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55-Jährige aus Nürnberg durchlebt Corona-Infektion - und ändert Meinung zum Impfen

Die Frau warnt vor Verharmlosung: "Es tut mörderisch weh!" - 01.04.2021 17:28 Uhr

Das Coronavirus unter einem Mikroskop (Symbolbild).

29.02.2020 © dpa


Plötzlich ein ziehender Schmerz zwischen den Schulterblättern. Ich ignoriere ihn, wundere mich aber, woher dieser "Muskelkater" kommt, denn ich war in den letzten Tagen eher bewegungsfaul. Drei Stunden später schmerzen noch mehr Stellen. Ich tippe weiterhin auf Muskelkater oder auf einen kühlen Windzug beim Autofahren.

Ich versuche, mich mit Streckübungen und Schulterrollen von dem vermeintlich kleinen Übel zu befreien, dann lege ich mich doch mal kurz aufs Ohr. Schlafe augenblicklich ein. Als ich aufwache, hat mir jemand eine Schaufel Sand in die Augen geschüttet.

Ich hatte kaum Kontakte

Ein kleiner grippaler Infekt, sage ich mir, ganz sicher kein Corona. Ich hatte kaum Kontakte und wenn, nur im Freien, außerdem bin ich eine AHA-Formel-Verfechterin. Woher also? Sicherheitshalber bleibe ich dennoch daheim, bis ich mein Testergebnis erhalte: Positiv. Dann bleibe ich erst recht daheim: Quarantäne.

Ach was, denke ich mir, ich mache das Beste daraus. Zwei Wochen lang lesen, schreiben, telefonieren und "Hubert und Staller"-Serien anschauen. Ich, ehemalige Leistungssportlerin, fühle mich stark wie ein Bambus, außerdem bin ich seit zwei Jahren Intervallfasterin und mache regelmäßig lange Wanderungen. Ich werde diese Zeit auf einer Backe absitzen.

Es folgt ein Energieschub. Ich staubsauge, putze alle Fenster, das Bad, entkalke die Espressomaschine, beziehe das Bett frisch, dann wühle ich in meiner Bastelkiste, bis ich das Origamipapier finde, das ich mir vor Jahren aus einer Laune heraus gekauft hatte. Seitdem hatte ich nie Zeit dafür gefunden. Origami heißt "gefaltetes Papier", man bastelt aus den bunten Bögen Tiere, Blumen, Flieger, von einfach bis anspruchsvoll.


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Rasende Kopfschmerzen

Jawohl, ich werde sehr, sehr kreativ sein! Doch erst einmal lege ich mich hin, nur ein halbes Stündchen, sage ich mir - und schlafe 14 Stunden lang. Mit heftigen Brustschmerzen wache ich auf, als wären alle Rippenbögen geprellt. Auch die Beine schmerzen, es kommt mir vor, als ob das Blut durch poröse Adern zu den Füßen schießt. Kurz darauf folgen rasende Kopfschmerzen, sie schalten den restlichen Körper lahm. Ich hätte sehr gerne wieder die anderen Schmerzen zurück.

Ich erstarre zur Bewegungslosigkeit, denn jede minimale Bewegung bedeutet, die Abrissbirne in meinem Kopf zum Schwingen zu bringen. Es tut mörderisch weh! Weil ich meinem Körper nicht noch mehr als diesen verdammten Virus zumuten will, versuche ich, auf Schmerzmittel zu verzichten. Doch nach einer halben Stunde drücke ich eine Ibu 800 aus dem Blister und zwei Vomex gegen die Übelkeit. Weil es nicht hilft, schiebe ich noch ein Migräne-Triptan hinterher und die Schmerzen werden erträglicher.

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Die Mount Everest-Tour war einfacher

Es ist nur der Anfang meiner Coronazeit. Um es vorweg zu nehmen: Die nächsten zwölf Tage falte ich kein einziges Blatt Origami, ich lese keine einzige Zeile, höre kein Hörspiel, schaue nicht fern. Alles, wozu ich in der Lage bin, ist zu liegen und zu atmen. Der Weg ins Badezimmer erinnert mich an meine Trekkingtour zum Base Camp des Mount Everest vor zehn Jahren. Die Tour war einfacher.

Mein Kopf gibt nie Ruhe, es hämmert darin ununterbrochen wie in einer Schwabacher Goldschlägerei. Wenn es dunkel ist, scheint mein Tischlicht gegen die Wand. Ich mache Schattenspiele, lasse die Finger einzeln, zu zweit oder als Gruppe tanzen. Es ist die einzige Aktivität, zu der ich fähig bin und sie erinnert mich daran, dass es Finger-Yoga gibt. "Mudras" werden die Übungen genannt. Ich mache eine Faust und umfasse sie mit der anderen Hand. "Der Virus ist umzingelt", nenne ich mein selbsterfundenes Mudra.

Mein Optimismus ist aufgebraucht

Mein anfänglicher Optimismus ist längst aufgebraucht. Gegen die heftigen Symptome helfen Sport und gesunde Ernährung nicht. Ich trinke Tee und Wasser und esse wenig. Eigentlich nur Orangen, Pampelmusen, Bananen, ein paar Löffel Jogurt.


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Eine Freundin stellt einen vollen Einkaufskorb vor der Tür ab, klopft und verschwindet wieder. Sie würde gerne für mich kochen, sagt sie am Telefon, aber ich lehne ab. Mein Magen rumort ununterbrochen. Manchmal male ich mir aus, wie ich es mir bei meinem Lieblingsitaliener schmecken lassen werde, wenn ich wieder gesund bin. Meine Fantasie präsentiert mir gegrillte Auberginen, Pizza Scampi, ein Glas Merlot und ein Tellerchen Pannacotta, von der süße Karamellsoße runtertropft. Mir wird übel und mein Magen windet sich wie ein lädierter Regenwurm.

Schlaflose Nächte

Die darauffolgende Nacht kann ich nicht schlafen, meine Gedanken surfen durch die Vergangenheit. Gegen 02.50 Uhr wandern sie zu den Menschen, die kränker sind als ich, die noch dazu kein sicheres Heim besitzen, kein sauberes Wasser, keine gesunde Nahrung, keinen Frieden. Zu meiner Corona-Erkrankung kommt noch der ganze Weltschmerz hinzu. Erst, als es draußen hell wird, erschöpft er sich.

Immer wieder höre ich hypochondrisch in mich hinein. Werde ich eine Lungenentzündung bekommen, weil es mir so schlecht geht? Ich atme tief ein und verfolge den Atem durch meinen Körper. Bleibt er stecken? Stockt, strauchelt, holpert er, muss er nach neuen Wegen suchen? Warum habe ich so großen Lufthunger?

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Zwölf Tage nach den ersten Symptomen spüre ich: Es geht aufwärts. Die Kraft kommt zurück, heute sind es maximal fünf Prozent, aber ich begrüße jedes einzelne. Die Waage zeigt an, dass ich sieben Kilo abgenommen habe. Egal, heute ist Tag eins vom Abschied meiner Erkrankung.

Ich habe meine Meinung geändert

Es gibt da eine Sache, bei der ich meine Meinung grundlegend geändert habe. Noch vor zwei Wochen war ich mir sicher, mich nicht impfen zu lassen. Doch was ich mit Covid 19 durchgemacht habe (und das bei einem leichten Verlauf, weil ich keine Pneumonie hatte), möchte ich nicht noch einmal erleben.

Ich hatte die englische Variante; die afrikanische und brasilianische steht in den Startlöchern. Und was lässt sich der kugelige Stachelvirus noch einfallen? Vielleicht gibt es bei der nächsten Nürnberger Spielwarenmesse ein Memory mit all den neuen Mutationen? Der Virus mit langen grünen Stacheln, mit kurzen roten, mit gekringelten gelben und so weiter.

Meinetwegen sehr gerne als Memory, aber nicht mehr in meinem Körper. Der wird die Impfung mit offenen Armen empfangen.

Doreen Gareis Lokalredaktion Nürnberg

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