Kalenderblatt

9. Mai 1971: Ein Markt im Sommer

9.5.2021, 07:00 Uhr
Folklore und Fachwerk: im Schatten des Königstorturms entstand in wenigen Wochen das Handwerkerstädtchen „Alt-Nürnberg“.

Folklore und Fachwerk: im Schatten des Königstorturms entstand in wenigen Wochen das Handwerkerstädtchen „Alt-Nürnberg“. © Kammler

Ausstellungsfachmann Helmut Könicke, seine Mitarbeiter und die Unternehmen, die er gewinnen konnte, haben es in kurzer Zeit für 500 000 DM hingestellt und mit Zutaten versehen, die landläufig Nürnberg zugerechnet werden: Lebkuchen, Rostbratwürste, Docken, Zwetschgamännla oder Hans Sachsens derber Humor. Bis einschließlich 1973 bittet der Handwerkerhof vom 30. April bis zum 30. September täglich zwischen zehn und 20 Uhr die Fremden und Einheimischen um regen Zuspruch.

Auf die Bühne für die Gaukler, Bänkel- und Moritatensänger war gestern früh bei der Generalprobe sogar der Schuhmacher und Poet bemüht worden. Hans Sachs hielt lautstarke Zwiesprache mit seinem Zeitgenossen Albrecht Dürer, damit dieser schaue, was zu Ehren seines 500. Geburtstags (und zum wirtschaftlichen Frommen der Beteiligten) im engen Gebiet aufgebaut worden ist. Da tut die Bayerische Vereinsbank „hiermidt kundt und zu willen“, daß sie gleich rechter Hand beim Eingang“ eine Wechselstub betreibet und dortselbigst auch Müntzen präget.“ In der gleichen Häuserzeile formt ein Schmied das heiße Eisen, sitzt eine Zinngießerei und werden Lebkuchen feilgehalten.

Junge Kunstgewerbler und Studierende der Akademie der Bildenden Kunst bieten ihre Werke an. Es gibt die mittelalterliche Gold-und Silberschmiede, das Münzkabinett, die Tandlerei, die stilvoll eingerichtete Lebküchnerei und die Kunsttöpferei. Wilhelm Ruch, der Meister der Keramik aus Burgthann, fand so viel Gefallen an seiner Werkstatt, daß er sie samt einigen historisch gewandeten Schönen im Bild festhielt.

Auch der Andenkenladen fehlt nicht im Handwerkerhof. Das von den Diehl-Werken nach dem Original von Peter Henlein gebaute „Nürnberger Ei“ gibt es zwar erst in einigen Wochen, aber es hat alle Chancen, zu einem der begehrtesten Mitbringsel zu werden. Dazu braucht es keiner großen Prophetengabe.

Für das leibliche Wohl der Besucher aber sorgen renommierte Gastronomen. Das „Bratwurstglöckla“ ist wiedererstanden und lädt wie die fränkische Weinstube zum Rasten. Auch im „Gärtla“ ist Platz, eingerahmt vom Ziehbrunnen und alter Kelter. Von hier aus und aus den Fenstern der Wirtsstuben läßt sich der Trubel gut beobachten.

Denn daß sich in „Alt-Nürnberg“ alsbald die Leute gegenseitig auf die Zehen treten, daß ein richtiges „Gwerch“ herrschen wird, gilt als ausgemacht.

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