22. Juni 1969: Nun frißt er wieder

22.6.2019, 07:00 Uhr
Mit sichtlichem Appetit verspeist „Schorsch“ einen Kohlrabi. Auch die Besucher des Tiergartens freuen sich, daß es dem Gorilla wieder schmeckt. Noch hat er über 20 Pfund „aufzuholen“.

Mit sichtlichem Appetit verspeist „Schorsch“ einen Kohlrabi. Auch die Besucher des Tiergartens freuen sich, daß es dem Gorilla wieder schmeckt. Noch hat er über 20 Pfund „aufzuholen“. © NN

Rund zwei Monate lang bemühte sich ein ausgesuchtes Ärzteteam um den Patienten 1. Klasse, der jede Nahrung verweigerte und inerhalb weniger Wochen über 30 Pfund abnahm. „Schorsch“ litt, doch die Ärzte, Veterinär Dr. Rudolf Vogel und sechs Humanmediziner, konnten keine Diagnose stellen. Sie fanden lediglich heraus, daß keine organische Schädigung dem Menschenaffen zu schaffen machte.

Bereits Anfang April war Obertierpfleger Günter Jäkel aufgefallen, daß „Schorsch“ sein Fressen nicht mehr schmeckte. Doch das war bei dem populären Tiergartenbewohner, der rund 40.000 DM wert ist, nichts Ungewöhnliches. Die Eßunlust hielt aber an. Mit Antibiotika versuchte man, der undefinierbaren Krankheit beizukommen. Das Gorillamännchen nahm weiter ab.

Ernstgemeinte Ferndiagnosen

Am 9. Mai schließlich – „Schorsch“ wog nur noch 90 Kilogramm – wurde der Patient gründlich untersucht. Dazu mußte der gereizte Affe erst einmal mit Narkotika außer Gefecht gesetzt werden. Doch auch die Blutanalyse brachte die Ärzte nicht weiter. Ebenfalls ohne Ergebnis blieb die Wiederholung dieser Prozedur einige Wochen später. „Schorsch“ trank nur noch, verweigerte aber sogar die Flüssigkeit, wenn er merkte, daß irgendwelche Präparate untergemischt waren.

Tiergartendirektor Dr. Alfred Seitz und sein wissenschaftlicher Assistent Dr. Manfred Kraus wandten sich schließlich hilfesuchend an andere Tiergärten – ohne positives Ergebnis. Regen Anteil am Schicksal des Gorillas nahmen auch die Tiergartenbesucher. Täglich trafen auf dem Schmausenbuck zahlreiche Briefe mit Ferndiagnosen und harten Kritiken ein. „Er leidet sicherlich nur an einer Zellenpsychose“ meinte ein Schreiber; andere unterstellten den Ärzten, daß sie sich nicht ausreichend um den Patienten bemühten.

Besonders nahe ging Tierpfleger Jäkel das Schicksal seines Lieblings. Bewußt hatten ihn die Direktoren und die Ärzte von den Untersuchungen ferngehalten, um das Vertrauensverhältnis zwischen Wärter und Tier nicht zu stören. Tag und Nacht wachte Jäkel bei seinem „Schorsch“, bei dem sich bereits Hungerödöme bemerkbar machten.

Es war ein Magenleiden

Dem Ärztestab war inzwischen klargeworden, daß der Gorilla nur an einer Magen- und Darmerkrankung leiden könne; am 5. Juni schritt er deshalb zur Generaluntersuchung. Nach allen möglichen Analysen injizierte er dem Gorilla diesmal kombinierte Nährlösungen, u. a. Rotwein, Eidotter, Traubenzucker, Vitamine, Antibiotika und Eisenpräparate. Am Nachmittag wachte „Schorsch“ aus der Narkose auf – und fraß mit sichtlichem Appetit sein Grünfutter.

Nun wußte man, daß den Gorilla eine Gastritis befallen hatte, doch die Ursache ist bis heute nicht bekannt. Mit viel Liebe wird nun „Schorsch“ aufgepäppelt. Nach einer bakteriellen Infektion kam auch noch eine Hauterkrankung hinzu, eine Reizerscheinung nach den vielen Spritzen. Das Schlimmste scheint jedoch überstanden. Drei Mahlzeiten täglich sollen „Schorsch“ wieder auf sein ursprüngliches Gewicht von 110 Kilogramm bringen.

Vorläufig muß aber der noch etwas geschwächte Affe unbeweibt bleiben. Seine beiden Frauen gingen nämlich am ersten Besuchstag so rüde mit ihm um, daß ihm Tierpfleger Jäkel schnell wieder ein Einzelzimmer zuwies.

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