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29. Juli 1971: In Nürnberg: jung gefreit – schnell bereut

29.7.2021, 07:00 Uhr
Obwohl die 70 Kinder der Tageskrippe der evangelischen Stadtmission in einer Art Massenbetrieb betreut werden (was unser Bild beweist), bleiben sie doch im Schutze der Familie. Sie wissen, daß sie die Mutti jeden Abend abholt.

Obwohl die 70 Kinder der Tageskrippe der evangelischen Stadtmission in einer Art Massenbetrieb betreut werden (was unser Bild beweist), bleiben sie doch im Schutze der Familie. Sie wissen, daß sie die Mutti jeden Abend abholt. © Ulrich

So wurden 1970 von Nürnbergs Scheidungsrichtern 262 Frauen und 151 Männer im Alter bis zu 25 Jahren geschieden. Zieht man zum Vergleich die Eheschließungen der gleichen Altersgruppen heran, dann haben mehr als zehn Prozent der jungen Ehen den Belastungen nicht standgehalten.

Mangelnde Reife der jungen Leute allein wäre eine zu billige Erklärung für diese Entwicklung. Die sozialen Verhältnisse in der Wohlstandsgesellschaft schaffen große Probleme für die im Aufbau befindlichen jungen Familien. Diese Probleme sind:

1. der zu geringe Verdienst des Mannes. Die Frau muß mitverdienen. Wohin aber mit dem Kind, das ja in vielen Fällen überhaupt erst zur Ehe geführt hat?

2. die teuren Wohnungen. So wenig es billige Wohnungen für kleine Rentner gibt, so wenig Wohnungen gibt es für junge Ehepaare mit kleinem Einkommen. Der freie Wohnungsmarkt berücksichtigt solche Mieterkreise nicht, und der soziale Wohnungsbau reicht bei weitem nicht aus.

3. die unzureichende Platzzahl der Tageskrippen, in denen die Frau während der Berufstätigkeit das Kind gut aufgehoben weiß. In Nürnbergs Kinderkrippen können nur 219 Babys und Kleinkinder untergebracht werden.

Alle diese Probleme treffen zum Beispiel auf das Ehepaar Siegfried und Christel X. zu. Sie ist 23, er 21 Jahre alt. Das Baby war bereits unterwegs, als die beiden heirateten. Der Vater ist noch Lehrling und trägt monatlich 180 Mark nach Hause. Mit dem Verdienst der Frau und der öffentlichen Unterstützung kommt das Paar auf 1200 Mark. Siegfried und Christel X hatten Glück: sie fanden wenigstens einen Platz in der Tageskrippe der Stadtmission Nürnberg; Kostenpunkt 280 Mark im Monat.

Ein Jahr lang suchte das Ehepaar eine preisgünstige Wohnung. Der Erfolg war gleich Null. Die Mutter: „Entweder wurden wir nicht genommen, weil ein Kind dabei war, oder die Miete war zu hoch.“ Als das junge Ehepaar einmal mit anderen Bewerbern in einer Wohnung wartete, drängte sich ein Mann vor und versprach dem Hausbesitzer eine Extraprovision von 1000 Mark. Er bekam die Wohnung. Merke: in der freien Marktwirtschaft, in der jeder nimmt, was er kriegen kann, bleiben Kleinverdiener auf der Strecke. Das Ehepaar mußte schließlich eine 3-Zimmer-Wohnung für 430 Mark mieten.

1.498 Familien warten

Wie groß gerade dieses Problem in Nürnberg ist, zeigt der Wohnungsbaubericht, den Sozialreferent Dr. Max Thoma unlängst dem Stadtrat vorlegte. Da stand es schwarz auf weiß: 1.498 junge, im Aufbau befindliche Familien sind beim Sozialreferat als Wohnungssuchende vorgemerkt.

Bleibt das dritte Problem. 1970 heirateten in Nürnberg 228 junge Männer, die noch nicht oder gerade erst das 20. Lebensjahr vollendet hatten. Daß ihr Verdienst für eine dreiköpfige Familie im allgemeinen nicht ausreicht, ist leicht einzusehen. Andererseits darf man annehmen, daß die meisten Männer bis 20 eigentlich nur heiraten, wenn die Frau ein Kind erwartet. Will die Frau nun zum Haushalt mitverdienen, muß sie ihr Kind wenigstens am Tage in gute Obhut geben können. Die Platzzahl der Kinderkrippen ist jedoch sehr beschränkt.

Die Tageskrippe der Stadtmission ist einer der Lichtblicke für Nürnbergs junge Ehepaare. Hier werden 70 Kinder im Alter von acht Wochen bis zu drei Jahren betreut. Säuglinge und Kleinkinder sind in siebenköpfige Gruppen aufgeteilt, so daß sich die 14 Fachkräfte mit jedem Kind gründlich beschäftigen können.

Hinter dem vierstöckigen Haus liegt ein geräumiger Garten. Auf die Frage, ob die Betreuung der Kinder in Tageskrippen für deren Entwicklung nicht schädlich sei, sagte uns Schwester Anne: „Sicher wäre es besser, wenn die Kinder zu Hause von ihrer Mutter aufgezogen würden. Der Familienrahmen ist schier unersetzbar. Aber so klein unsere Kinder auch sind, wissen sie doch, daß sie jeden Abend von ihrer Mutter wieder abgeholt werden“.

Das feine Gespür der Kleinkinder nimmt auch negative Familieneinflüsse wahr. So war man in der Tageskrippe sehr besorgt, weil ein zweijähriges Kind sich sonderbar benahm. Man beobachtete, wie es sich immer wieder ganze Büschel des Kopfhaares herausriß. Psychologen fanden die Erklärung: Die Eltern des Kindes lebten in Scheidung. Ihre Ehe und damit die Geborgenheit des Kindes waren dabei, in Trümmer zu gehen.

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