29. Juni 1969: Ruhe vor dem großen Sturm

29.6.2019, 07:00 Uhr
Zwischen den beiden Rennreifen, die eine Auflagefläche von nahezu 50 Zentimetern haben, ein Gewirr von Federn, Hebeln und Gestänge: Fahrwerk und Motor des Rennwagens von Brian Muir.

Zwischen den beiden Rennreifen, die eine Auflagefläche von nahezu 50 Zentimetern haben, ein Gewirr von Federn, Hebeln und Gestänge: Fahrwerk und Motor des Rennwagens von Brian Muir. © Ulrich

Die Strohballen hingen vor Licht- und Telegrafenmasten, die Stahlrohrgestelle für die Fernsehkameras, die wie Wachtürme an östlichen Grenzen aussehen, ragten ebenso in die Höhe wie die Kabine des Fernsehsprechers Rainer Günzler, der morgen das Rennen übertragen wird.

Kaum waren die großen „Renner“ angekommen, wurden sie auch schon von der Jugend staunend umlagert und begutachtet. Hier steht der Ford Mirage des englischen Millionärssohnes Mike Hailwood im Mittelpunkt des Interesses.

Kaum waren die großen „Renner“ angekommen, wurden sie auch schon von der Jugend staunend umlagert und begutachtet. Hier steht der Ford Mirage des englischen Millionärssohnes Mike Hailwood im Mittelpunkt des Interesses. © Ulrich

Hochbetrieb herrschte lediglich noch in den Omnibussen der Rennleitung und der Pressestelle. Bei Rennsekretär Eckerlein holten sich die laufend eintrudelnden Rennfahrer ihre Papiere. Fahrerlizenz, nationaler Führerschein, Wagenpaß, Versicherungen – es waren viele Punkte, die Karl Eckerlein für jeden Rennteilnehmer auf einer Liste abhaken mußte.

Die Wagen kamen sozusagen „auf Samtpfoten“ in Nürnberg am Norisring an: sie waren auf Anhänger geladen, die von mehr oder weniger starken Pkws gezogen wurden: andere, wie Porsche, erreichten die Rennfahrergestade am Dutzendteich auf Lastwagen. Noch war nichts vom Motorenlärm zu hören. Selbst zur Abnahme wurden die „heißen Öfen“ geschoben und von den kritischen Augen Ingenieur Hans Steinbachers unter die Lupe genommen.

Anhand einer Liste mit zahlreichen Punkten überprüfte er, ob auch alle Bestimmungen erfüllt waren – erst dann gab es das rote „A“ für „abgenommen“. „Heute lassen sich die Fahrer noch Zeit“, meinte Steinbacher, „sie haben es nicht eilig. Dahinter steckt aber auch eine gewisse Taktik.“ Manche Fahrer wissen ganz genau, daß in dieser oder jener Hinsicht an ihrem Wagen etwas im Gegensatz zu den Rennbestimmungen ist – und dann wollen sie die Rennhektik, das Gedränge, das am Abnahmezelt herrscht, dazu ausnutzen, die Abnehmer mit dem Hinweis: „Schnell, schnell, ich muß zum Training!“ etwas unter Druck zu setzen, um zu erreichen, daß bei der Überprüfung vielleicht etwas „husch-husch“ gehandelt wird.

Aber Hans Steinbacher ist ein alter Hase vom Fach und läßt sich kein X für ein U vormachen. „Der sieht schon“, bestätigte ein Kollege von ihm, „was verkehrt ist, bevor einer überhaupt auf den Gedanken kommt, daß er es sehen könnte!“ Wie war das doch letztes Jahr? Da hatte ein Fahrer einen Wagen zur Abnahme gebracht, dem ein glatter Zentimeter an der vorgeschriebenen Bodenfreiheit fehlte. Steinbacher wies bloß mit der Hand auf die Meßlatte, einer schob sie unter die Vorderachse und es fehlte – der Zentimeter. Seitdem haben die meisten Teilnehmer an einem Norisringrennen erkannt, daß es keinen Zweck hat, Hans Steinbacher überlisten zu wollen.

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