1960: Pendler sind jetzt Gäste im Hotel

29.8.2010, 00:00 Uhr
An den elektrischen Herdplatten kochen die Strohwitwer ihr Abendsüppchen.

An den elektrischen Herdplatten kochen die Strohwitwer ihr Abendsüppchen. © Mandelsloh

 "Pendler sind jetzt Gäste im Hotel" titelte der Lokalteil der Nürnberger Nachrichten am 31. August 1960. 150 Männer aus Cham, Waldmünchen, Kötzting und Furth im Wald logierten von Montag bis Freitag in einer "vorzüglichen Unterkunft", dem ehemaligen Hotel "Monopol" an der Äußeren Bayreuther Straße, das zu einem Wohnheim umgestaltet worden war; am Wochenende, nach einer anstrengenden 45-Stunden-Woche, brachte sie der Bus zurück zu ihren Familien, bevor es in der Nacht zum Montag um zwei Uhr früh wieder nach Nürnberg ging.

Ein paar Tausend Beschäftigte wohnten in solchen mehr oder weniger gut ausgestatteten Quartieren. Noch viel größer aber war das Heer der Tagespendler. 65000 Männer und Frauen machten sich allmorgendlich nach Nürnberg auf, um hier zu arbeiten. Weil Mittelfranken kaum mehr Arbeitsuchende zu bieten hatte, kamen zunehmend Kräfte aus "Niederbayern, der Oberpfalz, aus unterfränkischen Flüchtlingslagern und den Gemeinden nahe der Zonengrenze", schrieben die NN: "Am bedrohlichen Personalmangel ändern auch die Italiener, Spanier, Jugoslawen und Griechen nichts, die in hellen Scharen angelangt sind. Vorerst fallen sie lediglich im Straßenbild auf und verleihen der mächtig arbeitenden Industriestadt einen Hauch internationalen Charakters."

1,52 Mark Stundenlohn

Pendler wie Gastarbeiter lockten die Verdienstmöglichkeiten, die zwar nicht reich machten, aber immerhin ein Auskommen sicherten. "Es kommt nicht viel rum", berichteten die "Monopol"-Bewohner, "aber bei uns zu Hause ist’s viel schlechter." Entweder gebe es überhaupt keine Arbeit oder maximal 1,52 Mark Stundenlohn. Das "bedeutende Versandunternehmen", bei dem sie angeheuert hatten, zahlte dagegen rund zwei Mark pro Stunde, nach allen Abzügen blieben 70 Mark netto Wochenlohn.

Feierabendbier im „Monopol“: Die Arbeiter aus der Oberpfalz wohnten unter der Woche in dem ehemaligen Hotel. Am Freitagabend brachte sie der Bus zu ihren Familien.

Feierabendbier im „Monopol“: Die Arbeiter aus der Oberpfalz wohnten unter der Woche in dem ehemaligen Hotel. Am Freitagabend brachte sie der Bus zu ihren Familien. © Mandelsloh

"Davon benötigen sie 30 Mark für sich", rechneten die NN vor: "Für Frühstück und Abendessen, für den Beitrag zu den verbilligten Kantinenmahlzeiten, für Straßenbahn, Zigaretten und Bier." Am Ende der Woche brachten die Pendler zwei Zwanzigmarkscheine mit nach Hause; davon konnte die Familie eine Woche lang leben. "So kann man’s schon aushalten", sagte ein ehemaliger Metzger über seine Unterkunft im "Monopol".

Für mehrere Zehntausend Mark hatte die Quelle das 50-Zimmer-Hotel in ein Wohnheim umgebaut. Die Doppelbetten wurden durch Stockbetten ("weiß, Schleiflack und mit allem Zubehör") ersetzt, so dass sechs Personen pro Zimmer unterkamen. Die ehemalige Küche diente nun als gemeinsamer Waschraum, "die Badewannen, in Pastellfarben gekachelt, werden von allen Bewohnern benützt". Der Arbeitskräftemangel beschränkte sich freilich nicht nur auf den Nürnberger Raum.

Im gesamten Bundesgebiet suchten Unternehmen händeringend nach Personal. Im Jahr 1960 lag die Arbeitslosenquote bei 1,3 Prozent, in den darauffolgenden Jahren rutschte sie sogar noch unter die Ein-Prozent-Marke. Absoluter Tiefpunkt: Im Sommer 1962 betrug die Quote 0,4 Prozent. Im Wettbewerb um Arbeiter boten manche Firmen Gehälter, die 100 Prozent über dem Tarif lagen. Gleichzeitig klagten die Arbeitgeber über sinkende Arbeitsmoral, so etwa Arbeitgeberpräsident Hans-Constantin Paulssen: "Das deutsche Volk, das einmal als das fleißigste Volk Europas bezeichnet wurde, vertritt heute mehr und mehr eine Schülermoral nach dem Motto: Das Schönste im Leben sind die Ferien.

Das Ethos der Arbeit ist stark im Schwinden begriffen." Viele Frauen beklagten zudem die Ungleichbehandlung im Berufsleben. Ein Industriearbeiter verdiente vor 50 Jahren 2,63 Mark die Stunde, seine weibliche Kollegin nur 1,68 Mark.

Ein Viertel pendelt

Dass immer mehr Arbeitnehmer immer längere Anfahrtswege in Kauf nehmen mussten, wurde zunehmend zum Problem. Von den 430000 Menschen, die 1959 in Nürnberg und Fürth arbeiteten, pendelten 95000, also fast ein Viertel. Manche von ihnen waren sechs Stunden und mehr pro Tag unterwegs. Viele wären gern in die Nähe ihrer Arbeitsstelle gezogen, doch allein in Nürnberg fehlten noch zu Beginn der 60er Jahre mindestens 7000 Wohnungen. Die Pendelei führte auch zu sozialen Problemen, weil ein Familienleben unter diesen Umständen für die Betroffenen kaum mehr möglich war. Und schließlich kam es noch zu einer erheblichen Verkehrszunahme.

An Nürnbergs Einfallstraßen stauten sich immer mehr Autos. Die Lage wurde dadurch noch verschärft, dass die Nürnberger Verkehrs-AG Sonderzüge für Pendler ausfallen lassen musste, weil sie selber nicht genug Fahrdienstpersonal anwerben konnte.