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23. April 1969: Überfall in Wildwest-Manier

Fünf Schausteller stürmten mit vorgehaltenen Pistolen eine Gaststätte - 23.04.2019 07:15 Uhr

Umgestürzte Tische und Stühle zeugen von dem Überraschungsangriff der Schausteller (links). – Geistesgegenwärtig schreibt die Pächterin der Gastwirtschaft, Anna B., die Zulassungsnummer des Wagens auf die Plakatwand vor der Tür, wohin sie den Tätern gefolgt war. © F. H.


Ohne ein Wort zu sagen, feuerten sie mehrere Schüsse auf den Kraftfahrer Helmut E. (33) ab und stachen den 40jährigen Oscar B.mit einem Messer brutal nieder. Während etwa zwanzig Wirtshausgäste fassungslos dem Überfall zusahen, konnten die Täter nach dem Attentat in einem schwarzen Mercedes flüchten. Beamten des Polizeireviers 3 gelang es jedoch wenig später, die Banditen in einer Unterkunft an der Uffenheimer Straße festzunehmen.

Nach den ersten Ermittlungen ist die Mordkommission der Kriminalpolizei überzeugt davon, daß die Ursache des Überfalls in einem Streit zwischen zwei Schausteller-Sippen zu suchen ist: die Gangster wollten sich dafür rächen, weil sie von einem ihrer Kontrahenten als „Krüppel“ tituliert worden sein sollen.

Männer stürzten ins Lokal

Der bewaffnete Anschlag auf die Gaststätte hatte sich in wenigen Sekunden abgespielt. Noch unter dem Eindruck des dramatischen Geschehens sagte gestern abend „Fortuna“-Pächterin Anna B. (51): „Es war gegen 17.25 Uhr. Ich schaute gerade durch das Fenster, als ein schwarzer Mercedes vor meinem Lokal bremste. Fünf Männer stiegen aus und stürzten in die Gaststätte. Kaum hatten sie die Tür aufgerissen, da krachten schon die ersten Schüsse.“ Daraufhin flüchtete die Frau in ein nahes Nebenzimmer.

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In dem Lokal ging es drunter und drüber. Wie die Wilden stürzten sich die Brüder B. und der 25jährige Schausteller Kurt M. auf ihre Opfer, feuerten wahllos mit ihren Pistolen in der Gaststätte herum, warfen Stühle und Tische um und rechneten mit dem 40jährigen Schausteller Oscar B. ab: ihm brachten die Täter mit einem Messer eine lebensgefährliche Bauchverletzung bei. Bei dem Schußwechsel wurde der unbeteiligte Kraftfahrer Helmut E. schwer getroffen: eine Kugel durchschlug seine linke Hand. Außerdem trug er einen Oberschenkel- und Unterleibdurchschuß davon.

Rückzug mit Pistole gedeckt

Der dreiste Überfall spielte sich so blitzschnell ab, daß die etwa zwanzig Gäste im Lokal nicht helfen konnten. Bevor sie eine Chance zum Eingreifen sahen, waren die Gangster bereits aus dem Zimmer gestürzt. Vor der Tür hatte Gustav M. (21) Schmiere gestanden und den Rückzug seiner Komplicen mit entsicherter Pistole gedeckt.

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Daß die Banditen bereits eine halbe Stunde später in Handschellen abgeführt werden konnten, ist das Verdienst von „Fortuna“-Pächterin Anna B. Geistesgegenwärtig war die 51 jährige Frau nach dem Schußwechsel auf die Straße gelaufen. Dort sah sie, wie gerade die fünf Burschen in dem schwarzen Mercedes davonbrausten. Dazu Anna B.: „Es gelang mir, das Kennzeichen abzulesen und es an eine nahe Plakatwand zu schreiben.“ Damit lieferte sie der Kripo den entscheidenden Hinweis zur Festnahme der Täter.

Ohne Widerstand zu leisten, ließen sich die Burschen aus einer Unterkunft an der Uffenheimer Straße abführen. Bei den pausenlosen Verhören, die bis weit nach Mitternacht dauerten, bequemten sich die Täter allerdings nicht zu einem Geständnis. Der Leiter der Mordkommission resignierte um 1 Uhr: „Wer geschossen und zugestochen hat, können wir noch nicht sagen. Die Kerle lügen, daß sich die Äste biegen.“

F. H.

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