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30. Juli 1971: Stadtzentrum über den Gleisen

30.7.2021, 07:00 Uhr
Schon mehrere Jahre alt: die städtische Studie für Parkdecks und Hubschrauber-Landeplatz über den Bahnsteigen. Das Modellbild zeigt den Celtistunnel und den Hauptbahnhof-Südausgang (Mitte links), den Ostast der künftigen Schnellstraße (unten) und das Bahnhofsgebäude mit dem Eingang zum Waffenhof am Königstor (rechts oben).

Schon mehrere Jahre alt: die städtische Studie für Parkdecks und Hubschrauber-Landeplatz über den Bahnsteigen. Das Modellbild zeigt den Celtistunnel und den Hauptbahnhof-Südausgang (Mitte links), den Ostast der künftigen Schnellstraße (unten) und das Bahnhofsgebäude mit dem Eingang zum Waffenhof am Königstor (rechts oben). © Archiv

Die Idee, auf diese Weise inmitten der Zentren mehr Platz zu schaffen, ist in Nürnberg nicht neu. Eine städtische Modellstudie für die Überdachung der Bahnsteige des Hauptbahnhofes existiert bereits seit vielen Jahren und sie ist zu keiner Zeit zu den Akten gelegt worden.

Im Gegenteil: neuerdings bemüht sich Nürnberg sogar beim Bundesforschungsministerium um Mittel für wissenschaftliche Untersuchungen. Denn es muß vorher geklärt werden, wie sich ein solches Projekt auf die Struktur der Stadt auswirkt.

Mit dem in Frankfurt verkündeten „Scheel-Plan“, Bundesbahn-Gleise zu überspannen, will die FDP in den Kerngebieten der Städte rund 40 Quadratkilometer zusätzliche Baufläche gewinnen. Die Finanzierung des Milliarden-Projektes über gemeinnützige Investment-Fonds soll zugleich zur Vermögensbildung breiter Bevölkerungsschichten beitragen.

Als Mitte der 60er Jahre die Studie ausgearbeitet wurde, schwebte den Planern zunächst nur ein imposanter Verkehrsknotenpunkt vor: in der Tiefe die U-Bahn-Station, zu ebener Erde die Bundesbahn-Bahnsteige (auch für den S-Bahn-Verkehr), darüber in mehreren Geschossen Parkdecks und ein Landeplatz für Hubschrauber dazu.

Die Parkplätze sollten nach diesem Entwurf von zwei Seiten erschlossen sein. Sowohl vom Bahnhofplatz wie vom Ostast der künftigen Schnellstraße, die an der Südseite des Hauptbahnhofes entlanglaufen wird, sind Rampen vorgesehen. Inzwischen sind aber schon weitergehende Überlegungen darüber gemacht worden, ob nicht durch einige Zutaten aus dem reinen Verkehrsknotenpunkt – wegen der Parkplätze von der Bundesbahn sehr gern gesehen – am Ende eine attraktive „Stadt über dem Bahnhof“ als Bindeglied zwischen der Altstadt und der Südstadt entstehen könnte.

Die dabei aufgetauchten Fragen und Probleme soll das Bundesforschungsministerium mit klären helfen, wobei sich die Untersuchungen zum geringsten Teil auf die städtebauliche Gestaltung erstrecken. Wichtiger ist vielmehr der Aufschluß darüber, in welchem Umfang eine Bahnsteig-Überbauung anderweitig genutzt werden kann, welche Einrichtungen (Geschäfte und Restaurants beispielsweise) dort untergebracht werden können, wie sich das neue Zentrum auf den Verkehr auswirkt und ob dadurch die gesamte Struktur der Stadt verändert wird.

Denn es steht heute schon fest, daß die Stadt eines erreichen will: „Der Wert der Innenstadt und der Südstadt als Geschäftszentrum darf dadurch nicht beeinträchtigt werden“. Das erklärt ausdrücklich Baureferent Otto Peter Görl, der sich aus Bonn rasche Hilfe erhofft. „Möglicherweise fließen nächstes Jahr die Mittel“, rechnet er sich aus.

Möglicherweise behält Görl auch recht, wenn es nicht zuletzt mit dem „Scheel-Plan“ gelingen sollte, die nicht nur in Nürnberg, sondern auch im Frankfurt, Stuttgart und Köln geplanten Vorhaben voranzutreiben. Die Bundesregierung will jedenfalls noch in diesem Jahr eine Studiengesellschaft gründen, die die Einzelheiten des Planes prüfen soll.

Vielleicht zahlt sich dann aus, daß die Stadt die Nase vorn hatte. Der Nürnberger CSU-Bundestagsabgeordnete Dr. Oscar Schneider dämpfte freilich hohe Erwartungen. Der Städtebauexperte der Bonner Landesgruppe bezeichnete die FDP-Pläne als „alten Hut“. Es wären Milliarden bereitzustellen, die jedoch der öffentlichen Hand in überschaubarer Zukunft fehlten. Seiner Mei-nung nach müsse der Sanierung und planmäßigen Erweiterung der Städte der Vorrang gegeben werden.

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