9. Juni 1969: Bestürzung über den Club-Abstieg

9.6.2019, 08:19 Uhr
Umgeben von Hochzeitsgästen lauschte am Samstagnachmittag das frischgetraute Paar Herbert und Gertraud Wieder der Übertragung des Spiels im Clublokal.

Umgeben von Hochzeitsgästen lauschte am Samstagnachmittag das frischgetraute Paar Herbert und Gertraud Wieder der Übertragung des Spiels im Clublokal. © Kammler

Selbst die düstersten Voraussagen konnten den Fußballanhängern nicht die letzte Hoffnung auf ein Wunder nehmen. In Trauer und Klagen stimmten auch diejenigen ein, die sich bisher wenig mit dieser Sportart befaßten, die aber andererseits stolz waren, daß „Ihr“ Club zu den traditionsreichsten und erfolgreichsten Mannschaften des Landes zählte – und nach Ansicht der meisten von ihnen bald wieder zählen wird.

Junge Burschen und Mädchen, die sonst an Wochenenden zu den Beat-Kängen aus den Transistor-Radios durch die Straßen tänzeln, lauschten am Samstagnachmittag aufmerksam der Übertragung aus Köln. Auch ältere Herren scheuten sich nicht, in Parkanlagen auf Bänken sitzend verstohlen ein kleines japanisches Transistorgerät hervorzuziehen und so Ohrenzeuge dieser spektakulären Niederlage zu werden.

Das zweite Kölner Tor. Entsetzt hört dieser Clubanhänger (links) die Stimme des Rundfunkreporters aus dem Kofferradio. Für seinen Kollegen (rechts) kommt diese Niederlage offenbar nicht ganz überraschend.

Das zweite Kölner Tor. Entsetzt hört dieser Clubanhänger (links) die Stimme des Rundfunkreporters aus dem Kofferradio. Für seinen Kollegen (rechts) kommt diese Niederlage offenbar nicht ganz überraschend. © Kammler

Hier und da hatten sich einige Gleichgesinnte in Gastwirtschaften um ein Radio geschart, doch ausgesprochene „Großversammlungen“ sah man diesmal nicht, wie man es von früheren Schlagerspielen gewohnt war, um anschließend gemeinsam einen großen Sieg zu feiern.

Die meisten wußten wohl, daß das Kölner Treffen keinen Anlaß zum Feiern geben wird. Kaum jemand aber hätte das noch am Spielbeginn eingestanden. „Wir müssen es einfach schaffen!“, meinten die meisten.

Die Herzen der Nürnberger – und wenn auch nur aus Prestigegründen – waren am Samstag bei ihrem Club in Köln. Unfaßbar das erste Tor der Gastgeber, dann das zweite und schließlich das dritte zwölf Minuten vor dem Abpfiff. Aber auch in diesem Augenblick gab es noch Optimisten, die an ein Wunder glaubten: „Vier Tore in zwölf Minuten wären ungewöhnlich, aber doch nicht unmöglich!“

Alles war vergessen

Nicht nur in Parks und in Lokalen erklang die Fußballübertragung aus den Radio-Lautsprechern. Auf den Straßen versammelten sich Passanten um Besitzer von Kofferradios. Menschen, die sich vorher nie gesehen hatten, wurden plötzlich Leidensgenossen. Und gelitten haben wohl die meisten der Nürnberger Zuhörer – und nicht nur in Nürnberg. Denn die Anhänger des Clubs sind im ganzen Land zu finden.

In der Clubgaststätte des 1. FCN am Valznerweiher feierten am Samstagnachmittag gleich zwei frisch getraute Paare im Kreise ihrer Verwandten und Bekannten ihren großen Tag. Während der Kölner Rundfunkübertragung aber versammelten sich die meisten Gäste mit den Brautpaaren um Radios und verfolgten die Begegnung. Während dieser Zeit war alles vergessen. Einziges Gesprächsthema war die Club-Niederlage.

Bei der Premiere des Circus Sarrasani am Nachmittag dieser für den 1. FCN so schicksalhaften Begegnung klang aus kleinen Transistorgeräten mancher Besucher immer wieder die Stimme des Kölner Reporters. In diesen Augenblicken waren die schönsten Raubtierdressuren und akrobatischen Hochakte vergessen. In der Premierenpause versammelten sich vor dem Zelt wieder große Gruppen, um sich vom neuesten Stand der Begegnung in Köln zu unterrichten. Und wenn die Zuschauer dem Zirkus manchmal nicht sofort den verdienten Applaus zollten, so waren nicht die Darbietungen schuld daran, sondern allein die gedämpfte Stimmung der Menschen, die sich oft mehr für das Treffen in Köln interessierten.

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