Gefühl der Hilflosigkeit 

Afghanen aus Nürnberg sind entsetzt über Sieg der Taliban

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Hartmut Voigt

Lokalredaktion Nürnberg

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11.9.2021, 10:12 Uhr
Hunderte Afghanen laufen auf dem Rollfeld des Flughafens in Kabul neben einer Boeing her. Sie wollen in ein Flugzeug gelangen und fliehen.

Hunderte Afghanen laufen auf dem Rollfeld des Flughafens in Kabul neben einer Boeing her. Sie wollen in ein Flugzeug gelangen und fliehen. © dpa-Bildfunk

"Es ist einfach nur schrecklich, ich bin entsetzt und aufgewühlt. Die Bilder aus Afghanistan lassen mich nicht mehr los, ich kann nicht mehr schlafen", sagt Zahidullah A., der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling 2015 nach Nürnberg gekommen ist.

Anruf vom Flughafen in Kabul

Vom Flughafen in Kabul haben ihn am Montag seine Stiefgeschwister angerufen. Sie besitzen zwar keine Flugtickets, aber für sie ist es die einzige Chance, vor den Taliban zu fliehen: "Sie haben zu mir gesagt: 'Kannst du uns nicht helfen, dass wir hier rauskommen? Bitte, kannst du nicht irgendetwas für uns tun?'", berichtet der 23-Jährige, "aber was soll ich denn machen? Ich kann gar nichts tun."

Er fühlt sich hilflos und elend: Die Fernseh-Bilder vom Flughafen, dem letzten Fluchtpunkt für unzählige Landleute, die nach dem Sieg der Taliban nur schnell aus ihrer Heimat weg wollen - sie belasten ihn. Und wenn er sich vorstellt, dass mittendrin seine Verwandten sind, ist er nur noch bedrückt. Auf facebook kursieren unzählige Videos von Menschen, die panisch rennen, einfach nur voller Angst davonrennen.


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Zahidullah A. hat in Nürnberg Deutsch gelernt und seinen Abschluss an der Wirtschaftsschule gemacht. Er sieht einen wesentlichen Grund für den Zusammenbruch des Landes in der mangelnden Bildung der afghanischen Bevölkerung.

Studenten, Frauen und Gebildete seien gegen die Taliban. "Aber bei der Generation über 40 Jahren und auf dem Land, wo viele nicht lesen und schreiben können, haben die Taliban viel Rückhalt", meint der junge Erwachsene.

Vater wurde vor seinen Augen ermordet

Zahidullahs Vater wurde vor seinen Augen von den Taliban ermordet, weil er Mitarbeiter des Geheimdiensts der afghanischen Regierung war. Seine mittlerweile verstorbene Mutter hatte ihm 2015 zur Flucht geraten. Eine Flucht ohne Rückkehr, wie es scheint. "Die Zukunft dort wird schrecklich, das wird nie wieder mein Afghanistan sein", glaubt er. Wie es mit ihm selbst weitergeht, weiß er nicht: Er hat im Moment eine Aufenthaltsgestattung, sein Asylverfahren läuft allerdings noch.

Genauso wie bei seinem Landsmann Haroon I., der keinen endgültigen Asylbescheid in Händen hält. Eine Gerichtsverhandlung in Ansbach zu diesem Thema wurde erst kürzlich verschoben.


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Der 23-jährige ist ebenfalls 2015 nach Nürnberg gekommen. Er war von den Taliban gefangenen genommen worden, konnte aber entkommen. Seine Flucht durch viele Länder führte ihn schließlich nach Franken, im September will er seine Ausbildung als Fliesenleger beginnen. Von seiner Familie hat er seit 2015 nichts mehr gehört, nur so viel weiß er von einem früheren Nachbarn: Im Heimatort leben seine Angehörigen nicht mehr.

"Ich spüre viel Druck und habe Angst"

Haroon I. sitzt zu Beginn unseres Gesprächs zwei Minuten nur still da und wischt sich die Tränen aus den Augen. Er kann zunächst keine Worte finden für die Verzweiflung über die Machtübernahme der Taliban, die so viele Menschen in seiner Heimat ermordet haben. "Ich bin sehr traurig, ich spüre viel Druck und habe Angst", erklärt der junge Erwachsene schließlich, "die Taliban verfolgen mich in meinen Träumen - wenn ich überhaupt schlafen kann."

Er hat in den vergangenen Wochen den sich abzeichnenden Zusammenbruch seines Heimatlandes am Smartphone verfolgt. TV-Sendungen und Videos auf den sozialen Medien sehen - und gleichzeitig sich absolut ohnmächtig fühlen: Dass bedrückt ihn sehr.

Keine Hoffnung mehr

Am Samstag fand eine Demonstration vor dem Opernhaus gegen die Taliban statt, berichtet er. Doch jetzt gibt es keine Hoffnung mehr, es ist eine verzweifelte Situation: "Das ganze Land ist kaputt, es werden viele versuchen, irgendwie zu fliehen", meint er, "nur über eines bin ich froh: dass es in Deutschland keinen Krieg gibt."

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