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14. September 1971: Zoo besser als die US-Kaserne

14.9.2021, 07:00 Uhr
So urteilt Washington über die Merrell Barracks: eine verwahrloste Stätte des Verbrechens und des Haschhandels.

So urteilt Washington über die Merrell Barracks: eine verwahrloste Stätte des Verbrechens und des Haschhandels. © Ranke

Nach wochenlangen Recherchen, bei denen ihre Reporter unter anderem zehn amerikanische Stützpunkte in der Bundesrepublik besuchten, kommt die angesehene Zeitung zu dem Schluß: die US-Army ist eine „in sich zerrissene Armee“, die um ihr Überleben kämpft – gegen Kriminalität, Rauschgift, rassische Konflikte und Rebellion gegen Offiziere.

Bei einem Besuch der „Merrell Barracks“ in Nürnberg fanden die beiden Reporter Haynes Johnson und George C. Wilson „alle Bestandteile der chaotischen Bedingungen, gegen die die heutige amerikanische Armee zu kämpfen hat, wo immer sie auch stationiert ist: in Deutschland, Vietnam oder zu Hause“.

Die Schäden am Haupteingang stammen noch aus der Kriegszeit. Sie wurden nie ausgebessert.

Die Schäden am Haupteingang stammen noch aus der Kriegszeit. Sie wurden nie ausgebessert. © Ranke

„Die Kaserne“, erklärte ein Offizier, „ist eine Schande für die Vereinigten Staaten ... Selbst wenn wir sie hundertprozentig renovierten, wäre sie nur halb so gut wie sie war, als Hitlers Truppen sie bewohnten. Warum ist der Nürnberger Zoo in besserem Zustand als diese Kaserne, in der unsere Männer leben? Das schafft ein phantastisches moralisches Problem. Was uns zur Zeit am meisten sorgt, sind die Lebensbedingungen unserer Männer und das Rauschgiftproblem.“

Das Innere der Kaserne, Hauptquartier des „2nd Armoured Cavalry Regiment“, beschreiben die beiden Reporter als „bedrückend“: „Viele Fenster sind zerbrochen. Sie sind nicht erneuert worden. Schmale Gänge sind von nackten Glühbirnen schwach beleuchtet. Aus klaffenden Löchern in der Decke fällt der Putz. Das Gebäude selbst scheint auseinanderzufallen.“

Rauschgift ist dem Urteil der „Washington-Post“-Reporter nach die entscheidende Ursache für Kriminalität, Angst und Gewalttätigkeit unter den amerikanischen Soldaten. Sie zitieren einen erst 17 Jahre alten US-Soldaten, „schmächtig, blaß und verängstigt“, der erst einen Monat in Nürnberg stationiert und in dieser Zeit bereits zweimal von anderen Soldaten zusammengeschlagen worden war: „Sicherlich habe ich Angst, ich habe Angst hier herumzulaufen.“

Einer der Gründe ist nach seinen Worten der „organisierte Rauschgifthandel“ in der Kaserne: „Das erste, was einem Burschen hier passiert, ich meine wenn er gerade angekommen ist, das erste ist ein Pusher (Rauschgiftschieber), der ihn anhaut und ihm sagt, daß er gutes Zeug hat und es dir geben möchte. Mir ist das am zweiten Tag hier passiert. Sie nehmen dich mit in ihre Stube oder wo sie das Zeug sonst haben und lassen dich erst mal gucken.“

Schlüssel für Kriminalität

Rauschgift, so meint die „Post“, ist ein Schlüsselfaktor für die Kriminalität, für Angriffe oder Überfälle. Einer der befragten Soldaten zeigte den beiden Reportern ein Bajonett: „Ich laufe hier nachts nur herum, wenn ich das bei mir habe.“ Soldaten und Offiziere nannten als entscheidende Ursache für die Probleme immer wieder: Vietnam.

Die Zeitung zitiert General Michael S. Davidson, der vor einem Jahr die Kambodscha-Invasion leitete und jetzt neuer Befehlshaber der US-Armee in Europa ist: „Wir haben für Vietnam einen schrecklichen Preis bezahlt, einen schrecklichen.“ Um die notwendigen Truppen für Vietnam zu haben, „mußten wir die Siebte Armee (in Europa) zerstören“. Der Abzug amerikanischer Soldaten aus Europa nach Vietnam habe dazu geführt, „daß die Siebte Armee mit Bataillonen zurückblieb, die von einem Oberstleutnant, einem Major oder Hauptmann und 18 bis 20 Leutnants geführt wurden ... Die Folge war ein Chaos in Moral, Disziplin und Kampfbereitschaft.“

Die Polarisierung zwischen Weiß und Schwarz beunruhigt das Oberkommando genauso stark wie das Gangstertum. Da die Schwarzen nicht glauben, daß sie in der Armee mit gleichen Rechten ausgestattet sind wie die Weißen, helfen sie sich selbst. Wird einer von ihnen angerempelt, so beschwert er sich nicht, sondern holt Verstärkung aus dem nächsten Wohnheim. Diesem Problem und der sich auflösenden Disziplin stehen viele Kommandeure hilflos gegenüber. Die Situation wird als explosiv bezeichnet.

Ein General, der mit Schwarzen diskutieren wollte, geriet an einen „Schwarzen Panther“, von dem er sofort als „Pig“ (Schwein) eingestuft wurde: „Ich habe in Chikago Häuser angesteckt und auf Weiße geschossen. Es tut mir nicht ein bißchen leid. Ich würde auf Weiße genauso schnell schießen wie auf Vietcong.“

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