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Sonntag, 26.05.2019

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Als „Alt-Nürnberg“ neuen Bauten weichen musste

Am Jakobsplatz hielt einst internationale Architektur Einzug - 25.04.2019 16:15 Uhr

Altstadt ohne „alt“: 1899 war im Westen des Jakobsplatzes nur noch wenig von „des Reiches Schatzkästlein“ zu erkennen. © Hermann Martin (Sammlung Sebastian Gulden)


Ein Vorkriegspanorama der Nürnberger Altstadt auszugraben, auf dem man fast kein Bauwerk aus reichsstädtischer Zeit sieht, ist gar nicht so leicht. Wir haben die Herausforderung angenommen und präsentieren: Hermann Martins Fotografie der Westflanke des Jakobsplatzes an der Einmündung der Ludwigstraße und der Schlehengasse von 1899. Nur der ferne Spittlertorturm links zeigt, dass wir uns innerhalb der Stadtmauern befinden.

Es bedarf keiner Kristallkugel um weiszusagen, dass einige Leser die Nasen rümpfen werden ob der vermeintlich altstadtfeindlichen Architektur, die sich schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an dieser Ecke breitgemacht hat. Als das Seifenzahnhaus, der Bäckerhof und die Deutschhauskaserne (im Mittelgrund der beiden Panorama-Aufnahmen, von links nach rechts) gebaut wurden, gab es diese kritischen Stimmen auch schon.

Mit Ausnahme der Kaserne ist das Ensemble am Jakobsplatz noch heute vorhanden, wenngleich nun teils durch üppiges Begleitgrün verdeckt. © Sebastian Gulden


Zugegeben, für dieses Ensemble opferte man Wertvolles: 1862 bis 1865 musste die spätmittelalterliche Kommende – die Niederlassung – des Deutschen Ordens (mit Ausnahme der Elisabethkirche) einer Kaserne weichen, in der seit 1923 das Polizeipräsidium untergebracht war. Nur der Name erinnerte fortan noch an die geistlichen Ritter, die die Geschicke Nürnbergs und Frankens 600 Jahre lang mitbestimmt hatten.

Immerhin hübschte Ingenieur-Hauptmann a. D. Max Schwabl die steifen, weil streng symmetrisch und axial gegliederten Sandsteinfronten des Neubaus mit Zinnen, Tudorbögen und Türmchen auf. „Castellated Style“ („Zinnenstil“) nannte man das – ein Kulturimport aus Großbritannien, den die bayerischen Könige auch am Zeughaus in München oder dem alten Nürnberger Centralbahnhof (heute Hauptbahnhof) exerzierten.

Das Seifenzahnhaus von Architekt Franz Xaver Ruepp und der Bäckerhof von Fritz Blessing, die 1889 und 1890 vollendet waren, ersetzten je zwei große, im Kern mittelalterliche Bürgerhäuser, wobei jene an der Schlehengasse durch ihren reichen frühbarocken Fassadenschmuck imponierten.

Leicht lädiert, aber noch immer prunkvoll präsentiert sich das Seifenzahnhaus am Jakobsplatz 3 in unseren Tagen. © Sebastian Gulden


Die Neubauten zeigen, wie sich die Architektur binnen dreier Jahrzehnte verändert hatte: Der unnahbare Klassizismus war einer mondänen Formensprache gewichen. Diese folgte noch immer klassischen Entwurfsprinzipien, veredelte die Außenhaut der Bauten jedoch mit fast schon überkandideltem Schmuckwerk und malerischen Silhouetten nach Vorbildern der deutschen und französischen Spätrenaissance. Mit Nürnberger Bautradition hatte das freilich wenig zu tun.

So groß die Ähnlichkeiten zwischen beiden Häusern sind, so verschieden sind die Hintergründe ihrer Entstehung: Die Parfümerie Seifenzahn, unter deren Namen das Haus Ludwigstraße 40/Jakobsplatz 3 Einheimischen heute bekannt ist, zog erst in den Nachkriegsjahren ein. Erster Ladeninhaber und Bauherr war der Tabakwarenhändler Albert Geng. Der Bäckerhof dagegen entstand als Standeshaus der Bäckerinnung mit Gaststätte, Prunksaal und Wohnheim für Lehrlinge.

Mit vereinfachten Fassaden, aber immer noch oho! Der Bäckerhof in der Schlehengasse 2. © Boris Leuthold


Nach den Luftangriffen und der „Schlacht um Nürnberg“ am Ende des Zweiten Weltkriegs zeigte sich, dass die Deutschhauskaserne weit weniger robust war, als ihre Türmchen und Zinnchen vorspiegelten. Ob die erhaltenen Außenmauern hätten gerettet werden können? Diese Frage stellte sich 1960 niemand mehr, als das neue Polizeipräsidium an ihre Stelle trat.

Dem Bäckerhof und dem Seifenzahnhaus hätte es ebenso ergehen können. Allein, die Eigentümer besannen sich eines Besseren und zogen das Bewahren dem radikalen Schnitt vor. Die restaurierten Fassaden der beiden Prachtbauten verschleiern, dass die Bauten dahinter schwer beschädigt waren. Wer genau hinsieht, erkennt, dass die Dachlandschaft und der Fassadenschmuck nicht mehr vollständig sind.

Ob man sich am mondänen Prunk des Historismus erfreuen kann, das ist ganz am Ende natürlich Geschmackssache. Wohl also dem, der die Dinge nimmt, wie sie sind, denn der findet immer einen Grund zum Genuss.

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Noch mehr Artikel des Projekts „Nürnberg – Stadtbild im Wandel“ finden Sie im Internet unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel. 

Sebastian Gulden

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