2. Januar 1967: Triumph der Artistik

2.1.2017, 07:00 Uhr
Sie eröffnen allabendlich das Programm: die „Dowjekos“. Zehn muskulöse Herren machen aus der Manege einen wahren Hexenkessel und versetzen das Publikum in die richtige Stimmung.

Sie eröffnen allabendlich das Programm: die „Dowjekos“. Zehn muskulöse Herren machen aus der Manege einen wahren Hexenkessel und versetzen das Publikum in die richtige Stimmung. © Kammler

Bei der zweieinhalbstündigen Premiere des „Moskauer Staatszirkus“ verharrten sie oft minutenlang mucksmäuschestill und hielten den Atem an. Denn tollkühne Menschen flogen durch die Lüfte, führten Balanceakte von ungewöhnlicher Waghalsigkeit vor, jonglierten geschickt oder dirigierten Raubkatzen in einer Manier, als sei nur die linke Hand dazu nötig. Einer aus der Truppe aber gewann nicht nur die Bewunderung, sondern auch die Zuneigung der Zuschauer: Clown „Nico“, der – freilich in seiner originellen Weise – dem berühmten Oleg Popow nicht nachsteht.

Clown Nico sorgt - beispielsweise als sterbender Schwan - für Heiterkeit zwischen den Nummern.

Clown Nico sorgt - beispielsweise als sterbender Schwan - für Heiterkeit zwischen den Nummern. © Kammler

9.000 Artisten leben zur Zeit in der Sowjetunion, die eine reiche und alte Zirkustradition besitzt. Aus diesem unerschöpflichen Reservoir wurde die neue Truppe des „Moskauer Staatszirkus“ zusammengestellt und durch das Düsseldorfer Gastspiel-Unternehmen J. H. Mattner – erstmals außerhalb des deutsch-sowjetischen Kulturaustausches – in die Bundesrepublik gebracht. Seit dem 1. September ist sie unterwegs, am Montag traf sie in Nürnberg ein, gestern abend stand sie im Rund, für das 20 Kubikmeter Lehm aus 40 Kilometer Entfernung herbeigeschafft wurden.

Auf diesem Untergrund inszenierten die Russen einen farbenprächtigen Wirbel, eine der Glanznummern vorneweg: der Star der „Dowejkos“ marschiert auf 2,50 Meter hohen Stelzen einher. Er sprang vom Schleuderbrett zehn Meter in die Höhe und zeigte mit seinen langen Latten den Salto mortale rückwärts, wobei er so sicher landete wie sein Landsmann Jemaljanow von der Skispringerzunft.

Die Gruppe um Michael Nikolajew arbeitet am Rundreck. Gleichzeitig fliegen die Männer über und durch das Gerät hautnah aneinander vorbei. Chodschabajews Dschigiten – sie offenbaren die Reitertradition der Turkmenen – sind verwegene Könner, verwachsen mit dem Pferd. Auf einem feurigen Roß stehen auch Irene und Wladimir Teplow, die Reit- und Jongleurkunst in ihrem Auftritt vereinen. Den Zuschauern bleibt der Mund offen, wenn Wladimir auf dem Pferderücken seine Kunststücke zeigt.

Doch damit nicht genug. Michael und Anatoli Egorow – Vater und Sohn – halten auf Treppen das Gleichgewicht, der Gruppe von Eugen Mialew dient als Requisit eine lange Leiter. Karpi und Orlowa brauchen dazu ein Einrad und eine lange Stange, die Radler Karpi auf dem Kopf in der Senkrechten hält, während seine Partnerin am anderen Ende in der Höhe steht.

Wie beim russischen Zirkus üblich, gibt es nur einige, dafür aber um so gekonntere Tiernummern. Mariza und Walter Sapaschni lassen Löwen, Tiger, Leoparden und Panther aufmarschieren, Henriette Beljakowa dirigiert ihre klugen Hunde. Dazwischen aber lockern „Nico“ sowie Helena Amwrosjewa und Georg Schachnin – trotz der sinnlos und ungeschickt gehandhabten Instrumente sind sie glänzende Virtuosen – das Non-Stop-Programm auf, nach dem der Besucher mit zwiespältigen Gefühlen nach Hause geht. Er schwankt, ob er dem Können der Artisten mehr Beifall zollen soll oder dem ästhetischen Anblick, der trotz des Kraftaufwandes beherrschend bleibt.

Fest steht nur, daß der „Moskauer Staatszirkus“ zu Recht einem ähnlichen Erfolg entgegensteuert wie bei den Gastspielen 1958 und 1961.

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