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Alte Kunst trifft neue Medien

Auch Online-Sammlungen müssen geordnet und sinnvoll dargestellt werden - 07.06.2019 12:09 Uhr

Auf dem Smartphone lässt sich multimedial noch mehr vom Werk erfahren. © Michael Matejka; Illustration: Ralph Meidl


Dass Museen, Archive und Bibliotheken ihre Sammlungen und Bestandskataloge ganz oder zumindest teilweise für jeden zugänglich im Netz veröffentlichen, gehört mittlerweile zum guten Online-Ton. Aber getan ist es damit nicht. Denn massenweise Informationen auf die Homepage zu packen, ist nur dann wirklich nutzbringend, wenn diese Informationen verknüpft werden und jeder - egal ob Forscher oder Laie - auch das finden kann, was er sucht. 

Ähnlich wie reale Ausstellungen müssen auch Online-Sammlungen kuratiert, das heißt geordnet und sinnvoll dargeboten werden. "Man muss eine Struktur schaffen", sagt Dominik von Roth, der mit seiner Kollegin Katrin Herbst seit einem Jahr genau daran im Germanischen Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg arbeitet. Als eines von nur acht sogenannten Leibniz-Forschungsmuseen in Deutschland arbeitet das GNM in Nürnberg an einem von der Bundesregierung finanziell geförderten "Aktionsplan" zur Digitalisierung. Jetzt ist Halbzeit für das Projekt. 

Konkret stellen die beiden Wissenschaftler mit Hilfe einer Webprogrammiererin und einer Pädagogin zunächst den bisherigen GNM-Audioguide auf neue, multimedialere Füße. Da kann man dann zu einzelnen Gemälden zum Beispiel die Vorzeichnung sehen, bekommt ein anderes Werk des Künstlers zum Vergleich präsentiert oder Videos von Wissenschaftlern, die das Thema erforschen. "Intuitiver, emotionaler und visueller" will man den Besucher künftig durch das baulich doch sehr unübersichtliche Riesen-Museum lotsen. 

Der Guide solle "nicht mehr so voraussetzungsvoll sein, sondern der Besucher sich einfach reinfallen lassen können in die Kulturgeschichte", sagt Roth. Dafür gab es kürzlich auch eine Fotokampagne, bei der Ecken, Flure und Treppenhäuser des Museums aufgenommen wurden, um künftig bildlich die Wegeführung zu erleichtern.

"Bis zum Sommer wollen wir die einstündige Führung zum Kennenlernen des Hauses komplett überarbeitet haben. Das wird eben keine Highlight-Show, sondern wir erzählen eine Geschichte, und die wird mit ausgewählten Exponaten illustriert", sagt von Roth. Wie seine Kollegin Katrin Herbst hat er lange als Guide in Museen gearbeitet und weiß, wie wichtig die gelungene Vermittlung von Informationen für die Zufriedenheit der Besucher mit einem Ausstellungshaus ist.

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Ein weitaus größeres, visionäreres und langfristigeres Projekt ist die innovative Lern- und Wissensplattform, die Ende des Jahres starten soll: Ein webbasierter Wissensspeicher, auf den jeder mit Internetzugang jederzeit von überall auf der Welt zugreifen kann. "Wir erzählen dort lauter Mikrogeschichten, die sich zu einer großen Geschichte verbinden", sagt Herbst. Klug gesetzte Links und weiterführende Informationen sollen den Besucher mit allem Wissenswertem zum einzelnen Objekt und darüber hinaus versorgen - ein Netz an Informationen, in dem sich jeder frei nach Gusto bewegen und forthangeln kann. Beim berühmten Goldhut von Ezelsdorf/Buch zum Beispiel wird es um die Bedeutung von Gold in früheren Zeiten gehen oder um Glaubensrituale. Und wer etwa vor Werken Dürers steht, der kann auch einfach auf Renaissance klicken, um mehr über diese Epoche zu erfahren. 

"Man kann an den Aufrufzahlen schnell sehen, was funktioniert und was nicht und hat ein unmittelbares Feedback. Der Clou an unserer digitalen Lern- und Wissensplattform ist, dass wir sie ganz und gar von der Vermittlung und den Fragen der Besucher her denken", sagt Herbst, die selber von einem "großen Abenteuer und Experimentierfeld" spricht. Noch dazu eines, das nie ganz und gar beackert sein wird. 

Testfeld und Ausgangspunkt ist - aus ganz handfest analogen Gründen - das Spätmittelalter. Diese Abteilung der GNM-Dauerausstellung wird derzeit umgestaltet. 

Und wie steht es mit technischen Mitteln wie Virtual oder Augmented Reality? "Solche technischen Gymmicks wollen wir nicht als Selbstzweck nutzen, sondern nur als Mittel zum Zweck", sagen die beiden, die sich selbst als "Brandbeschleuniger" für die Entwicklung der Digitalstrategie des GNM bezeichnen. Das alte Klostergebäude und die Kartäuserkirche, die Teil des Museums sind, könnte man zum Beispiel sinnvoll und für den Besucher gewinnbringend virtuell so zeigen, wie sie einst aussahen.

Auf lange Sicht soll der neue Medienguide mit der Lern- und Wissensplattform verbunden werden. Aber dazu müssen beide Neuerungen erst einmal separat zum Laufen gebracht werden. Seit einigen Wochen gibt es auf der Homepage den neuen Button "GNM digital" mit den Online-Beständen und Infos zu Forschungsprojekten. 

Die allzeitige digitale Verfügbarkeit bedeutet aus Sicht der Forscher für den Fortbestand von Museen übrigens keinerlei Gefahr. Im Gegenteil: "Damit gewinnt das Analoge an Wert." Die Menschen wollten die Originale sehen, ist Dominik von Roth überzeugt und betont: "Ziel der digitalen Kampagne ist es, das einmalige Museumserlebnis zu stärken."

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