2. Juni 1969: Mehr Hilfe für Arme

2.6.2019, 07:00 Uhr
Am augenfälligsten für die Bevölkerung: vor den Slum-Hütten – gleich neben dem Mauer-Symbol – warb die Jugend um Verständnis für die Probleme der Entwicklungshilfe.

Am augenfälligsten für die Bevölkerung: vor den Slum-Hütten – gleich neben dem Mauer-Symbol – warb die Jugend um Verständnis für die Probleme der Entwicklungshilfe. © NN

Unter dem Leitwort „Teilen und leben – Perspektiven einer besseren Gerechtigkeit“ hatten sich über 1.500 junge Leute zusammengefunden, um der Öffentlichkeit neue Impulse zur Entwicklungshilfe zu geben und um selbst die notwendigen Informationen zu bekommen.

Bundesminister Eppler – wegen seiner Sachkenntnis im Mittelpunkt nicht nur der Podiumsdiskussion, sondern des gesamten Kongresses – bekam freilich auch Kritik von der Opposition zu hören. Sie sah in der Revolution das einzige Mittel, um gerade den lateinamerikanischen Völkern zu helfen.

Ihr hielt Dr. Eppler entgegen, es wundere ihn, daß „in der Kirche, die jahrhundertelang den Begriff der Ordnung absolut gesetzt hat, Leute auftreten, die den Begriff der Revolution ebenso absolut setzen“. Das sei seiner Meinung nach falsch. Er hasse das Wort „Gott will es!“ wie die Pest. Wenn früher unter diesem Motto Entsetzliches geschehen sei und man heute behaupte, Gott wolle die Revolution, so frage er sich, woher die Leute solches wüßten. „Ich habe es im Testament nicht gelesen“, erklärte der Bundesminister.

Der Kongreß – ohne bedeutende Störungen verlaufen – war am Samstag vor zahlreichen Ehrengästen und Vertretern der Entwicklungsländer von Jugendpfarrer Gottfried Stoll eröffnet worden. Das Eröffnungsreferat hielt der Züricher Studentenpfarrer Eduard Wildbolz, der darauf hinwies, daß Gott am Heil der ganzen Menschheit gelegen sei, die Hungernden, Benachteiligten und Ausgebeuteten eingeschlossen. Dementsprechend hätten Christen für gerechte und menschenwürdige Verhältnisse einzutreten.

Die Nürnberger Öffentlichkeit war auf den Kongreß und die Entwicklungshilfe schon am Samstag mit dem auf dem Hauptmarkt errichteten Dorf aus Slumhütten nach südamerikanischem Muster und durch Plakatträger aufmerksam gemacht worden. 40 v. H. der Passanten nahm die Buden ohne Kommentar zur Kenntnis, ein gleich großer Anteil zeigte sich über die Probleme gut informiert und interessiert. 20 v. H. zeigten unverhohlen Ablehnung. Sie dürften an den Plakaten an den Hütten schockiert worden sein: „Wer die Gewehre abschaffen will, muß zum Gewehr greifen!“ „Auch die Bundesrepublik verdient an Entwicklungshilfe“; „Stürzt die Bourgeoisie in Südamerika“.

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