Dienstag, 22.10.2019

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3000 Jahre alter Brunnen im Knoblauchsland entdeckt

Eine der größten Grabungsflächen aller Zeiten in der Stadt - 08.08.2019 14:32 Uhr

Seltener Fund: Grabungsleiter Leif Steguweit steht neben den Überresten eines Holzbrunnens aus der Urnenfelderzeit.


Für den Laien ist es nur ein braunes Quadrat, das sich vom Erdreich abhebt. Doch Fachleute erkennen sofort: Das ist ein Brunnen. Besser gesagt: war. Vor ungefähr 3000 Jahren. Als das Team des "Archäologie-Service Franken" vor wenigen Tagen in der Schmalau auf dieses Zeugnis aus der späten Bronzezeit stieß, war das ein Überraschungsmoment. Denn erstens „ist so ein Brunnen eine erstklassige Quelle“, sagt Leif Steguweit, der Grabungsleiter. Brunnen erzählen immer etwas über Lebensverhältnisse. Und wenn sie ausgedient hatten, entsorgte man Müll oder Mobiliar darin – in diesem Fall Schüsseln. Zweitens handele es sich um einen der ersten wiederentdeckten Holzbrunnen aus der Vorgeschichte in Nordbayern, freut sich Nürnbergs Stadtarchäologe John Zeitler.

Hier am Westrand von Boxdorf, zwischen Wiesbadener und Steinacher Straße, betreut Zeitler gerade eine der größten Grabungsflächen aller Zeiten der Stadt. Gut zehn Hektar Ackerland in städtischem Besitz sollen Gewerbegebiet werden. Eine vorherige archäologische Untersuchung ist Pflicht. Seit Oktober erkunden Steguweits Leute streifenweise den Boden; noch weitere eineinhalb Jahre sind anberaumt.

Kastenbrunnen garantierte sauberes Trinkwasser

Schon einen Meter unter der Krume stoßen sie überall auf Reste einer Siedlung aus der Urnenfelderzeit (1300–800 v. Chr.): Keramik, kleine Schmuckteile aus Bronze, Getreide und Baumfrüchte aus den Speisekammern, Spuren von Holzpfosten, auf denen Wohnhäuser gründeten. „Das war im Prinzip ein großes Dorf wie heute auch“, sagt Steguweit. Die Häuser hätten sich parallel aneinandergereiht, die Eingänge zeigten nach Südosten, von der Wetterseite abgewandt.
Die Bewohner, die von Ackerbau und Viehzucht lebten, hätten viel Wert auf ihre Trinkwasserversorgung gelegt. Kastenbrunnen wie der jetzt gefundene garantierten sauberes Grundwasser. Zwar sind bei Boxdorf alte, mittlerweile versiegte Bachläufe belegt, doch solches Oberflächenwasser sei wie heute unsicher gewesen. „Durch das Vieh war es verseucht. Man hat deshalb schon ab dem sechsten Jahrtausend vor Christus viel Aufwand für sauberes Wasser betrieben“, erklärt Steguweit.

Jungsteinzeitmenschen keinesfalls primitiv

Überhaupt dürfe man sich diese Vor-Nürnberger, die ab der späten Jungsteinzeit in vielen ähnlichen Siedlungen rund um die heutige Stadt lebten, „keinesfalls primitiv und hungerleidend vorstellen“, schildert Zeitler. „Man würde eine Kulturlandschaft sehen mit gepflegten, bewirtschafteten Wäldern und eingezäunten Feldern.“ Die Menschen hätten über gute Schmiede- und Holzbautechniken verfügt, beispielsweise Pferdewagen errichtet. Mit Hirse, die den fränkischen Sandboden mag, hätten sie sich gut versorgen können. Die Bauern aßen neben etwas Jagdwild Rind, Schaf, Ziege und Schwein.

Ähnliche Siedlungen lagen um 1000 vor Christus reihenweise um Nürnberg. Das wisse man bislang nur aus kleineren Einzelbaustellen, sagt der Stadtarchäologe. Der Bauboom im Knoblauchsland biete jetzt die Chance, mehr Zusammenhänge zu erforschen, der Acker in Boxdorf ebenso wie die aktuelle Grabung in Wetzendorf und eine bevorstehende an der Marienbergstraße – beide noch einmal deutlich größer.

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Hüpfburg, Gemüse und Traktoren: Tag der offenen Tür im Knoblauchsland

Unter dem Motto "Knoblauchsland - Gemüsebau in der Metropolregion" fand am Sonntag bereits der 27. "Tag der offenen Tür" im Knoblauchsland statt. Zwischen 10 und 16 Uhr öffneten rund 20 überwiegend landwirtschaftliche Betriebe ihre Pforten. Die Besucher konnten dabei so allerhand rund um den Gemüsebau in der Region erfahren.


Die Landwirtschaft hat allerdings schon viel zerstört. „Der oberste Meter fehlt, wir haben bloß noch die untere Hälfte.“ Außerdem fegt über unbebautes Land die Erosion. Mit den Jahrhunderten schrumpft so die Schicht, in der sich prähistorische Stätten erhalten hätten können. Trotzdem sei es denkbar, dass noch ein Gräberfeld des Dorfes auftauche, sagt Zeitler. Das wäre „ein kleiner Wunschtraum“. Der Umstieg von Erdbestattung auf die Verbrennung der Toten und die Beisetzung der Asche gab der Urnenfelderzeit ihren Namen.

Die Archäologie-Firma will nun erst einmal den Kastenbrunnen aus der Erde bergen, um anhand der Jahresringe das Alter und die Art der Hölzer bestimmen zu lassen. Das braucht etwas Glück, Kühlung, und es muss schnell gehen. Schimmel bedroht die bröselige Masse an der Luft. Beim Tag des offenen Denkmals im September darf sich dann die Öffentlichkeit auf der Grabung umsehen.

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