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22. September 1967: Ein Test schadet nicht

Hörgeschädigten Kindern kann vom zweiten Lebensjahr an geholfen werden - 22.09.2017 07:00 Uhr

Bei der audiographischen Prüfung: Oberlehrer Axmann vermittelt dem schwerhörigen Kind mit einem Knopfdruck (links) verschieden hohe Töne. Sobald der Bub einen Laut wahrnimmt, fügt er ein Element auf den Spielzeugturm.

19.09.2017 © Ulrich


Zu Taubstummenoberlehrer Dietrich Axmann, dem Leiter der Beratungsstelle, kommen Eltern mit ihren schwerhörigen oder tauben Kindern aus ganz Mittelfranken und aus der westlichen Oberpfalz.

Viele werden von Gesundheitsämtern und Schulen geschickt, andere von Ärzten, wieder andere von den Hals-, Nasen- und Ohrenkliniken der Universitäten Erlangen und Würzburg, mit denen sehr eng zusammengearbeitet wird.

Das beste Alter für eine erfolgversprechende Förderung liegt bei zwei bis drei Jahren. „Deshalb sollten Eltern keine falsche Scham zeigen und ihre Kinder testen lassen“, empfiehlt ihnen Oberlehrer Axmann. Keinesfalls dürften sie sich mit wohlmeinenden Versicherungen mancher Hausärzte zufrieden geben, die auch heute noch zu sagen pflegen: "Ein Spätzünder, der redet halt später; alle Kirschen am Baum werden ja auch nicht auf einmal reif."

Wenn ein Kind mit zwei Jahren noch nicht spricht, besteht zumindest ein ernster Verdacht auf Schwerhörigkeit oder Schwachsinn. Da ist zum Beispiel Wolfgang, ein intelligenter Bub, der bald fünf Jahre alt wird. Als er 18 Monate war, ging die besorgte Mutter mit ihm zum Arzt und ließ sich vertrösten. Mit drei Jahren etwa wurde eine schwere Hörschädigung festgestellt und danach lange Zeit erfolglos behandelt. Wolfgang war fast viereinhalb, als er in die Beratungsstelle kam. "Zwei Jahre zu spät", meint Oberlehrer Axmann, "aber das Kind ist so intelligent, daß es die versäumte Zeit nachholen kann."

Mit Ärzten und Technikern

Im letzten Jahr kamen 150 Kinder und Jugendliche im Alter von einem bis zu 19 Jahren unter Oberlehrer Axmanns Fittiche, darunter etwa 40 hochgradig hörgeschädigte Kleinkinder. Mit viel Einfühlungsvermögen muß sich der Pädagoge zunächst einmal das Vertrauen der Kleinsten sichern. Dann bringt er ihnen bei, um was es ihm geht: Oberlehrer Axmann schlägt auf die Trommel; wer dies hört, gibt ein Zeichen. Diese Übung stellt die Vorstufe zum Audiogramm dar, mit dem der Hörtest auf den verschiedenen Frequenzen festgestellt wird. Die Kinder haben dabei Kopfhörer auf und zeigen an, wenn sie Pieptöne wahrnehmen.

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In Zusammenarbeit mit Ärzten und Hörgeräte-Technikern erhalten die Kinder elektro-akustische Hörhilfen. In vielen Fällen leiht die Beratungsstelle auch diese Geräte aus. Die pädagogische Arbeit kann nun beginnen.

Einmal im Monat stellen sich die noch nicht Vierjährigen mit ihren Eltern bei Oberlehrer Axmann vor. Sie erhalten Anweisungen zum Sprachtraining daheim. Die Beratungen sind kostenlos, Lernmaterial und Fahrtkosten werden bei Bedürftigkeit ersetzt. Von vier Jahren an können die Buben und Mädchen in den Kindergarten an der Gehörlosenschule als Internats- oder Tageskinder aufgenommen werden. Hier wird die Sprache intensiv und systematisch gefördert, so daß der Übergang in die Schwerhörigenklasse der Sonderschule keine Schwierigkeiten bereitet.

Erstaunliche Ergebnisse

Trotz aller Hilfen hören schwergeschädigte Kinder nicht wie ihre gesunden Altersgenossen. Die Töne kommen verstümmelt und verzerrt an, aber auch diese Rudimente wecken Begriffe und Vorstellungen. Hörgeräte können daher nicht mit Brillen verglichen werden, die Mängel des Auges korrigieren. Oberlehrer Axmann betreut aber auch taube Kinder. Bei ihnen führt eine möglichst frühe Schulung zu erstaunlichen Ergebnissen, wenn die nötige Intelligenz vorhanden ist. Ein jetzt vier Jahre altes Mädchen lernt seit zwei Jahren vom Mund abzulesen und begreift schon überraschend viel.

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In Mittelfranken leben, wie der Direktor der Gehörlosenschule, Hermann Apitzsch, mitteilte, rund 200 schwerhörige und etwa hundert gehörlose Kinder. Von den 100 Tauben sind nur acht erblich taub, 22 wurden nach einer Krankheit der Mutter taub geboren und 70 leiden unter Gehörlosigkeit als Folge von Scharlach, Diphtherie, Masern und Gehirnhautentzündung. Auch der Direktor Apitzsch rät allen Eltern, die ihre hörgeschädigten Kinder noch nicht bei der Beratungsstelle vorgestellt haben, den Jungen und Mädchen ihr ohnehin schweres Los nicht durch Versäumnisse noch zu belasten.

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