19. Dezember 1968: „Mit Mut an neue Aufgaben“

19.12.2018, 06:59 Uhr

© Ulrich

Mit Wagnis und Weitsicht, mit Fleiß und Einfallsreichtum aller Bürger sei damit eine Leistung vollbracht worden, die einem eindrucksvollen Denkmal gleichkomme.

Der stattliche Betrag von 2.247.953.000 Mark ist von der Stadt aufgebracht worden, wobei ihr Bund und Land hilfreich unter die Arme gegriffen haben. Er reichte jedoch längst nicht aus, um das Bild des wiedererstandenen Nürnbergs zu schaffen, das heute vor uns steht. Zu ihm haben wesentlich Hausbesitzer beim Wohnungsbau und Wirtschaftsunternehmen mit neuen Betrieben beigetragen, wie Dr. Andreas Ur-schlechter ausdrücklich rühmend hervorhob.

1948 überall Trümmerhalden

Der Oberbürgermeister rief das Nürnberg des Jahres 1948 in die Erinnerung zurück: Trümmerhalden liegen an allen Ecken und Enden aufgetürmt, die Schuttbahn fährt durch die Stadt, 331.900 Einwohner sind in 72.273 Wohnungen zusammengepfercht, in 36 teilweise beschädigten Volksschulhäusern gibt es nur 241 Klassenzimmer, das Krankenhaus hat die Hälfte seiner Betten verloren, das Kanalnetz ist über 410 km Länge nicht hinausgekommen, die Rathäuser bestehen nur noch in Ruinen.

Dagegen setzte er das Bild von Nürnberg heute : unbebaute Grundstücke in der Altstadt sind äußerst selten, 470.000 Nürnberger können unter 184.000 Wohnungen, darunter 120.000 Neubauten, wählen, die Volksschulen bieten in 61 Gebäuden fast 925 Klassenräume, das Krankenhaus konnte seine Bettenzahl auf 2.740 gegenüber 1.930 erhöhen, das Kanalnetz ist auf 775 km erweitert, die Rathäuser stehen in ihrer alten Pracht und Herrlichkeit.

Aber die Stadt hat nicht nur das Erbe der Väter erhalten, die Trümmer weggeräumt und beim Nullpunkt wieder angefangen, sondern auch neue große Aufgaben angepackt. Sie mußte und muß noch einen Berg von Problemen überwinden, um dem Straßenverkehr Wege in die Zukunft zu öffnen. Die Zahl der Fahrzeuge – 1948 waren es noch 15.212, heute sind es 124.000 und in fünf bis sieben Jahren sicherlich doppelt so viel – macht ihr verständlicherweise Kopfzerbrechen und schafft hohe Ausgaben.

Bürger wird immer anspruchsvoller

Der Bürger wird noch dazu immer anspruchsvoller: er wünscht Wohnungen im Stile des 20. Jahrhunderts in Stadtnähe mit guten Verkehrsanschlüssen, Strom, Gas und Wasser in Hülle und Fülle, beste ärztliche Hilfe, wenn er krank ist, Parks, Spiel- und Sportplätze für seine Freizeit und Heime für seine alten Tage.

Solche Wünsche wurden und werden erfüllt. Im neuen Stadtteil Langwasser leben bereits 25.000 Menschen in 7.500 Wohnungen, dereinst werden 60.000 Nürnberger 16.000 Wohnungen bevölkern. Das erste Gemeinschaftshaus der Stadt entstand als Begegnungsstätte für die Bürger, ein großes Einkaufszentrum wächst aus dem Boden. Die Untergrundbahn zeichnet sich mit ihren ersten Strecken in Langwasser bereits ab; ein zweites großes Krankenhaus steht auf den Plänen; 2.000 Altenheim-Plätze und das erste Alterskrankenhaus der Bundesrepublik wurden geschaffen; die Meistersingerhalle glänzt im neuen Luitpoldhain: das Stadion (für mehr als acht Millionen Mark ausgebaut) ist das Paradestück unter den Sportstätten.

Trotz solcher Anstrengungen ist aber kein Ende für immer neue Ausgaben abzusehen. „Dieser Rückblick gibt uns jedoch den Mut, mit Optimismus an die großen weiteren Aufgaben heranzugehen, die das Bild des neuen Nürnbergs prägen sollen“. sagte Oberbürgermeister Dr. Urschlechter. Er konnte beispiels-weise berichten, daß vom Mehrjahresplan, der 1960 aufgestellt und gelegentlich als ein Sammelsurium von Wolken-Kuckucks-Heimen bezeichnet worden war, schon heute 742 Millionen Mark finanziert sind, so daß sich die einstige Gesamtrechnung aus diesem Plan von drei Milliarden Mark nicht mehr so er-schreckend ausnimmt.

Dr. Urschlechter wagte es deshalb, das Bild des Nürnbergs von morgen zu zeichnen eine Stadt mit fünf Autobahnkreuzen, großzügigen Einkaufszentren, Untergrundbahn, Schnellstraßen, Stadtautobahnen, Hafen am Europa-Kanal, mit vielen neuen Schulen, Krankenbetten, Wohnungen und Sportplätzen. Er schloß seinen Blick in die Zukunft: „Dieses attraktive neue Nürnberg braucht den Vergleich mit der ehrwürdigen freien Reichsstadt nicht zu scheuen, deren große Tradition so gegenwärtstüchtig, unsentimental und fern jeder Butzenscheiben-Romantik fortgeführt wird.“

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