Zweifel („Vorkommen kann immer wieder einmal etwas“). Ein Aufatmen geht jedesmal durch die Reihen der Einkäufer, wenn die Pappkartons mit ihrem teuren Inhalt endlich gestempelt sind: Zur Einfuhr zugelassen! Deutscher Pflanzenschutzdienst. Amtliche Pflanzenbeschau.

Täglich rollen Chartermaschinen aus Amsterdam und von der Blumenriviera (Nizza) auf der Piste des Nürnberger Flughafens aus. Wehe, wenn Nelken von Wicklern, Rosen von Schildläusen und Orchideen von Japankäfern (kleine, schwarze Tierchen, die ähnlich dem Kartoffelkäfer in kurzer Zeit ganze Kulturen „verspeisen“) befallen sind. Ein spitzes, rotes Dreieck bedeutet dann unmißverständlich: „Zur Einfuhr nicht zugelassen!“

„Hat ein Flugzeug solche Fracht geladen, muß es unverzüglich und auf dem kürzesten Weg die Bundesrepublik verlassen“, erläutert Zollobersekretär Karl Scherzer, einer der vier Pflanzenschutzfachleute seiner Dienststelle am Flughafen. Er betont aber auch, daß die Länder selber bemüht sind, saubere Ware zu liefern. So liegt jeder Sendung ein Pflanzenschutzgesundheitszeugnis bei: „Es wird bescheinigt, daß die Pflanzen nach besten Kenntnissen überprüft worden und gesund sind. Die deutschen Pflanzenschutzbestimmungen sind beachtet.“

Wann die letzte Sendung zurückgeschickt worden ist? Zollobersekretär Scherzer muß Jahre zurückblättern. Nach seinen Erfahrungen könnten die Bestimmungen für Holland sofort aufgehoben werden, aber die Niederlande sind selber mißtrauisch; sie liefern zwar die am sorgfältigsten ausgesuchte Ware – so Karl Scherzer –, aber innerhalb der EWG-Staaten müßte die Aufhebung auf Gegenseitigkeit erfolgen, „und da hat man schlechte Erfahrungen mit dem einen oder anderen Land gemacht“.

Es fehlt nicht an spöttischen und auch kritischen Stimmen – bei der Handelsbilanz mit Blumen sogar verständlich –, die die nette Idee des Muttertags mit dem Geschäftsinteresse der Konditoren, Kaffee-Importeuren und eben der Gärtner in Verbindung bringen oder gar für nationalsozialistisches Gedankengut halten. Doch haben schließlich nahezu alle großen Dichterfürsten von alters her dem „lieben Mütterlein“ ihre Reverenzen erwiesen, und dann war es, wie gesagt, eine Amerikanerin, die für ihre Idee des Muttertages weit über die Vereinigten Staaten hinaus warb.

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