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23. Juli 1969: Großbrand bei Faber-Castell

In einer Werkhalle in Stein brach Feuer aus: der Schaden wird auf eine Million Mark geschätzt - 23.07.2019 07:07 Uhr

Meterhohe Flammen schlagen aus dem Dachstuhl. Vom Boden aus über Drehleitern versuchen zahlreiche Feuerwehrleute, den Großbrand zu bekämpfen. © Holzknecht


Obwohl fünf Feuerwehren mit 130 Mann anrückten, dauerte es zwei Stunden, ehe der Brand unter Kontrolle gebracht war. Durch ihren schnellen Einsatz konnte eine noch größere Katastrophe verhindert werden: um ein Haar wäre das Feuer auf die Lackiererei im Nebengebäude übergegriffen, was unweigerlich zu einer Explosion geführt hätte.

Die Feuerwehrleute kämpften bis zur Erschöpfung, um ein Übergreifen des Brandes auf die angrenzenden Gebäude zu verhindern. Zwei von ihnen sowie ein Werksangehöriger mußten von BRK-Helfern mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus gebracht werden.

Halb Stein ist auf den Beinen, um einen Blick auf die Brandstelle zu werfen © NN


Das Feuer war von einer 19jährigen Arbeiterin entdeckt worden, als sie kurz nach 14.30 Uhr einige Lederwaren im Dachgeschoß der dreistöckigen Halle holen wollte. „Es brennt“, schrie sie und verständigte sofort Julius Favre (58). Der Leiter der Werksfeuerwehr sah auf den ersten Blick, daß er mit seinen vierzig Leuten dem Brand nicht gewachsen war. Um 14.37 Uhr ging bei der Westwache der erste Alarmruf ein. Bereits sieben Minuten später kam die Berufsfeuerwehr mit zwei Löschzügen und fünfzig Beamten angerückt. Fast zur gleichen Zeit trafen weitere vierzig Feuerwehrleute von den Freiwilligen Wehren aus Stein, Unter- und Oberweihersbuch sowie Deutenbach ein.

Die Bekämpfung des Brandes gestaltete sich äußerst schwierig, weil dicke, schwarze Rauchwolken aus dem Gebäude drangen. Sie stammten in erster Linie von dem PVC-Kunststoff, der unaufhörlich schwelte und mit Sauerstoff auch Schwefelsäure freisetzte. Obwohl die Feuerwehrleute Atemschutzgeräte trugen, konnten sie sich nicht an den Brandherd vorarbeiten. Um das angrenzende Gebäude mit der Lackiererei und dem Labor zu schützen, stiegen einige Stoßtrupps das Treppenhaus empor und schirmten diesen Trakt ab, indem sie immer wieder die Brandmauer unter Wasser setzten.

Während von außen zunächst nur Rauchschwaden zu sehen waren, schlug gegen 15.30 Uhr das Feuer durch die Luken im dritten Obergeschoß und eine halbe Stunde später auch durch die gesamte Dachfront. Von diesem Zeitpunkt an stand fest, daß die Holz-, Leder- und Kunststoffvorräte in der Lagerhalle nicht mehr zu retten waren. Durch den konzentrierten Einsatz der Feuerwehr, die das Wasser aus dem Löschweiher des Unternehmens, aus der Pegnitz und den Hydranten heranpumpte, blieb der Brand auf das Dachgeschoß beschränkt.

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Die Maschinen im zweiten Stockwerk, wo die Lederwarenproduktion untergebracht ist, konnten rechtzeitig mit Plastikfolien abgedeckt werden. Im ersten Geschoß befindet sich die erst vor zwei Wochen neu eingerichtete Kantine, während im Erdgeschoß ein Bretterlager eingerichtet ist.

Roland Graf Faber-Castell (64) verfolgte mit seinem Sohn Arthur Wolfgang (28) die Löscharbeiten. Der Firmenchef bangte um das angrenzende Gebäude mit dem Labor. „Wenn sich die Flammen bis dorthin fressen“. so befürchtete er, „gibt es eine Explosion. In diesen Räumen werden nämlich leichtbrennbare Lacke und Farbstoffe aufbewahrt.“

Zum Glück kam es aber soweit nicht. Den Feuerwehren gelang es um 16.30 Uhr, den Großbrand unter Kontrolle zu bringen. „Später hätten wir nicht kommen dürfen“, stöhnte Oberbrandrat Michael Bauer, der die sechs Wehren dirigiert hatte. Um ein weiteres Aufflackern der Flammen zu verhindern. ließ er noch eine gute Stunde lang die Werkhalle unter Wasser setzen und beauftragte eine Nachtwache damit, den weiteren Schutz der Fabrik zu übernehmen.

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Obwohl die Kriminalpolizei sofort die Ermittlungen nach der Brandursache aufnahm, tappten die Beamten bis gestern abend noch im dunkeln. Ob sich die Vermutung bestätigt, daß das Feuer durch Selbstentzündung entstanden ist, werden die weiteren Untersuchungen zeigen. Auszuschließen ist diese These nicht, denn unter dem Dach soll eine Temperatur von weit über dreißig Grad gemessen worden sein. Trotz des Schadens ist aber die Produktion des Unternehmens nicht gefährdet. 

F. H.

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