Alte Zeitungen mit einer neuen Botschaft

11.7.2018, 17:00 Uhr
Die Referenten Reiner Prölß (v. l. n. r.) und Peter Pluschke, Susanne Pöllet und Ilona Christl von der Awo und Marcel Heuer sehen zu wie Negassty Abraha und Messeret Kasu (1. u. 2. v. r.) eine NN in eine Tasche verwandeln.

© Michael Matejka Die Referenten Reiner Prölß (v. l. n. r.) und Peter Pluschke, Susanne Pöllet und Ilona Christl von der Awo und Marcel Heuer sehen zu wie Negassty Abraha und Messeret Kasu (1. u. 2. v. r.) eine NN in eine Tasche verwandeln.

Zugegeben, bunt und glänzend wie viele ihrer Pendants aus dem Einzelhandel kommen Marcel Heuers Taschen nicht daher. Sie bestehen nicht nur aus gräulichem Altpapier, sondern sind auch übersät mit Schlagzeilen, Fotos und jeder Menge kleingedrucktem Text. Trotzdem ist sich Heuer sicher, dass sie ihm bald aus der Hand gerissen werden, wenn er die ersten 500 Exemplare am Samstag bei Bio Erleben am Hauptmarkt verteilt. Und zwar nicht nur, weil er die umweltfreundlichen Tüten mit der Juteschlaufe kostenlos unters Volk bringen will, sondern auch, weil sie keine kommerzielle Botschaft tragen.

Statt eines Firmenlogos oder eines Werbemotivs, prangen auf den Zeitungstaschen, von denen Heuers Verein Hawelti im Laufe eines halben Jahres mindestens 15 000 Stück verteilen will, nur "Steckbriefe" von Geflüchteten. Auf diesen verraten die abgebildeten Menschen nicht nur, wer sie sind und woher sie stammen. Sie erläutern auch, warum sie ihre Heimat verlassen und was sie sich persönlich wünschen, um ihnen die Integration in die deutsche Gesellschaft zu erleichtern.

Gegen Klischees

Genau das ist auch das Ziel, das Hawelti e. V. mit seinem Zeitungstaschen-Projekt verfolgt. Normalerweise setzt sich der Nürnberger Verein für humanitäre Hilfe und Bildung in Äthiopien ein. Nachdem man aber immer wieder Aussagen wie "Die Flüchtlinge haben doch alle keine Schul- und Ausbildung" oder "Die kommen nur nach Deutschland, um hier Sozialleistungen zu erhalten!" hörte, stand fest, dass man "nicht wegschauen darf, sondern versuchen muss, etwas gegen diese Klischees in den Köpfen zu tun", so Marcel Heuer.

Sein Ziel ist, "den Flüchtlingen", über die alle Welt spricht, ein Gesicht zu geben. "Man redet in der öffentlichen Debatte zwar immer von ,den Flüchtlingen‘ oder dem ,Flüchtlingsproblem‘, aber das sind alles Menschen und keine Masse", sagt Ilona Christl. Die Ehrenamtskoordinatorin bei der Awo und ihre Kollegen kriegen Tag für Tag mit, dass es um Individuen geht. "Da ist ein Arzt genauso dabei wie ein kleines Mädchen", sagt Ilona Christl. "Es ist daher gut, dass die Einzelschicksale dieser Menschen mal vorgestellt werden."

Die Steckbriefe, auf denen das geschieht, erinnern Umweltreferent Peter Pluschke an seine Kindheit: "So ähnlich sah auch mein Flüchtlingsausweis aus", verrät Pluschke, dessen Familie vor langer Zeit ebenfalls fliehen musste. Auch aufgrund seiner eigenen Erfahrungen ist er sicher, dass die Integration der Geflüchteten in Nürnberg schon klappt. "Damals gab es auch viele Reibungspunkt zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen." Was ihm als Umweltreferenten natürlich ebenfalls gefällt, ist, dass "die Zeitung zu neuem Leben erweckt" wird und das Papier vor dem Recycling eine "sinnvolle Zwischennutzung" findet".

Sozialreferent Reiner Prölß, der mit Peter Pluschke die Schirmherrschaft des Projektes übernommen hat, ist es wichtig, der "Sprachverschmutzung" in der Flüchtlingsdebatte etwas entgegenzusetzen. "Es ist wichtig, die Menschen mit den Einzelschicksalen der Betroffenen zu konfrontieren, um eine Art ,Gegenöffentlichkeit‘ zu schaffen", sagt Prölß.

Aber auch dem handwerklichen Aspekt - die Taschen werden von in Nürnberg lebenden Geflüchteten gefertigt - gewinnt er Positives ab. Denn gerade Äthiopier, laut Prölß die drittgrößte Nationalität unter den Geflüchteten, haben mangels sogenannter Bleibeperspektive oft keinen Zugang zu Integrationskursen, dürfen keine Arbeit oder Ausbildung aufnehmen und seien quasi "zum Nichtstun-Dürfen verurteilt", kritisiert er.

Natürlich sei das Projekt nicht auf Äthiopier begrenzt, schiebt Heuer sicherheitshalber nach und betont: "Es darf jeder mitmachen, egal woher er kommt." Auch über Einheimische, die Taschen fertigen wollen, würde er sich freuen, betont er: "Das brächte auch Geflüchtete und Deutsche miteinander in Kontakt." Ein Mangel an Freiwilligen ist - zumindest was Zuwanderer angeht - dank der Projektpartner nicht zu erwarten. Neben der Awo sind auch der Runde Tisch Menschenrechte in Nürnberg sowie der Verein MigrantenOrganisationen in Nürnberg, MOiN e. V., an Bord.

Das Material für die originellen "Werbeträger", dank der die Steckbriefe nicht im Papierkorb, sondern in interessierten Händen landen sollen, stammt von den Nürnberger Nachrichten: Der Verlag spendet die für das Projekt nötigten Zeitungen, die sonst als Rohstoff an Verwerter gehen. Schließlich leistet das Zeitungstaschen-Projekt von Hawelti nicht nur einen Beitrag zur Integration geflüchteter Menschen in Nürnberg, sondern zeigt zudem: Auch eine alte NN kann durchaus noch eine neue — und wichtige — Botschaft transportieren.

Das Fest "Bio Erleben" wird vom 13.–15. Juli auf dem Nürnberger Hauptmarkt gefeiert, Fr. 13–22 Uhr, Sa. 10–22 Uhr, So. 10–16.30 Uhr. Weitere Infos: www.bioerleben.nuernberg.de

Infos und Kontakt zu Hawelti e. V.: www.hawelti.de

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