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Aktivist aus Chile mit Nürnberger Menschenrechtspreis geehrt

Rodrigo Mundaca kämpft in seiner Heimat für den freien Zugang zu Wasser - 22.10.2018 11:47 Uhr

Der Chilene Rodrigo Mundaca wurde mit dem Menschenrechtspreis 2019 der Stadt Nürnberg ausgezeichnet. © Stadt Nürnberg/Giulia Iannicelli


Dies hat die internationale Jury unter Vorsitz von Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly in einer zweieinhalbstündigen Sitzung einstimmig beschlossen. Der 57-jährige Agraringenieur erhält die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung, weil er sich "mit bewundernswertem Mut für das fundamentale Recht auf Wasser einsetzt. Die Jury hofft, dass der Preis Rodrigo Mundaca den notwendigen Schutz gibt, sein Engagement unter weniger Gefahren fortzusetzen", heißt es in der Begründung der Jury.

Rodrigo Mundaca ist Generalsekretär der Organisation MODATIMA (Movimiento de Defensa por el protección del Medio Ambiente/Bewegung zur Verteidigung des Zugangs zu Wasser, der Erde und des Umweltschutzes). Diese macht sich in seiner Heimatregion Petorca, nördlich von Santiago de Chile, für die freie Verfügbarkeit von Wasser stark. Weil 90 Prozent der Wasserrechte in Chile privatisiert sind, können große Agrar-Unternehmen, die hauptsächlich Avocados und Zitrusfrüchte für den Export produzieren, Wasser aus Flüssen für ihre Plantagen und private Brunnen ableiten.

Die gesetzliche Grundlage dafür wurde von der Militärdiktatur unter Führung von Augusto Pinochet geschaffen, die von 1973 bis 1990 bestand. "Es ist fragwürdig, dass dieses Gesetz bis heute nicht revidiert wurde", so Maly. Die Folge sind Konflikte mit lokalen Kleinbauern sowie der ländlichen Bevölkerung, die unter diesem Wasserraub sehr stark leiden. Oft müssen von der Bevölkerung kilometerweite Wege zurückgelegt werden, um an Trinkwasser zu gelangen.

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Das sind die Preisträger des Nürnberger Menschenrechtspreises

Eine große Ehre für große Leistungen: Seit 1995 verleiht die Stadt Nürnberg an Menschen, die sich weltweit für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, den Menschenrechtspreis. Wir haben alle bisherigen Preisträger für Sie zusammengefasst.


Bedrohung und Verfolgung

Weil der Kampf um Wasser in Chile extrem kriminalisiert wird, lebt Rodrigo Mundaca in ständiger Furcht, für sein Engagement bedroht, verfolgt und verhaftet zu werden. "Was für uns ganz selbstverständlich immer und ausreichend aus der Leitung kommt, ist an vielen Stellen der Welt ein Thema für Konflikte, Ausbeutung und Unterdrückung: sauberes Wasser. Insofern steht Rodrigo Mundaca mit seiner Organisation MODATIMA für viele Konflikte dieser Welt. Für Rodrigo Mundaca ist der Preis eine Hilfe, für uns ein Grund gründlich nachzudenken", betonte Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly bei der Bekanntgabe des Preisträgers. Dies gelte insbesondere für unser Konsumverhalten. 

In den Jahren 2012 bis 2014 stand Rodrigo Mundaca 24 Mal vor Gericht. Zudem leidet er unter permanenten Einschüchterungen, Bedrohungen und Verfolgungen. 2015 wurde er laut Jury-Mitglied Anne Brasseur auf offener Straße direkt im Zentrum von Santiago de Chile zusammengeschlagen. Die Polizei habe in diesem Fall niemals ermittelt. 2017 hat Mundaca, nach der Veröffentlichung einer Reportage der dänischen Nichtregierungsorganisation Danwatch über das Thema Wasserraub in Chile und die Folgen des großflächigen Avocado-Anbaus für europäische Märkte, Morddrohungen erhalten. Daraufhin wurde er eine Zeit lang versteckt gehalten. Zudem startete Amnesty International Chile eine Kampagne, um ihn zu schützen und mehr internationale Aufmerksamkeit für seine wichtige Arbeit zu gewinnen. Derzeit steht er aufgrund der starken Gefährdung unter Polizeischutz. 

660 Millionen ohne Wasser

"Der Zugang zu sauberem Wasser wurde am 28. Juni 2010 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen mit der Resolution 64/292, abgeleitet aus dem Recht auf Nahrung, als Menschenrecht anerkannt. Dennoch haben circa 660 Millionen Menschen weltweit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Fehlt diese wichtige Lebensgrundlage, müssen viele Menschen auch ohne direkte Gewaltanwendung ihr Land verlassen. Weiter möchte die Jury an das Verbrauchergewissen appellieren und für verantwortungsvollen Konsum sensibilisieren. Die Öffentlichkeit hat das Recht zu erfahren, welche negativen Auswirkungen mit dem Anbau, beispielsweise der Avocado, einhergehen", heißt es in der Jury-Begründung weiter. Jury-Mitglied Sonia Picardo als Präsidentin des Interamerikanischen Menschenrechtsinstituts telefonierte direkt nach der Entscheidung mit Mundaca. Der Preisträger sei tief gerührt und bewegt gewesen, so Picardo. Er wolle unbedingt persönlich zu der Preisverleihung im September nächsten Jahres kommen. "Wenn ich dann noch am Leben bin", so Mundaca am Telefon.  Neben Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly gehören der elfköpfigen Jury Hina Jilani, Audrey Azoulay, Prof. Dr. Maurice Glèlè-Ahanhanzo, Dani Karavan, Prof. Dr. Hilal Elver, Dr. Shirin Ebadi, Dr. h.c. Sonia Picado, Anne Brasseur, Kagwiria Mbogori und Prof. Dr. h.c. Gareth Evans an. 

Seit 1995 vergibt die Stadt Nürnberg alle zwei Jahre die Auszeichnung an Personen, die sich zum Teil unter erheblichen persönlichen Risiken für die Wahrung der Menschenrechte einsetzen. Der Preis ist laut Satzung ein Symbol dafür, dass von Nürnberg, der einstigen Stadt der nationalsozialistischen Reichsparteitage und der menschenverachtenden NS-Rassegesetze, "in Gegenwart und Zukunft nur noch Signale des Friedens und der Völkerverständigung ausgehen". Die 13. Preisverleihung findet am Sonntag, 22. September 2019, traditionell im Nürnberger Opernhaus statt.

Arno Stoffels Reporter-Team E-Mail

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