26. Mai 1969: Albrecht Dürer muß "heraus aus den Museen"

26.5.2019, 07:46 Uhr
Dürers Selbstbildnis, das im Louvre hängt, dient als Blickfang für einen „Steckbrief“.

© Bauer Dürers Selbstbildnis, das im Louvre hängt, dient als Blickfang für einen „Steckbrief“.

Unter der Balkenüberschrift das Selbstporträt eines langhaarigen jungen Mannes, der seit drei Jahren durch Europa gammelt. Unter dem Bild dann wie auf einem Steckbrief Name und Alter des „Gesuchten“: Albrecht Dürer, 22 Jahre alt. Daneben erläuternder Text.

„Wir wollen provozieren, wir wollen weg vom alten Kupferstecher Dürer“, rechtfertigte Professor Richard Roth, München, Chef der Dorland-Werbeagentur, seinen zum Teil schockierenden Stil gestern vor der Nürnberger Presse.

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Die Stadt Nürnberg hat Dorland mit der Planung, Gestaltung und Durchführung der Werbung zum Dürerjahr 1971 beauftragt. In enger Zusammenarbeit mit der örtlichen Planungsgruppe wurde ein Konzept entworfen, das ein Gutachterausschuß und der Schul-und Kulturausschuß des Stadtrats einstimmig gebilligt haben. Die Strategen der Werbung gaben jetzt grünes Licht für ein Projekt, das als „dreistufige Kampagne“ verwirklicht werden soll.

Dreimal fünf Fragen

Die Stufe eins soll in Nürnberg und Umgebung „gezündet“ werden. Die Idee lautet: Dürer muß „heraus aus den Museen“, auf die Straße, unter die Nürnberger, für die das Dürerjahr zum persönlichen Anliegen werden muß. Die Einwohner werden gefragt, auf welchen Plätzen bestimmte Werke des Meisters als Großplakate aufgestellt werden sollen. „Dürer-feste“ Nürnberger sollen zu einem Drei-Runden-Wettbewerb mit je fünf Fragen über Leben und Schaffen Dürers antreten. Für richtige Lösungen gibt es goldene, silberne und bronzene Dürer-Nadeln.

Im Tiergarten läuft ein zweites Quiz-Spiel. Dort gilt es, auf dem Bild „Maria mit Tieren“ mindestens zehn Tiere zu finden. Der Einzelhandel ist aufgerufen, die Schaufenster nach bestimmten Richtlinien zum Jubiläum zu gestalten. Jeden Monat wird das schönste Fenster prämiiert.

Stufe zwei soll in Form von Anzeigen und Besucherwerbung bundesweite Wirkung erzielen. Die Idee: Dürer ist aktuell, er hat auch 1971 etwas zu sagen, die Stadt Nürnberg beweist das. Das Mittel ist einerseits die bereits geschilderte bewußte Provokation. Professor Roth dazu: „Mit Pathos und Ernst ist erfahrungsgemäß wenig zu erreichen.“

Fest der fünf Sinne

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Zum andern versucht man nach dem Motto „Für jeden etwas“ nicht nur die Veranstaltungen, sondern auch die Sehenswürdigkeiten und die Spezialitäten Nürnbergs herauszustellen, wozu selbstverständlich auch die Bratwürste zählen. Der Slogan ist bereits gefunden: Dürerjahr 1971 Nürnberg – Fest der fünf Sinne.

Stufe drei wird das Ausland erreichen. Die Idee lautet: Zur Europa-Reise 1971 gehört die Dürer-Reise. Diese Dürer-Reise – etwa von Antwerpen über Gent – Brügge – Köln – Nürnberg – Straßburg – Basel – Innsbruck – Venedig – wird auf Plakaten und Prospekten beschrieben und von internationalen Reiseunternehmen angeboten. Darüber hinaus soll über das Auswärtige Amt, das Goethe-Institut und die Deutsche Zentrale für Fremdenverkehr in aller Welt auf das Jubiläum hingewiesen werden.

Gewissermaßen als Vorspiel läuft im August, wenn Nürnberg für München-Riem Ausweichflugplatz wird, eine Vormerkkampagne. Die zu erwartenden 100 000 Fluggäste erhalten in einem Geschenkkarton einen Prospekt über die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1971 und dazu einen süßen Gruß in Form eines Lebkuchens. „Kommen Sie wieder nach Nürnberg“ heißt der Slogan, in den die kleine Aufmerksamkeit verpackt ist. Eine weitere Vorstufe ist der Signet-Wettbewerb, mit dem junge Künstler aufgerufen sind, die Initialen AD samt der Jahreszahl 1971 zu gestalten. Ab Herbst 1969 soll schließlich ein Pressedienst zum Dürerjahr erscheinen.

Mit diesen Plänen glauben Professor Roth und seine Mitarbeiter alle Kreise der Bevölkerung ansprechen zu können. Die Agentur darf einen Etat von einer Million DM verplanen. „Dies ist nicht viel, eine Zigarettenfirma läßt sich die Einführung einer neuen Marke das Zehnfache kosten“, bedauerte der Professor, der an der Akademie der Bildenden Künste in München unterrichtet. Er hofft jedoch zuversichtlich, daß Dürer ins Gespräch kommt, daß Nürnberg eine Reise wert und das Image der Stadt verbessert wird.

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