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2. August 1971: Albrecht Dürer schaffte sogar noch einen Europa-Rekord

2.8.2021, 07:00 Uhr
2. August 1971: Albrecht Dürer schaffte sogar noch einen Europa-Rekord

© NN

Die bisher umfangreichste Dürer-Ausstellung, die von Bundespräsident Gustav Heinemann am 21. Mai eröffnet worden war, zeigte 700 Werke, darunter 400 Originale von Dürer. Die Leihgaben kamen von 110 Museen, Sammlungen und Privatbesitzern aus 14 Ländern.

Gestern endete auch die zweite Biennale Nürnberg, bei der über 64.000 Besucher gezählt wurden. Unter dem Thema „Künstler – Theorie – Werk“ war die Biennale den Künstlertheoretikern von Dürer bis in die Gegenwart gewidmet und zeigte 500 Werke von 80 Künstlern und Künstlergruppen aus dem In- und Ausland. Die erste Biennale 1969 sahen 55.000 Besucher.

Wer es bis gestern 17 Uhr nicht geschafft hat, der schafft es nimmermehr: die große Dürer-Ausstellung ist vorbei und kehrt nicht wieder. Ab heute hat Nürnberg bloß noch das zu bieten, was es schon vor dem Dürer-Jahr an Werken des Meisters in seinen Mauern verwahrte. Und das, wie jedermann weiß, ist herzlich wenig.

Nun: trauern wir nicht. Wir hatten in den letzten Monaten in Nürnberg nicht nur Leute, sondern auch Dürers aus aller Welt zu Gast, echte, geschätzte, berühmte. Die Chance zur Besichtigung dieser Dürer war in unwiederbringlicher Weise gegeben, und wer sie nutzte, der durfte sich wohl auf die Schulter klopfen und sprechen wie weilend Goethe nach der Kanonade von Valmy: „Und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

Einen Besucher traf ich, der konnte sich nicht fassen ob der Erkenntnis, daß die Originale der Kleinen Passion wie auch der Kupferstichpassion, so klein sind. „Sowas“, sagte er, „in meinen Dürer-Büchern sind sie viel größer abgebildet.“ Eben das aber war einer der wesentlichen Aspekte dieser Ausstellung: die Begegnung mit dem Original. Auch Kenner des AD-Werkes, welche sich sonst an die Produkte moderner Druck- und Reproduktionstechnik hatten müssen, erlebten ihre Überraschungen.

Man konnte lernen, Dürer neu und jenseits aller romantisierenden bis kitschigen Klischees zu sehen, die ihn sonst wie Glanz und Nebel aus dem Himmel der Deutschen umwallen. Fast war es eine Probe aufs Exempel: wie kommt Dürer an, wenn er nicht verklärt, sondern ausgestellt wird? Die Probe ist gelungen. Dabei hatten es die Besucher der Ausstellung nicht leicht, auch daran muß erinnert werden. Die Räume waren eng, die Bilder dicht gehängt, die Luft dick. Im Schweiße seines Angesichtes, wahrlich, kämpfte sich mancher hindurch, und glücklich wie ein Losgewinner dünkte sich, wer einen freien Sessel oder ein Plätzchen auf einer Bank zum Zwecke der Rekreation erwischte.

Aller Bewunderung wert aber war die Geduld der Besucher wie nicht minder der Museumshüter. Die ersteren warteten bisweilen in Schlangen vor dem Haupteingang am Kornmarkt bis um die Ecke in die Kartäusergasse, die anderen erklärten unermüdlich, wo die Kassen zu finden seien, und die Garderobe, und die Dürer-Ausstellung selber. Denn: es mangelte doch sehr an einer klaren, durch Farben und Gestaltung unübersehbaren Beschilderung, die schon vor dem Museum hätte beginnen können.

Woher sollte ein Fremder im Gedränge wissen, daß die Kasse I gleich, hinter der Türe links im Theodor-Heuss-Bau aufgestellt war, die Kasse II in der Eingangshalle, die Kasse III einen Raum dahinter. Ergo schob sich der Strom überwiegend auf die Kasse II zu, während der Mann bei Nummer III mühelos einen stärkeren Andrang hätte bewältigen können.

Und die Kasse IV im Kreuzgang, die von der Grasersgasse aus durch den Hof angestrebt werden konnte, war schier ein Geheimtip. An besagter Gasse gab es zwar eine haushohe Tafel „Dürer-Studio“ und „Dürer zu Ehren“. Es war aber kein Hinweis dabei, daß man hier selbstverständlich auch Zutritt zur Dürer-Ausstellung hatte. Geübte Nürnberger konnten sich einen Scherz daraus machen, ihren Bekannten zunächst die wartenden Massen am Kornmarkt zu zeigen, und sie dann ohne Beschwer und sozusagen auf einem Schleichpfad hintenrum ins Museum zu führen.

Jedoch: meckern wir nicht mehr. Kräftiger als solche Mängel bleibt schließlich in Erinnerung, daß sich das „Germanische“ vom 21. Mai bis gestern in einer beispiellosen Weise mit Leben füllte. Die kühle Feierlichkeit, die den Besucher eines historischen Museums sonst zu umfangen pflegt, war aufgelöst: nicht bloß in Gedränge und Betriebsamkeit, sondern, ebenso in eine gewissermaßen respektlose Neugierde. Vor allem die jungen Besucher bewegten sich nicht wie in heiligen Hallen, sondern so ungezwungen, als sei das alles ihre Welt.

Soll verschwiegen werden, daß die in ihrer Art wohl unwiederholbare Dürer-Kollektion auch ihre Gegner hatte? Daß es Kritiker der Ausstellung nach, Konzeption und Ausführung gab, sowie Enttäuschte und Gleichgültige und Grämlinge? Die weidlich genutzten Kritzelwände im Dürer-Studio lieferten da so manchen Hinweis. Eine Zeile lautete dort: „Warum bin ich nur so gestraft, daß ich hierher kommen mußte.“

An anderer Stelle wurde behauptet, ohne Sinn und Zusammenhang und offenbar von einem unberührt gebliebenen Dürer-Besucher: „Heribert ist ein Arsch.“ Ein dritter Gast aber malte enthusiastisch an die Wand: „Oui à l‘Europe de Durer“ (Ja zum Europa Dürers). Warum er dann noch darunter schrieb: „Non à cella de Chagall“ (Nein zu dem Chagalls) – das mag sein Geheimnis bleiben.

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