15. April 1965: Die Zunft in Bronze

15.4.2015, 07:00 Uhr
Die reich verzierte Platte auf dem „Buchdruckergrab“ im Johannisfriedhof.

Die reich verzierte Platte auf dem „Buchdruckergrab“ im Johannisfriedhof. © Gerardi

Wie ein versöhnendes Licht leuchten zu allen Jahreszeiten die Blüten an der Stätte des Todes. Das ist nicht immer so gewesen. In früheren Zeiten bot der Johannisfriedhof einen wesentlich düsteren Anblick mit den schmucklos nebeneinander liegenden viereckigen Grabplatten, wahrlich eine „Steinwüste“, die die Bitternis des Todes faßbar ausdrückte.

Wer sich die Zeit nimmt, durch die Reihen zu gehen, wird noch mehr Besonderheiten finden: in den Bronzetafeln auf den Grabplatten eine Sammlung der Nürnberger Metallgußkunst aus vier Jahrhunderten. Prachtvolle Wappen, einprägsame Schilderungen aus der Heilsgeschichte, Handwerkszeichen und symbolische Darstellungen sprechen von denen, die hier ruhen und von dem, was sie waren und was sie im Tod glaubten und erhofften.

So ist ein Gang durch den Friedhof zugleich auch ein Gang durch die Geschichte der Reichsstadt. Viele der hier Begrabenen, vor allem unter den Künstlern, sind aber auch weit über Deutschland hinaus bekannt. Hans Sachs, der Volksdichter, und Albrecht Dürer, der große Maler, Veit Stoß, der geniale Bildschnitzer, und Wenzel Jamnitzer, der berühmte Goldschmied, Willibald Pirkheimer, der große Humanist, und Lazarus Spengler, der Freund Luthers – um nur einige zu nennen – sie alle haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Auch die beiden Feuerbach, Anselm, der Maler, und Ludwig, der Aufklärungsphilosoph, ließen sich hier betten.

Eines unter den Monumenten stellt ein bedeutsames Denkmal der Buchdruckergeschichte dar. Den meisten Besuchern mag es entgehen, unter Kennern aber ist es als das „Buchdruckergrab“ berühmt. Es befindet sich im Friedhofsteil linker Hand von der Kapelle und hat die Nummer E 24. Die ganze Grabplatte ist bedeckt mit einer Bronzetafel, die in fein ausgeführter Reliefarbeit zwei Zimmer zeigt.

Die Inschrift nennt keine Namen

Das eine – rechter Hand – weist sich als eine Druckerei und Setzerei aus, das andere – linker Hand – als eine Schriftgießerei. In der Druckerei stehen zwei Gesellen an einer Presse. Der eine legt eben einen Bogen auf, der andere reibt mit zwei Ballen, die er in den Händen hat die Farbe ein. Im Hintergrund beugen sich zwei Setzer über einen Tisch und sortieren Buchstaben. Im Nebenraum sind zwei Männer mit Schriftgießerei beschäftigt. Beide Darstellungen vermitteln einen höchst lebendigen Eindruck der Buchdrucker- und Schriftgießerarbeit. Die Gesellen haben runde Mützen auf halblangen Haaren und tragen den Bart nach der Art des Schwedenkönigs Gustav Adolf, d. h. einen kleinen Schnauzbart und einen kurzen spitzen Kinnbart. Bis auf die Kniehose und die Schnallenschuhe ist die Tracht der „Druckereiverwandten“ aus der Zeit um die Mitte des 17. Jahrhunderts festgehalten.

Dieses Grab wurde 1651 von dem großen Nürnberger Handelsherrn, Verleger und Drucker Wolf Endter d. Ä. und seiner Frau gestiftet, wie die Inschrifttafel berichtet, die sich unter der Abbildung von Druckerei und Schriftgießerei befindet: „Der Erbar und Vornehm Wolffgang Endter der Elter und mit ihm Maria, eine geborne Öderin, seine Ehliche Hausfrau, stiftet diese Begräbnis samt andern zu Christlichen Leichenbegängnissen gehörigen Sachen, sowol fremden als einhemischen Buchdruckern, Setzern und Schrifftgießern zu sondern Ehren und stets wärenden Angedenken. A. 1651.“

Grab ist dem Stiftungszweck entfremdet

Unterhalb dieser Schrifttafel ist ein Saal dargestellt, in dem rechts der Stifter Wolf Endter mit acht Söhnen und links seine Frau mit zwei Töchtern knien und betende Hände zu dem zwischen ihnen stehenden leeren Kruzifix aufheben, zu dessen Füßen ein Totenkopf und zwei gekreuzte Gebeine liegen. Die Kreuze, die man über den Köpfen einzelner Kinder feststellen kann, bedeuten, daß die Dargestellten zur Zeit der Stiftung bereits tot waren. Von den zehn Kindern waren nur noch vier Söhne und eine Tochter im Jahr 1651 am Leben.

Leider kennt man den Künstler nicht, aus dessen Werkstatt diese schöne Platte hervorgegangen ist. Es dürfte aber doch wohl derselbe gewesen sein, der auch das Grabmonument auf Wolf Endters eigenem Grab rechts der Kapelle geschaffen hat.

Keine Inschrift sagt uns, welche, Setzer, Drucker und Schriftgießer aus dem Endterschen oder einem der andern Nürnberger Verlage im Buchdruckergrab nun tatsächlich bestattet wurden. Längst ist das Grab dem Stiftungszweck entfremdet und in Privathände übergegangen. Aber der neue Besitzer muß – wie es auch bei allen anderen Grabplatten mit wertvollen Reliefs auf dem Johannisfriedhof der Fall ist, – die Bronzetafel auf ihrem Platz belassen.

Keine Kommentare