25. Dezember 1968: Neue Kirche der Welt zugewandt

25.12.2018, 07:00 Uhr

© Kammler

So ungewöhnlich wie die architektonische Gestalt ist auch die Aufgabe, die die Bauten künftig erfüllen sollen: nicht einfach ein Platz, an dem in fast klösterlicher Abgeschiedenheit das Wort Gottes verkündet wird, sondern ein Gehäuse, in dem sich die Menschen begegnen und miteinander sprechen können. Die Pläne sehen deshalb außer dem eigentlichen kirchlichen Bereich – er weicht bereits erheblich vom herkömmlichen Stil ab – ein soziales Zentrum mit einem Heim für „Mutter und Kind“ sowie verschiedene Läden vor. Eine Ecke des Areals, sozusagen an der Eingangspforte, bleibt einer Gaststätte vorbehalten.

Die Baukosten für das Projekt, für das voraussichtlich Anfang 1970 der erste Spatenstich getan wird, betragen rund fünf Millionen Mark, die sich verschiedene Bauträger teilen.

Die evangelische Kirche hat von Anfang an neue Wege beschritten, um das Vorhaben reifen zu lassen. Sie veranstaltete Umfragen, um zu erfahren, was die Menschen von ihr erwarten. So kam ein Wunschkatalog zustande, aus dem gestrichen wurde, was der Stadt oder des Staates ist. Übrig blieb eine brauchbare Grundlage für das weitere Gespräch, das sechs Theologen, sechs Architekten und sechs Laien weiterführten, bis sich schließlich das Raumprogramm herausschälte.

Pfarrer Georg Wenzel von der Paul-Gerhardt-Gemeinde erläuterte gestern die Leitgedanken, die der Planung zugrundeliegen. „In einer Zeit des Dialogs muß man auch in der Kirche miteinander reden können“, lautet die erste Forderung. Der Gottesdienstraum erfüllt sie. Dort können die Gläubigen Gespräche führen, sie können sich dort aber auch zum Essen zusammensetzen. Im übrigen soll der Raum ständig besetzt sein, „damit er nicht wie eine leere Bahnhofshalle wirkt, in der wochentags kein Zug verkehrt“.

Das soziale Zentrum dagegen ist als Niederlassung der Stadtmission vorgesehen und enthält einen üblichen Kindergarten, eine Kinderkrippe für die Kleinen bis zu drei Jahren und – als begrüßenswerte Einrichtung – einen sogenannten Kinder-Parkplatz, bei dem die Mütter ihre Sprößlinge abliefern können, wenn sie Besorgungen machen müssen oder einmal zum Friseur gehen wollen. Das Heim für „Mutter und Kind“ rundet diesen Bereich ab. Mit den 50 kleinen Wohnungen will die Kirche einer gesellschaftlichen Verpflichtung gerecht werden. Mütter unehelicher Kinder, aber auch junge Witwen mit Kindern sollen sich geborgen fühlen.

Völlig neuartig aber ist das Ladenzentrum mitten in der Kirche. Die Mütter sollen vor der Haustür einkaufen können und die übrigen Bürger Gelegenheit haben, den Einkaufsgang mit dem Besuch des Gotteshauses oder des offenen „Hauses der Begegnung“ zu verbinden. Dort gibt es ein Viertelstündchen etwas anderes zu hören, abseits vom Alltag. Vielleicht kommt dabei auch das gewünschte Gespräch zustande.

Das Gehäuse dazu schuf Architekt Albin Hennig mit seinen Mitarbeitern Walter Dresel und Klaus Hinkelmann.

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