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7. Oktober 1971:Olympia-Teams der Bundesrepublik und der UdSSR spielten in Nürnberg 1:1

7.10.2021, 07:00 Uhr
Der Moment des Führungstreffers: Der ehemalige Nürnberger Roland Stegmayer köpft zum 1:0 ein.

Der Moment des Führungstreffers: Der ehemalige Nürnberger Roland Stegmayer köpft zum 1:0 ein. © Ulrich

In der letzten halben Stunde war die Mannschaft von Jupp Derwall, die am Ende des Eckenverhältnis auf 9:4 geschraubt hatte, dem Siegestor wesentlich näher als die Sowjetrussen, die vor 12.000 Zuschauern in den ersten dreißig Minuten sehr stark aufgespielt hatten. Sie mußten aber schließlich froh sein, den Schlußspurt der plötzlich aufgewachten deutschen Mannschaft, die sich im Mittelfeld erst in dieser Phase zu einer großen Leistung steigern konnte, ohne Schaden überstanden zu haben.

Vor der Pause hatte es im deutschen Spiel viel Leerlauf gegeben. Diese Feststellung trifft auf Abwehr und Angriff zu. Hinten spielte die Deckung stellenweise recht leichtsinnig, rieb sich in unnötigen Zweikämpfen auf und brachte den Ball nicht zum eigenen Mann. Auch Torhüter Bradler hatte bei Abwürfen einige Schwierigkeiten, den Mitspieler zu „treffen“.

Im Mittelfeld gab es streckenweise vor der Pause Fehlpässe am laufenden Band. Weder Hoeneß noch Nickel bekamen das Spiel in den Griff und auch Kalb war zu sehr mit Deckungsaufgaben beschäftigt, als daß er hätte vorne für viel Unterstützung sogen können. So waren Stegmayer und Wunder die einzigen Stürmer, die in den ersten 43 Minuten für das UdSSR-Gehäuse eine Gefahr bildeten, ihnen am nächsten kam noch Bitz.

Nach einer kurzen Anlaufzeit setzten die Sowjetrussen die bundesdeutsche Hintermannschaft unter Druck. Die Hauptgefahr ging von Links-außen Kosinkewitsch aus, den Baltes zunächst gar nicht in den Griff bekam. Andreasian und Sanasanjan kurbelten ihren Angriff immer wieder an und Abramow hatte als freier Mann viel Spielraum.

Nach einer Stunde Spielzeit steigerten sich die deutschen Stürmer, während die Gäste abbauten. Ob sie mit dem 1:1 zufrieden waren oder ob ihre Kräfte nachließen? Prompt blies Uli Hoeneß, der bis dahin ziemlich alles schuldig geblieben war, als Angriffsspitze zusammen mit Wunder, mit dem Abramow und Reschke, die sich in der Bewachung des Duisburgers ablösten, viel Mühe hatten, zum Generalangriff.

Plötzlich hatte die DFB-Auswahl auch im Mittelfeld, wo sich der Kaiserslauterner Bitz gewaltig abrackerte, ein Übergewicht. Der sichere Jaschin-Nachfolger bei Dynamo Moskau, Torhüter Pilguj und einiges Pech verhinderten den entscheidenden Treffer der konditionell sehr starken Amateure.

Viel Beifall bei der Vorstellung der beiden Mannschaften erhielt Nürnbergs „verlorener Sohn“ Roland Stegmayer. Nach dem Abspielen der Nationalhymnen durch die Adelsdorfer Jugendkapelle gewann Deutschlands Mannschaftskapitän Egon Schmitt die Platzwahl gegen den UdSSR-Libero Sosnichin.

Beide Mannschaften begannen betont vorsichtig. Doch dieses Abtasten dauerte nicht einmal dreihundert Sekunden. Plötzlich „schickte“ Nickel nach einem Fehlpaß der Sowjetrussen im Mittelfeld den Duisburger Wunder, der nach rechts ausgebrochen war, Abromow mit zwei Körpertäuschungen ins Leere laufen ließ und zur Mitte flankte, wo die UdSSR-Abwehr einschließlich Torhüter Pilguj wie gebannt dem Leder entgegenstarrte. Stegmeyer stieg hoch und köpfte den Ball zum 1:0 ein.

Uli Hoeneß jubelte mit Roland Stegmayer, die Vorarbeit kam von Klaus Wunder.

Uli Hoeneß jubelte mit Roland Stegmayer, die Vorarbeit kam von Klaus Wunder. © Ulrich

Dieser schnelle Rückstand nach fünf Minuten ließ die Gäste schnell offensiver werden. Und schon im Gegenzug hatte Troschkin eine große Gelegenheit. Die deutsche Deckung war nach einem Pfiff von den Zuschauerrängen stehengeblieben. Troschkin knallte aber den Ball über das Tor.

Doch der Ausgleich ließ nicht lange auf sich warten. Die Sowjetrussen wurden feldüberlegen. Nach dem zweiten Eckball verlängerte Sanasanjan einen halbhohen, scharfen Schuß von Weremejew aus spitzem Winkel zum 1:1 in der zwölften Minute ins Tor.

Auch in der Folge sah die DFB-Abwehr nicht immer gut aus, wobei den Sowjets vor allem zustatten kam, das Baltes seinem Gegenspieler Kosinkewitsch viel Spielraum ließ. Auf der Gegenseite meisterte Pilguj einen Scharfschuß von Bitz, und Abramow konnte bei einer Flanke von Hoeneß vor Wunder klären. Beifall gab es für Stegmayer für seine Soli auf dem linken Flügel, Pfiffe für die deutsche Abwehr, als sie das Sicherheitsspiel übertrieb.

Die Fehlpässe auf deutscher Seite häuften sich. Dennoch lag das 2:1 in der Luft, als nach einer halben Stunde Stegmeyer bei einer glänzenden Einzelleistung nach innen paßte, wo aber Nickel und Wunder den Ball verfehlten. Applaus erhielt Weremejew, als er mit einem satten Weitschuß nur knapp vorbeischoß.

Jupp Derwalls Schützlinge taten sich sichtlich schwer gegen die Gästespieler, die mit sechs Mann angriffen und ständig die Positionen tauschten. Die UdSSR-Abwehrkräfte deckten nicht stur den Mann, sondern übernahmen gegenseitig ihre Gegenspieler. Die deutsche Elf konnte sich zwar ab der 35. Minute eine Feldüberlegenheit erspielen, doch außer einem gekonnten Freistoß von Nickel, den Pilguj sicher hielt, verzeichnete sie nichts Zählbares.

Hoeneß offenbarte große Schwächen im Zuspiel und im Zweikampf und vermochte in den ersten 45 Minuten nicht zum Regisseur des deutschen Angriffs zu werden. Zum zweiten Durchgang trat die deutsche Olympiamannschaft mit dem Saarbrücker Muche im Tor an; der den Bochumer Bradler ablöste.

Die Sowjets änderten ihr Team zunächst nicht. Wieder holte sich Stegmayer Sonderbeifall, als er bei einem Solo den Ausputzer Sosnichin, der als einziger der Gästespieler bereits in der A-Nationalmannschaft war, narrte, sein Schuß wurde jedoch von Pilguj gemeistert. Bitz hatte wenig später wieder bei einem Gewaltschuß, der knapp neben das Tor sauste, Pech. Ebenso knapp trudelte ein Köpfball von Wunder auf Flanke von Bitz an der Latte vorbei ins Aus.

Hoeneß taute auf

Die deutsche Elf bestimmte in der ersten Phase nach der Pause das Geschehen. Als nach einer Stunde Spielzeit die ersten Rufe „Aufhören“ erklangen – das dahinplätschernde Geschehen auf dem Rasen konnte die Zuschauer in der empfindlichen Kühle kaum erwärmen – kam plötzlich wieder Leben ins Spiel.

Ein Treffer von Wunder wurde nicht anerkannt – der Neustädter Linienrichter Nützel hatte Abseits gewunken –, und auch auf der Gegenseite annullierte Schiedsrichter Carminati ein Tor der UdSSR, das Troschkin aus 25 Meter Entfernung erzielt hatte, wegen Abseits. Bei einem weiteren Gewaltschuß von Sanasanjan hatte Muche Glück: der Ball prallte von der Oberkante der Latte ins Aus.

In der 61. Minute wechselte Jupp Derwall den schon leicht verletzt ins Spiel gegangenen Stegmayer gegen den Duisburger Seliger aus, der damit sein erstes Länderspiel bestritt. Hoeneß taute plötzlich auf. Pilguj konnte in der 71. Minute seinen Scharfschuß erst im Nachfassen unschädlich machen. Nun kam Leben in den deutschen Angriff. Bitz scheiterte kurz darauf am gegnerischen Torhüter nach einer glänzenden Kombination des deutschen Angriffs. Pilguj war auch beim Weitschuß von Bitz auf dem Posten.

Auch sein Gegenüber Muche hatte bei einem der wenigen russischen Gegenangriffe Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Die deutsche Mannschaft beherrschte nun Spiel und Gegner.

Hoeneß hatte in der 78. Minute den Führungstreffer auf dem Fuß. Allein strebte er dem russischen Tor zu, doch Pilguj lenkte den Ball zur Ecke. Die linke deutsche Sturmseite wurde nach dem Ausscheiden von Stegmayer stark vernachlässigt. Seliger „rächte“ sich dafür mit einem Musterpaß aus der eigenen Hälfte, der für Hoeneß gedacht war, aber von Sosnichin mit der Hand abgefangen wurde, bevor er Unheil anrichten konnte.

Drei Minuten vor dem Abpfiff schien der deutsche Sieg perfekt. Kalb flankte von rechts, die UdSSR-Abwehr verpaßte, Wunder war zur Stelle und köpfte den Ball, allein vor Pilguj, als Aufsetzer, doch zu genau: das Leder sprang vom Boden gegen die Latte und von dort ins Aus. Sekunden später wurde Wunder mit einem Weitschuß geschickt, doch der Unparteiische sah im Duell mit Sosnichin ein Foul des Duisburgers.

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