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24. Oktober 1969: Hafen ohne chemische Industrie

Nürnbergs Mineralöl-Versorgung ist für die Zukunft gesichert - 24.10.2019 07:22 Uhr

Im Kleinformat läßt sich die Raffinerie-Anlage schon einigermaßen überschauen: aufmerksam lauschen die Stadträte den Erklärungen Karl Gralles (Mitte) von der BP-Aktiengesellschaft. © Kammler


In der BP-Raffinerie in Vohburg im Landkreis Pfaffenhofen lautete die schlichte Erklärung: „Der Strompreis in Bayern ist unserem Kunden, der chemischen Industrie, viel zu teuer.“

Sorgfältig drückten die Stadträte ihre Zigaretten aus. Wenn sie schon nicht die rot gedruckten Warnungen überzeugen konnten, so sprachen die riesigen Tankfelder ihre eigene gefährliche Sprache. Wohin der Stadtväter Augen – aus dem sicheren Bus – auch reichten, sie sahen nichts als schimmernde Kessel, kilometerlange Rohre und Türme – und alles grau in grau. In diese triste Farbharmonie stimmte auch das Wetter ein. Lediglich die Schornsteine, das Wahrzeichen einer jeden Raffinerie, grüßten in den Stadtfarben Rot-Weiß.

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Nürnbergs Stadträte sahen sich bei ihrem Betriebsausflug der Bildung wegen in Vohburg in das metallene Wunderland der Industrie versetzt. Der Vorstand der BP-Raffinerie hatte sie auf Anregung von Brennstoffhändler Christoph Teufel, Nürnberg, an den Ausgangspunkt eingeladen, wo der vielseitige Rohstoff Erdöl aus den Pipelines fließt, um in den riesigen Anlagen veredelt zu werden, bis er für den Verbraucher „genießbar“ wird. „So ein kleiner Tank würde mir ja genügen“, seufzte Stadtrat Karl Schuster, „ich könnte für den Rest meines Lebens umsonst Autofahren.“

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Daß Öl jedoch nicht nur Heizungen und Autotanks füttert, sondern – in etwas veränderter Form allerdings – auch Heizgas, Propan und Butan, Leuchtpetroleum, Schmieröl und Bitumen liefert und schließlich die Voraussetzungen für die Petrochemie schafft, wurde den Stadträten spätestens nach den verschiedenen Fachvorträgen klar. Mit der eigenen „Ölsprache“, zu der Ausdrücke wie Hydrotreater, Platformer, Hydrofiner oder auch Cat-Cracker gehören, wußten nur die wenigsten etwas anzufangen.

Um die Erfahrung reicher. daß der nächste Winter sie nicht zu schrecken braucht, und um die Illusion ärmer, daß am Hafen eine kleine Raffinerie oder chemisches Werk entsteht, kehrten die Stadträte nach Nürnberg zurück.

K. N.

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