14. April 1965: Der Jüngling im „Austragsstüberl“

14.4.2015, 14:18 Uhr
Traurig sitzt der Jüngling auf seinem Felsblock und denkt über die Ungerechtigkeit der Welt nach.

Traurig sitzt der Jüngling auf seinem Felsblock und denkt über die Ungerechtigkeit der Welt nach. © Gerardi

Mit dem „Brüderl“ meint der Jüngling den Mann in der Stadtverwaltung, der „schuld“ daran war, daß er – ein griechisch-römischer Jüngling – jetzt in diesem gottverlassenen „Austragsstüberl“ sitzen muß, wo bloß fette Kater umeinanderstreichen und die frechen Vögel ihm – mit Verlaub – das Haupt verzieren. Und gerade um diese Frühlingszeit flanieren doch im Luitpoldhain lauter nette Mädchen, freuen sich und lachen. Nur er hat schon einen ganz schwarzen Fleck unterm linken Auge, vom Weinen.

Aber das hilft ihm so wenig, wie es anderen einst hochgeschätzten Denkmälern geholfen hat. Sie standen an Brennpunkten des Verkehrs, mußten ihm weichen oder paßten nicht mehr in die Zeit. Der griechische Jüngling teilt sein „Austragungsstüberl“ – besser gesagt sein Exil – mit einem steinernen Leidensgenossen, der ebenfalls aus dem Luitpoldhain vertrieben wurde.

Sehnsucht nach dem Leuchtturm

Das Denkmal der Ludwigseisenbahn stand seit 1890 vor dem einstigen Ludwigsbahnhof am Plärrer und mußte schon 1929 dem Verkehr weichen. Es wurde an die Nürnberg-Fürther Stadtgrenze versetzt und wegen des Schnellstraßenbaus vor einiger Zeit noch ein Stück weitergerückt. Kurz nach dem Ludwigseisenbahndenkmal verlor der Plärrer 1930 mit dem alten Wartehäusen auch seine zweite Zierde. Es wurde einfach abgebrochen und verkauft. Sein Zwiebeltürmchen ziert heute noch das Haus Nr. 115 am Oberen Pfaffensteig in Wolkersdorf.

Ein anderes Bauwerk, kein Türmchen, sondern ein mächtiger Turm, lebt heute noch in der Erinnerung der Nürnberger und in der Sehnsucht des Ruderclubs fort: der Leuchtturm am Dutzendteich. Er fiel dem Ausbau des Reichsparteitaggeländes zum Opfer, soll aber nach dem Wunsch der Ruderer wiederstehen. Sie würden – wie vor einiger Zeit berichtet – ein kleines Museum einrichten, die Amateurfunker könnten ihre Stationen unterbringen und die Polizei könnte bei Großveranstaltungen den Verkehr beobachten und steuern.

Ebenfalls am Dutzendteich stand einst die Gaststätte „Dutzendteich-Park“. Hier traf sich die gute Gesellschaft, während die einfachen Leute lieber im „Volksgarten“ einkehrten. Der „Volksgarten“ überstand den Krieg, vom „Dutzendteich-Park“ blieb kein Stein auf dem anderen. Heute ist das Gelände Wohnbaugebiet.

Vorbei und vergessen ist auch der Treffpunkt „am Gaul seim Schwoonz“, das Prinzregenten-Denkmal am Bahnhofsplatz, das den Prinzregenten hoch zu Roß und umgeben von Löwen zeigte. Es mußte dem Verkehr weichen. Mit ihm wichen auch die Pärchen, die sich zuerst an der sogenannten Liebesinsel vor der Lorenzkirche zu ihren Rendezvouz trafen und jetzt in die Fußgängertunnels beim Hauptbahnhof abgewandert sind. Abgewandert sind auch die Bronze-Gruppen, die an der Bayernstraße am einstigen Eingang zum alten Tiergarten standen. Sie zogen mit dem Tiergarten hinaus zum Schmausenbuck. Die letzten Mauerreste des Einganges sind erst vor einiger Zeit entfernt worden.

Nicht mehr „salonfähig“

Zu den „Austräglern“ zählten lange Zeit auch etliche Wagen der alten Pferdebahn, der Vorläuferin der „Elektrischen“. Sie dienten in Kleingärten als Lauben, verloren aber bald ihre „Salonfähigkeit“. Wacker gehalten haben sich dagegen zwei Zollhäuser, die an die reichsstädtische Vergangenheit Nürnbergs erinnern. Das eine – bereits erwähnte – steht an der Straße nach Allersberg, das andere auf dem Areal der einstigen Bärenschanzkaserne. Beide weisen über dem Eingang die Jahreszahl MDCCXXI (1721) auf.

Ja, die „gute alte Zeit“. Sie ist auch noch in den Lochgefängnissen erhalten geblieben, die ihren Besuchern interessante Einblicke in die Rechtspflege und den Strafvollzug früherer Zeiten gewähren. Die „Eiserne Jungfrau“ dagegen lebt wie viele andere Raritäten nur noch in der Erinnerung der alten Nürnberger fort. Dieses Kuriosum, das einen einfallsreichen Schlossermeister als Schöpfer hatte und niemals ein Folterinstrument war, wurde ein Opfer der Bomben. Kein Stachel ist mehr von ihr vorhanden.

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