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An drei Orten: So läuft Nürnbergs bislang größte archäologische Grabung

In Boxdorf, Wetzendorf und an der Marienbergstraße wird gearbeitet - 24.09.2020 10:35 Uhr

Die Wissenschaftler haben die Untersuchungen bei Boxdorf nahezu abgeschlossen.

© Foto: Eduard Weigert


Von 1300 bis 800 vor Christus existierte bei Boxdorf eine feste Siedlung, in der zwischen 100 und 250 Einwohner lebten. Doch um 800 vor Christus wurde das Dorf verlassen: Die Menschen siedelten nun für Jahrhunderte in einzelnen Gehöften, um sich später erneut zu Dorfgemeinschaften zusammenzuschließen.

Warum? "Es ist ein europaweites Phänomen, das die Wissenschaft nicht erklären kann", bedauert Stadtarchäologe John Zeitler, "es ist so, als hätte es über den gesamten Kontinent eine Lautsprecherdurchsage gegeben: ,Die Urnenfelderzeit ist zu Ende, geht weg von den Siedlungen und baut Gehöfte.‘"

Die archäologische Mega-Maßnahme im Nürnberger Norden verteilt sich auf drei Gebiete: Boxdorf, Wetzendorf und erste Sondierungen an der Marienbergstraße. Die Grabungen laufen seit zwei Jahren und werden noch weitere Jahre dauern. Doch der erste große Abschnitt – die Untersuchung des knapp 13 Hektar großen Boxdorfer Areals – steht kurz vor dem Abschluss.

Hier ist man auf das Töpferzentrum gestoßen, in dem einst Alltagswaren aus Ton gebrannt wurden. Das ist eine Seltenheit, die letzte derartige Anlage hat man 1976 entdeckt. Auf einer großen Fläche hatte man Lehm in einem halben Meter Tiefe abgebaut, Holz in 40 Zentimeter Höhe aufgeschichtet und die Tonschüsseln und Tassen in die Mitte gestellt. Die Keramik wurde mit Holz überdeckt, man zündete das Feuer an. Es entwickelte sich eine Hitze bis zu 900 Grad Celsius, der Ton wurde 24 Stunden gebrannt.

Hirse war sehr beliebt

Aus freigelegten Brunnenresten sammelten die Archäologen Körner und Samen ein, die Rückschlüsse auf den Ackerbau im ersten Jahrtausend vor Christus ermöglichen. Sie fanden viel Hirse, daneben Dinkel, Roggen, Erbsen und Linsen. Auch Ackerunkraut wie Weißer Gänsefuß oder Ackersenf sind nachweisbar. Dagegen haben sich Knochen im Erdreich in diesem langen Zeitraum zersetzt. Von Bestattungen sind nur mehr eine Bronzenadel zum Zusammenhalten der Kleidung und Bronze-Armreife eines Kindes übrig.

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Die Schmuckstücke sind mit grünlichem Kupfersulfat überzogen. Zwischen 20 und 40 Stunden dürfte es dauern, um einen – übrigens in Mittelfranken hergestellten – Reif mit einem Mikroskalpell vorsichtig zu reinigen. "Was der Mensch im Leben hatte, sollte er auch im Tod besitzen", sagt Zeitler.

Zu den Grabbeigaben gehörten außerdem Schüsseln mit Fleisch und Getreide sowie ein mit Honigmet oder Bier gefüllter Becher. Der Tote sollte auf seiner Reise ins Jenseits keinen Mangel leiden. Das archäologische Material des Boxdorfer Geländes ist in über 120 Kisten verpackt. Mit der Auswertung wird es noch dauern: Der Bericht der Grabungsfirma dürfte in einem Jahr fertig sein.

Deutlich umfangreicher werden die Arbeiten in Wetzendorf ausfallen. Dort haben Spezialisten bislang zwei von insgesamt 40 Hektar untersucht und jetzt schon 56 Kisten gefüllt. Ein Fund von Webgewichten macht Zeitlers Kollegin Melanie Langbein besonders hellhörig: "Das ist ein Beleg, dass hier einst ein Webstuhl gestanden hat. Das ist natürlich sehr cool, weil es sehr selten ist." Allerdings wurde vom Webstuhl selbst nichts geborgen.

Archäologin Langbein berichtet von Webhäusern, in denen die Menschen vor 2500 Jahren bunte Decken und Kleidung angefertigt haben: "Die waren nicht grau oder beigebraun, sondern hatten kräftige Farben und anspruchsvolle Muster."

Bunte Stoffe sind zersetzt

Sie hofft, dass sich einzelne Stoffpartikel am Bronzeschmuck erhalten haben. Denn die Textilien selbst sind im Lauf der Jahrtausende komplett zersetzt worden. "Wetzendorf wird spannend in den nächsten Jahren", meint Stadtarchäologe Zeitler.

Nürnbergs Baureferent Daniel Ulrich freut sich, dass die Archäologen im Gegensatz zu anderen Baustellen im Knoblauchsland bisher "niemals zeitkritisch" waren. Probleme gab es eher wegen des Artenschutzes, denn Feldlerche, Kibitz und Rebhuhn sind hier beheimatet. Klaus Köppel, Leiter des Umweltamts, betont, dass Ausgleichsmaßnahmen nach dem Bundesnaturschutzgesetz zwingend vorgeschrieben sind.

Ersatzflächen gibt es sowohl im Knoblauchsland wie auch im Süden Nürnbergs. Köppel spricht unter anderem von "Lerchenfenstern", also Flächen, die auf dem Acker nicht landwirtschaftlich genutzt werden und den Bodenbrütern Möglichkeiten zum Nestbau geben. Auch ein breiterer Abstand der Saatreihen und der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel sollen den Vögeln das Überleben ermöglichen.

Baureferent Ulrich rechnet damit, dass die geplante Wetzendorfer Bebauung mit Geschosswohnungen und Einfamilienhäusern bis 2025 realisierbar ist. Hier entsteht ein kleiner Stadtteil für bis zu 5600 Menschen. Kennzeichen ist ein großzügiger Park, der statt ursprünglich acht nun zehn Hektar groß werden soll.

Stadtarchäologe John Zeitler präsentiert Reste eines Tonkrugs aus dem Knoblauchsland.

© Foto: Eduard Weigert


Bei der dritten archäologisch interessanten Fläche im Nürnberger Norden geht es um ein Gelände an der Marienbergstraße. Hier sind es nur Vorsondierungen, die Spuren der Mittelsteinzeit (zwischen 8500 und 5000 vor Chr.) zutage gefördert haben.

"Falls das Areal ein Baugebiet werden sollte, wird es zeitlich und finanziell sehr aufwendig, was die Archäologie betrifft", merkt Zeitler an. Man müsste sehr kleinteilig vorgehen: Spezialisten würden 50 mal 50 Zentimeter kleine Flächen untersuchen und jeweils Schichten von fünf Zentimeter sichten. Das dauert.

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