2. November 1968: Polizei kündigt Radarkontrollen an

2.11.2018, 07:00 Uhr

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Da nach Meinung der Beamten das Funkstoppverfahren veraltet und mit vielen Mängeln behaftet ist, sollen die Flitzer künftig mit Radaraugen ermittelt werden. „Wir benötigen unbedingt ein solches Gerät“, behauptet der Leiter der Schutzpolizei, Oberrat Horst Zeitz. Die hohen Kosten von etwa 40.000 DM haben bisher die Stadt veranlaßt, den Kauf immer wieder hinauszuschieben.

Die Verantwortlichen im Polizeipräsidium hoffen, daß im nächsten Jahr ihr Antrag genehmigt und ein Radarwagen angeschafft wird. „Dann wird es Anzeigen hageln“, prophezeien Kenner der Materie …

„Wir wollen die Kraftfahrer nicht schikanieren“, meint Polizeioberrat Horst Zeitz. „Aber wir sind durch eine ministerielle Entschließung zu Geschwindigkeitskontrollen verpflichtet.“ Für die unpopuläre Arbeit seiner Beamten kann er ein gewichtiges Argument ins Feld führen: „Die meisten Unfälle sind darauf zurückzuführen, daß zu schnell gefahren wird. Die Folgen sind oft verheerend.“

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Das Ergebnis der Funkstoppkontrollen gibt der Polizei recht. Eines von vielen Beispielen aus jüngster Zeit: bei 15 Überwachungen in einem Monat sind allein in der Hafenstraße 384 Fahrzeuge unter die Lupe genommen worden. Das Ergebnis: 109 Fahrer flatterte eine Anzeige, 100 Autolenkern eine gebührenpflichtige Verwarnung ins Haus.

Anzeige flattert ins Haus

Außerdem wurden 209 fahrbare Untersätze wegen technischer Fehler beanstandet. Die Bilanz des vergangenen Jahres: 2666 Anzeigen, 3473 Fünfmarkverwarnungen bei 267 Kontrollen.

Unter den Autofahrern hat es sich schon längst herumgesprochen: in der 50-Kilometer-Zone dürften sie ihre Geschwindigkeit um zehn Prozent überschreiten, ohne daß die Polizei einschreitet. Wer zwischen 56 und 60 km/h fährt, ist mit fünf DM dabei. Von dieser Grenze ab wird der geringste Druck auf das Gaspedal sehr teuer: ab 61 km/h gibt es Anzeigen. Ein Polizist: „Die Taxe bei 80 Sachen sind hundert DM.“

Obwohl die Nürnberger Polizei bei Rennfahrern keinen Pardon kennt, greift sie nicht so energisch durch wie ihre Kollegen in München, die sofort den Führerschein kassieren, wenn ein Kraftfahrer eine 50-Kilometer-Strecke mit 80 km/h passiert. „Das haben wir noch nie gemacht“. erklärt Poiizeioberrat Horst Zeitz, „obwohl wir dazu die rechtliche Möglichkeit haben.“ Rennfahrer sollten sich allerdings trotzdem in acht nehmen, denn die Beamten beantragen beim Gericht ein Fahrverbot, wenn die zulässige Geschwindigkeit mit mehr als 50 Prozent überschritten wird.

Die 30 Straßen in Nürnberg, in denen die Geschwindigkeit kontrolliert wird, sind genau ausgemessen. Eine solche Strecke muß mindestens 300 Meter lang sein, schreibt der Gesetzgeber den Beamten vor. Damit die Polizisten nicht gleich auf Anhieb zu erkennen sind, ziehen sie sich in ein „Versteck“ zurück – wie gestern vormittag in der Leyher Straße: ein Zivilfahrzeug mit zwei Meldern steht im Radweg bei der Gaismannshofstraße. Die beiden Beamten beobachten den Verkehr und picken sich die Schnellfahrer heraus.

Ein Feuermelder und ein Verkehrszeichen sind für die beiden Polizisten der Startplatz für die Kontrollstrecke: wenn sich ein Autofahrer dieser Stelle nähert, geben sie ihren Kollegen 310 Meter weiter an einer Tankstelle über Funk den Befehl: „Roter VW mit schwarzem Dach. Achtung! Stop!“ Von diesem Moment an laufen an der zweiten „Barriere“ zwei Uhren. Ein Blick auf eine vor den Beamten liegende Liste genügt: braucht ein Autofahrer 18,6 Sekunden, bis er die Meßstrecke zurückgelegt hat, ist er genau 60 km/h gefahren. Oder: 11,16 Sekunden bedeuten hundert „Sachen“. Die Beamten mit der Stoppuhr notieren die Werte und geben den Kollegen, die einige hundert Meter weiter im Streifenwagen beim Eingang zum Großmarkt warten, den Auftrag: „Roter VW mit schwarzem Dach anhalten.“

Auf diese Weise sind gestern vormittag 28 Fahrer kontrolliert worden. Von ihnen erhielten 16 eine Anzeige und acht eine gebührenpflichtige Verwarnung „verpaßt“, vier kamen ungeschoren davon. Den Rekord hielten zwei Fahrer, die es besonders eilig hatten: 80 km/h. Alle ertappten Sünder versuchten ihr Glück mit Ausreden. ”Ich habe nicht auf den Tacho geschaut“, war die meist benutzte Formel. Oder: "Vor mir befanden sich vier Lastzüge. Um die Überholstrecke zu verkürzen, habe ich etwas draufgedrückt.“ Für sie ist es nur ein schwacher Trost, wenn ihnen die Beamten versichern: „Wir legen nur die günstigsten Werte zugrunde.“

Obwohl das Ergebnis des Funkstoppverfahrens von den Gerichten anerkannt wird, ist die Polizei mit ihm nicht ganz zufrieden. Dazu Oberrat Horst Zeitz: „Die Methode ist sehr personalaufwendig. Wir brauchen mindestens sieben Beamten und blockieren eine Funkfrequenz.“ Aber was vielleicht noch wichtiger ist: nicht alle Kraftfahrer, die zu schnell fahren, können festgestellt werden. „Aus einer Kolonne können wir nur ein Fahrzeug herausgreifen“, bedauert der Leiter der Schutzpolizei.

Mit dem Kauf eines Radarwagens sind solche Lücken geschlossen. „Das Gerät ist narrensicher, braucht nur von zwei Beamten bedient zu werden und kann überall eingesetzt werden", umschreibt Horst Zeitz die Vorzüge. Wenn das Fahrzeug Anfang nächsten Jahres zur Verfügung steht, sollen die Kraftfahrer nicht in eine Falle tappen. Die Polizei will an allen Einfallstraßen der Stadt Schilder mit dem Hinweis aufstellen lassen: ”Achtung Kraftfahrer. Radarkontrollen!“ Ort und Uhrzeit werden allerdings nicht preisgegeben.

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