28. August 1968: Tschechen stehen mittellos da

28.8.2018, 07:13 Uhr

© Ulrich

Nürnberg ist zur Sammelstelle der rat- und mittellosen Menschen geworden, weil es die nächstgelegene Großstadt zur Grenze ist. Viele der Tschechen sind von heute auf morgen in Not geraten, obwohl sie sich im freien westlichen Ausland befinden, denn ihre tschechischen Kronen sind keinen Heller mehr wert; das Geld wird nirgends angenommen und umgetauscht, weil es keinen Kurs dafür gibt.

In dieser Misere springen das städtische Sozialamt, Wetzendorfer Straße 58, die Caritas und die Stadtmission, die gemeinsam die Bahnhofsmission führen, und die Nürnberger Nothilfe als rettende Helfer in die Bresche.

Obwohl die Organisationen auf Hilfe in größerem Umfange nicht vorbereitet waren und von der Notlage ebenso überrascht wurden wie die Tschechen selbst, haben sie versucht, alle bürokratische Umständlichkeit zu umgehen und in knapp einer Woche ein gut funktionierendes System aufzubauen, so daß jedem, der an die Türen klopft, geholfen werden kann.

Einige Mißverständnisse und Verwirrung gab es im Anfang zwar, denn die Hilfesuchenden haben ja nicht immer gleichlautende Wünsche. Die einen wollen möglichst schnell in ihre Heimat zurückkehren und brauchen ein wenig Geld, um die Reise antreten zu können, andere wollen zu Verwandten oder Bekannten in anderen Städten oder Ländern, wieder andere werden hierbleiben und abwarten. Asylsuchende und Emigranten, alle brauchten Hilfe, aber die wenigsten wendeten sich gleich an die richtige Stelle, hinzu gesellten sich oft Sprachschwierigkeiten. So kam es vor, daß sie von hilfsbereiten Deutschen von Pontius zu Pilatus geschickt wurden.

Dies bewog den Caritas-Verband, eine „Beratungs- und Hilfsstelle für Tschechen“ am Obstmarkt 28 einzurichten. Ab heute klären ein tschechischer Diakon und ein deutscher Fürsorger die Ratsuchenden über alle Fragen auf, verweisen sie an die richtigen Ämter und Vermittlungsstellen. Sofern es sich nicht um Asylsuchende handelt, die dazu das Bundessammellager in Zirndorf aufsuchen müssen, sollte für alle die erste Station das Sozialamt in der Wetzendorfer Straße sein. Dort erhalten unterkunfts- und mittellose Tschechen einen Schein, der sie berechtigt, in der Jugendherberge auf der Kaiserburg zu übernachten und drei Mahlzeiten pro Tag einzunehmen. Ferner gewährt das Sozialamt ein kleines Taschengeld je nach Bedürftigkeit. Privatleute, die eine tschechische Familie aufnehmen wollen, können sich ebenfalls an das Sozialamt wenden.

Viele der Ratsuchenden kamen zur Bahnhofsmission, um ein Quartier für die Nacht und ein warmes Essen zu bekommen. Wenn auch die Helferinnen eigentlich nur Besucher mit Fahrkarten beherbergen dürfen, so wurden in den letzten Tagen unzählige Ausnahmen gemacht. Doch die Bettenzahl ist auf 42 begrenzt und mehr als 30 Essensgäste kann der kleine Speiseraum kaum fassen. Daher mußten viele Ankömmlinge an das Sozialamt weiterverwiesen werden.

Das Rote Kreuz nahm, wenn es keine Einsätze fahren mußte, für die Hilfesuchenden eine Art Taxidienst auf, um ihnen Straßenbahnkosten und weite Wege zu ersparen. Im Pendelverkehr bringen Sanitätsfahrzeuge die Gäste zum Sozialamt und von dort zu ihrer Unterkunft in die Burg.

Tschechen, die selbst motorisiert sind und eine Unterkunft besitzen oder auf dem Campingplatz übernachten, bekommen vom Sozialamt Gutscheine für drei Mahlzeiten, die sie bei der „Nürnberger Nothilfe“ in der Flaschenhofstraße erhalten.

Im Versteigerungsraum des Bahnhofes treffen sich die Tschechen, um Nachrichten aus der Heimat an den Radioapparaten zu hören und über ihre Lage zu beraten. Aber nicht nur sie nehmen daran Anteil. Gestern legten von 12 Uhr bis 12.05 Uhr 300 Arbeiter der AEG-Werke Nürnberg aus Protest über die Invasion ihre Arbeit nieder.

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