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19. April 1971: Zum Auftakt gab es eine Panne

Auch 1928 tat es die Stadt Nürnberg nicht unter einem kompletten Dürer-Jahr - 19.04.2021 07:00 Uhr

Das offizielle Dürer-Plakat 1928.

16.04.2021 © NN


Die ersten Überlegungen waren schon 1924 angestellt worden, den endgültigen Entschluß über die Durchführung faßte der Stadtrat im Oktober 1926. Man war sich von vornherein klar, daß das Dürer-Jahr nicht als plumpe Fremdenverkehrswerbung aufgezogen werden durfte und daß man der Bedeutung des Ereignisses nur durch eine Reihe ernsthafter kultureller Veranstaltungen mit internationalem Format gerecht werden konnte.

Es bedeutete also einen gewissen Mut, in der wirtschaftlich so schwierigen Zeit eine derart anspruchsvolle Sache zu beginnen. Da 1928 auch der Neubau des Stadions fertiggestellt wurde, war dieses Jahr wohl die Krönung im Schaffen des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Luppe.

Bei der Vorbereitung des Dürer-Jahrs 1928 wurde größter Wert auf eine erfolgreiche Werbung gelegt. Das Plakat mit dem Signum Dürers von Professor Körner zählte wohl zu den auffallendsten Plakaten des Jahres.

Ein englischer Prospekt lag auf allen Dampfern der deutschen Schiffslinien auf, Postsendungen wurden mit einem Werbestempel der Reichspostreklame versehen, auf den Gangtüren der Schnellzugwagen prangten die Programme des Dürer-Jahrs. Sehr begehrt waren die Kopien des Nürnberger Stadtfilms und eines eigenen Dürer-Jahr-Spielfilms, und etwa 100 Tageszeitungen wurden mit Inseraten bedacht. Allein der deutsche Prospekt wurde in 140.000 Exemplaren verteilt.

Der eigentliche Beginn der Veranstaltungen erfolgte am 6. April, also am Todestag Dürers (der 1928 auf den Karfreitag fiel), mit einem Gedenkakt auf dem Johannisfriedhof. Leider ergab sich hierbei eine Panne, die uns heute nur noch schmunzeln läßt – und zur Folge hat, daß wir nur recht unvollständig über diesen Auftakt unterrichtet sind: Angeblich aus Platzmangel hatte die Stadt verzichtet, die Presse zu diesem Ereignis zu laden.

In seltener Solidarität erblickten sämtliche Nürnberger Zeitungen hierin eine „gewollte Brüskierung“ und beschlossen einstimmig, „von einer Berichterstattung über die Feier abzusehen“ (Nürnberger Zeitung vorn 7. April 1928).

Nicht weniger gefeiert als 1971

Insgesamt dürfte 1928 nicht viel weniger gefeiert worden sein als 1971, auch der repräsentative Rahmen mit Landes- und Reichsvertretern war nicht viel anders. Nach einem Festakt im Rathaussaal am 10. April wurde am folgenden Tag die große Dürer-Ausstellung des Germanischen Museums feierlich eröffnet.

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Dr. Luppe wollte in ihr einen Fingerzeig sehen „für die Macht des Geistes, für das friedliche Zusammenleben der Völker, für die Erhaltung unserer gemeinsamen Kultur“. Nach der Übergabe des renovierten Dürer-Hauses wurde schließlich am 12. April die Ausstellung „Deutsche Kunst der Gegenwart Nürnberg 1928“ in der Norishalle eröffnet.

Hier soll ein Seufzer der Tagespost vom 13. April nicht verschwiegen werden, deren Rezensent „17 wohlgezählte Ansprachen innerhalb 36 Stunden des Guten reichlich viel“ empfand. Während die Dürer-Ausstellung ungeteilten Beifall fand, stieß die der modernen Kunst teilweise auf Kritik. Den einen war sie zu modernistisch, den anderen zu kleinkariert. Der Fränkische Kurier bedauerte am 21. April, daß die Nürnberger Künstler in ihr zu kurz gekommen wären...

Zu erwähnen sind auch die zahlreichen volkstümlichen Veranstaltungen, deren Traditionen bis heute fortgeführt werden: So etwa die Hans-Sachs-Spiele und der Büttnertanz. Dann gab es auch drei landsmannschaftliche Wochen: Die Österreicher, die Oberpfälzer und die Rheinpfälzer Woche, die alle mit Festvorträgen und Musik- und Theateraufführungen verbunden waren.

Und schließlich noch Dürer und die Jugend: Am 7. Juli fand die Huldigung vor dem Dürer-Denkmal statt, und zwar huldigte die Schuljugend um 10.30 Uhr und die Studentenschaft eine Stunde später, um 11.30 Uhr. Und hier ergab sich ein Bild, wie wir es heuer sicher nicht erleben werden: Etwa 600 Studenten von Nürnberg und Erlangen zogen in voller Couleur mit ihren Fahnen zum Denkmal, wozu eine Reichswehrkapelle Wagners Meistersinger-Vorspiel zum Besten gab.

Am Ende seiner Kranzniederlegungsrede brach der Nürnberger Studentensprecher in ein Gelöbnis aus, das er in den Schwur zusammenfaßte: „Deutschland, Deutschland über alles!“ Der amtliche Bericht zählte diese Veranstaltung zu den „volkstümlichsten und erhebendsten Dürer-Feiern“ von 1928.

DER KOMMENTAR

Das Notjahr 1928 Im Äußeren viele Ähnlichkeiten

Wenn wir die Feier von 1928 mit der von 1971 vergleichen, so fallen im Äußeren viele Ähnlichkeiten auf: gleich war der internationale Anspruch, gleich war die intensiv betriebene Werbung, gleich wohl auch die große Anzahl der Veranstaltungen. Sogar die Kosten lassen sich vergleichen: insgesamt waren 1928 645 000 Reichsmark bewilligt, von denen nur etwa 560 000 beansprucht wurden. Dazu kamen noch einmal etwa 390 000 Mark für Versicherungen und andere Posten, so daß zusammen ungefähr 950 000 Mark ausgegeben wurden.

Bei einem Gesamthaushalt von rund 90 Millionen Mark entsprach das etwa einem Prozent der Ausgaben für 1928 – und wenn heuer 6,5 Millionen für Dürer berappt werden sollten, so wäre das ebenfalls wieder rund ein Prozent des Gesamthaushalts (660 Millionen für 1971).

Selbstverständlich hat diese Ausgabe, wie 1971, auch 1928 manchem Zeitgenossen nicht eingeleuchtet – wie wir etwa einem Leserbrief im Fränkischen Kurier entnehmen können: „800 000 Mark sollen verausgabt werden! Wie viele Notleidende könnten durch diese Summe überglücklich gemacht werden?“

Das Dürer-Jahr 1928 war die letzte große Selbstdarstellung des demokratischen Nürnberg vor der Katastrophe des Nazi-Regimes. Wenn auch verschiedentlich völkische und sogar faschistische Töne anklingen konnten, so boten doch der hervorragende Demokrat Luppe und seine Mannschaft die Gewähr dafür, daß Nürnberg das Andenken Dürers in humanem Geist feiern konnte.

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Freilich, so selbstverständlich wie 1928 hat man sich 1971 sicher nicht zum Feiern entschließen können. Für 1928 finden wir nirgends eine Stimme, die der Stadt geraten hätte, das Dürer-Jahr ausfallen zu lassen. Aber wie hätten wohl die Kritiker argumentiert, wenn die Stadt 1971 zum 500. Geburtstag ihres größten Sohnes nicht wenigstens ein Prozent des Gesamthaushalts locker gemacht hätte – wie schon im Notjahr 1928?

Sicher müssen 1971 andere Töne angestimmt werden. Die Helm-ab-zum-Gebet-Stellung zieht nicht mehr – und wir sind froh darüber, daß unsere Studenten heute andere Sorgen haben als 1928. Und wir sind der Meinung, daß das Dürer-Jahr 1971 sich nicht nur mit der Dokumentation der Dürer-Zeit und des neuen Nürnberg, sondern auch mit dem, was dazwischenliegt, befassen muß. Wer in diesem Sinn die Multi-Visionen des Noricama auf sich wirken läßt, der mag trotz mancher Mängel zu dem Schluß kommen: 1971 – das beste Dürer-Jahr, das es je gab.

W. L.

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